# taz.de -- Gewerkschafter über VW-Rüstungspläne: „Wir sehen Risiken für die Kollegen“
> In der VW-Belegschaft sind viele für den Einstieg in die Rüstungsbranche,
> sagt der langjährige Mitarbeiter Namik Sarikaya. Er setzt sich dagegen
> ein.
IMG Bild: Gut gerüstet für die Zukunft? Protestaktion der IG Metall vor dem VW-Werk in Osnabrück
taz: Herr Sarikaya, Sie gehören zu einer Initiative von
Volkswagen-Mitarbeitenden, die gegen den Einstieg Ihres Arbeitgebers in die
Rüstungsindustrie sind. Wann kam das Thema auf Ihre Agenda?
Namik Sarikaya: Bei den letzten Tarifverhandlungen, als es hieß, wir
könnten Osnabrück nach 2027 nicht mehr mit Aufträgen versorgen. Kurz darauf
kam die Information, [1][dass Rheinmetall Interesse hat]. Da haben wir
angefangen, uns Gedanken zu machen. Denn die Kollegen in Osnabrück haben
eine Entwicklungsabteilung, die Studien durchgeführt hat, [2][dass man dort
auch Busse und Bahnen herstellen könnte].
[3][VW-Chef Oliver Blume kommuniziert ganz klar]: Sie wollen eine Rendite
von 8 bis 10 Prozent, bei den Fahrzeugen liegt sie momentan bei 2 bis 3
Prozent. Das ist ihnen zu wenig. Deswegen will Volkswagen in die
Rüstungsindustrie einsteigen, und zwar nicht nur in Osnabrück. In Wolfsburg
ist ein Group Defence Office gegründet worden, das prüfen soll, was sich in
welchem Werk herstellen lässt. Porsche hat zwei Milliarden in die Rüstung
investiert, beteiligt sich an Start-ups, steigt in Satellitenüberwachung
und Logistik ein. Volkswagen versucht, sich da breit aufzustellen.
taz: Sie sammeln dagegen Unterschriften und sind mittlerweile mit
Mitarbeitenden aus verschiedenen Standorten vernetzt, etwa Wolfsburg,
Salzgitter, Braunschweig, Zwickau und Dresden. Wie ist die Stimmung in der
Belegschaft?
Sarikaya: Zurückhaltend. Beim Unterschriftensammeln kommt sofort die Frage:
Was sollen die Kollegen denn sonst machen? Wenn sie keine Rüstung
herstellen, haben sie gar keine Arbeit mehr. Oder: Wenn Russland angreift,
müssen wir uns wehren können. Das sind die Gründe, warum viele eher dafür
sind. Im Einzelgespräch, wenn wir erklären, dass es eine
Sicherheitsüberprüfung gibt und dass man erst arbeiten darf, wenn man die
bestanden hat, dann kippen die Kollegen auch. Denn die Gefahr ist groß,
dass sie trotzdem arbeitslos werden.
taz: Warum sind Sie gegen den Umbau?
Sarikaya: Weil wir Risiken sehen für die Kollegen. Zum einen ethische und
psychologische Belastungen für die, die keine Waffen herstellen wollen und
unter Druck stehen. Zum anderen: Ein Standort, an dem Waffen produziert
werden, ist im Konfliktfall ein primäres Ziel. In den letzten beiden
Weltkriegen lag Kassel in Trümmern.
Wir glauben, dass die Mitbestimmung des Betriebsrats beschnitten wird. Wir
glauben, dass bei der Sicherheitsüberprüfung durch den Verfassungsschutz
sehr viele private und politische Informationen über Menschen gesammelt
werden. Und wo ein ganzes Werk umgestellt wird, wird es Kündigungen geben.
Wir haben einen Beschäftigungssicherungstarifvertrag, für den wir als
Mitarbeiter viel Geld bezahlen. Aber wenn Kollegen für die
Rüstungsindustrie nicht geeignet sind, kann trotzdem gekündigt werden.
Außerdem müssen bei neuen Produktionslinien die Kollegen neu eingruppiert
werden, Lohntabellen und Arbeitssysteme ändern sich. Das hat gravierenden
Einfluss auf unsere Tarifverträge.
taz: Das Gegenargument lautet: Rüstung sichert Arbeitsplätze.
Sarikaya: Aber wie soll das funktionieren? Was machen wir, wenn keine
Kriege sind oder wenn die Lager voll sind, weil es zu wenig Kriege gibt?
Heißt das, wir müssen uns in Kriege verzetteln, um weiter beschäftigt zu
werden? Diese Produkte werden nach der Produktion zerstört, sie schaffen
keine weiteren Arbeitsplätze, sie kommen in keinen Kreislauf, der Wert
schafft.
taz: Was kann eine Unterschriftenliste gegen eine Konzernstrategie
ausrichten?
Sarikaya: Widerstand ist nötig und er ist möglich. Auch ein kleiner
Widerstand zeigt, dass es Leute gibt, die nicht einverstanden sind. Und wir
merken, dass die IG Metall immer stärker unter Druck gerät, weil die
Sozialkürzungen immer wieder mit der Aufrüstung in Verbindung gebracht
werden. Die 500 Milliarden müssen ja irgendwo herkommen. IG Metall, Verdi
und DGB haben sich einem Bündnis gegen Sozialabbau angeschlossen. Ohne sich
gegen Militarisierung zu stellen, werden sie damit nicht erfolgreich sein.
22 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Ronja Morgenthaler
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