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       # taz.de -- Tour de France und Klimakatastrophe: Suche nach Coolness
       
       > Radprofis klagen über 40-Grad-Temperaturen in Frankreich. Superstar Tadej
       > Pogačar fordert die Tour-Verlegung in eine weniger heiße Jahreszeit.
       
   IMG Bild: Eis unters Trikot: Profis des Teams Bahrain Victorious versuchen sich vor der Hitze zu schützen
       
       Als vergangenen Samstag auf der 14. Etappe hinauf nach Le
       Markstein/Fellering Regen auf das Peloton niederprasselte, waren einige
       Fahrer regelrecht beglückt. „Das war toll, das war erfrischend nach all
       diesen [1][Hitzetagen] zuvor. Ich habe es genossen“, meinte Ben Healy zur
       taz.
       
       Der Kanadier freute sich über die natürliche Kühle. In den meisten Tagen
       zuvor hatten die Fahrer selbst machen müssen, was jetzt der Himmel für sie
       bereithielt. Sie hatten sich gegenseitig Wasserflaschen über Kopf und
       Körper geschüttet, um bei 40 Grad Celsius Außentemperatur die eigene
       Körperwärme unterhalb der Fieberzonen zu halten. „Wenn du überhitzt bist,
       kannst du keine Leistung bringen“, konstatiert [2][John Degenkolb].
       
       Also investieren die Teams in eigene Kühlstrategien. Vor dem Rennen beginnt
       es mit Eiswesten, die angelegt werden, sobald man den klimatisierten
       Teambus verlässt. Beim einstigen „marginal gains“-Team Netcompany Ineos
       werden vor dem Start sogar kleine Plastikbottiche mit kaltem Wasser
       gefüllt, die die Fahrer mit kaltem Wasser unter ihre Unterarme stecken
       sollen.
       
       Während der Etappen werden die personellen und materiellen Ressourcen der
       Rennställe maximal beansprucht. Bis zu sieben Verpflegungspunkte, die man
       besser Kühlungspunkte nennen sollte, richtet etwa das Team UAE Emirates mit
       dem Gesamtführenden [3][Tadej Pogačar] ein. „Wir haben da vor allem
       Flaschen, aber auch gekühlte Gels herausgegeben“, sagt UAEs sportlicher
       Leiter Simone Pedrazzini.
       
       ## Solidarität der Teams
       
       Nicht jedes Team hat die materiellen und vor allem personellen Ressourcen,
       um so viele Kühlpunkte einzurichten. Pinarello Q36.5 etwa, der Rennstall
       des britischen Top-Mountainbikers Tom Pidcock, hatte auf der gleichen
       Etappe nur deren sechs. „Wenn Fahrer anderer Teams darum bitten, dann geben
       wir ihnen aber auch Flaschen“, unterstreicht Pedrazzini die Solidarität der
       Branche in Zeiten des Klimawandels.
       
       An diesen heißen Tagen wechselten etwa 200 Flaschen pro Team und Tag von
       den Begleitfahrzeugen zu den Athleten. Das heißt, sie mussten auch erst
       einmal in den Autos verstaut und während der Fahrt kühl gehalten werden.
       
       Nach jeder Etappe ging die Prozedur mit der nächsten Runde Kaltgetränke
       weiter, als Höhepunkt dann noch das Eisbad, teils in mitgebrachten mobilen
       Pools, teils in regelrechten Kühlwägen. Pogačar fühlte sich jedenfalls gut
       gekühlt, und auch sonst gab es keinen Hitzeschlag zu vermelden unter den
       Profis, zum Glück – und anders als noch bei der [4][Vuelta] 2024. Damals
       mussten der Italiener Antonio Tiberi und der Niederländer Thymen Arensman
       jeweils wegen Hitzeschlags im Krankenhaus behandelt werden. Arensman fuhr
       weiter, Tiberi aber musste aussteigen.
       
       Das waren ähnliche Bedingungen wie in den ersten zehn Tagen der
       diesjährigen Tour de France: Temperaturen niemals unter 30 Grad, oft bis an
       die 40 Grad, zuweilen sogar darüber. „Noch vor einigen Jahren galten 30
       oder 32 Grad als heiß. Jetzt fahren wir bei 40 Grad“, fasst Routinier
       Degenkolb, elfte Teilnahme bei der Tour, gegenüber der taz etwas
       konsterniert die Lage zusammen. Und sie dürfte, glaubt man der
       Wissenschaft, in Zukunft noch wesentlich unangenehmer werden. Erst recht
       für Menschen, die unter diesen Bedingungen körperliche Höchstleistungen
       anstreben.
       
       ## Überschreitung des Hitzegrenzwerts
       
       Eine im Fachmagazin Nature erschienene Studie untersuchte klimatische
       Veränderungen in den letzten 50 Jahren der Tour de France. Die an sechs
       Messorten – darunter die diesjährigen Etappenorte L’Alpe-d’Huez, Col du
       Tourmalet, Paris und Bordeaux – erfassten Daten belegen eine merkliche
       Zunahme an Hitzestress ab dem Jahr 2015. An einzelnen Tour-Tagen der
       Vergangenheit wurde da schon die im recht neuen Hitzeprotokoll des
       Weltradsportverbands UCI als gefährlich eingestufte Grenze von 28 Grad
       Celsius [5][Feuchtkugeltemperatur] überschritten.
       
       Feuchtkugeltemperatur, auch [6][Kühlgrenztemperatur] genannt und nach dem
       englischen Begriff Wet Bulb Globe Temperature mit WBGT abgekürzt, wird aus
       Werten für Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und
       Hitzestrahlung gebildet. Ein Wert von über 30 Grad WBGT gilt als potenziell
       lebensbedrohlich.
       
       Bis 28 Grad WBGT kann man laut UCI aber noch Wettkämpfe bestreiten. Wird
       der Wert überschritten, sollen sich Veranstalter, Jury und Fahrervertreter
       vor Ort zusammensetzen, um Maßnahmen zu beraten. Die können eine Verkürzung
       der Etappe bedeuten – wie dieses Jahr etwa auf der 9. Etappe geschehen –
       oder frühere Startzeiten, Schatten spendende Zelte am Ziel sowie mehr Kühl-
       und Verpflegungszonen.
       
       Prognosen über den Wetterverlauf gibt der medizinische Direktor der UCI,
       Xavier Bigard, heraus. „Wir geben den Veranstaltern Prognosen für die
       jeweils kommenden drei Tage“, sagte er der taz. Bigard errechnet dabei auch
       den jeweils aktuellen Wert der WBGT.
       
       ## Fahrer wehren sich
       
       Manchen Fahrern reichen diese kleinen Anpassungsstrategien aber nicht. Der
       italienische Radprofi Matteo Trentin hält das Fahren bei Hitze für
       „vielleicht nicht gefährlich, aber auf alle Fälle ungesund“. Er verweist
       gegenüber der taz auf Arbeitsschutzgesetzgebungen in Italien und Spanien,
       die Arbeitenden in der Landwirtschaft und auf dem Bau Tätigkeiten im Freien
       während der Mittagshitze verbieten.
       
       Superstar Pogačar geht noch weiter. „Wenn ich die Macht zur Veränderung
       hätte, würde ich den kompletten Wettkampfkalender ändern. Ich würde nicht
       mehr im Juli und August in den heißen Gegenden Rennen fahren, sondern den
       Kalender komplett modifizieren.“ Tatsächlich sollten die Verantwortlichen
       der Branche die Klimakarten der jeweiligen klassischen Radsportregionen
       studieren. Ginge es danach, müssten Tour de France und Vuelta a España ins
       Frühjahr oder den Herbst verlegt werden und die Frühjahrsklassiker in
       Belgien könnten näher an den Sommer heranrücken.
       
       Wie Tour-Ausrichter ASO darauf reagiert? Im Pressesaal der Tour de France
       weisen große Aufsteller auf den [7][Arctic Race of Norway] hin. Das Rennen
       wird auch von ASO veranstaltet und findet Mitte August in subarktischen
       Zonen Skandinaviens statt. Ist das schon die Keimzelle zur Tour de France
       in Zeiten globaler Erwärmung?
       
       21 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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   DIR [7] https://www.arctic-race-of-norway.com/en
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Tom Mustroph
       
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