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       # taz.de -- Debatte um Leihmutterschaft neu entfacht: CDU bleibt laut Familienministerin Prien bei Nein
       
       > Nach dem Rücktritt von Jens Spahn gehen die Meinungen auseinander, ob das
       > Verbot der Leihmutterschaft noch zeitgemäß ist. Experten fordern offene
       > Diskussion.
       
   IMG Bild: Die Leihmutterschaft sei mit dem Werteverständnis der CDU nicht vereinbar, sagt Familienministerin Karin Prien
       
       dpa/epd | Nach dem Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn gibt es
       eine Diskussion über die in Deutschland verbotene Leihmutterschaft.
       Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann forderte eine neue
       Auseinandersetzung mit Themen der Reproduktionsmedizin. Bildungsministerin
       Karin Prien zeigte Verständnis für Paare, die sich Hilfe im Ausland holen.
       Die stellvertretende CDU-Vorsitzende glaubt nach eigenen Worten aber nicht,
       dass ihre Partei die Haltung zur Leihmutterschaft zeitnah ändert. Auch die
       Menschen in Deutschland sind bei dem Thema gespalten.
       
       ## Bürger uneins über das geltende Verbot
       
       39 Prozent gaben in einer repräsentativen Befragung des Instituts Insa für
       die Bild an, das Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland richtig zu
       finden. 41 Prozent erklärten hingegen, dass sie das Verbot für falsch
       halten. Ein außergewöhnlich hoher Anteil von 21 Prozent machte keine Angabe
       oder gab an, keine Antwort zu wissen. Insa befragte vom 17. bis zum 20.
       Juli 1.004 Menschen. Die maximale Fehlertoleranz beträgt plus/minus 3,1
       Prozentpunkte.
       
       Der CDU-Politiker Jens Spahn und sein Mann [1][hatten bekanntgegeben, dass
       sie Eltern geworden sind]. Eine [2][Leihmutter in den USA] brachte ihren
       Sohn Georg zur Welt. Damit umgingen die beiden ein in Deutschland geltendes
       Verbot, das Spahn in der CDU mitgetragen hat. In der Union brach ein Sturm
       der Empörung los, der am Samstag zu [3][Spahns Rücktritt als
       Unionsfraktionschef führte].
       
       ## „Das muss unendlich schwer sein“
       
       Bundesbildungsministerin Prien verwies in einem Interview des Portals „The
       Pioneer“ darauf, dass die CDU ihre Programmatik erst im Februar mit einem
       Parteitagsbeschluss verschärft habe. Demnach ist nicht nur die gewerbliche,
       sondern auch die sogenannte altruistische Leihmutterschaft – also ohne
       Bezahlung – mit dem Werteverständnis der CDU nicht vereinbar.
       
       Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könne, dass die CDU in naher Zukunft
       ihre Position verändert und etwas liberalisiert, sagte sie: „Das kann ich
       mir kaum vorstellen.“ Befragt dazu, was ihr beim Thema Leihmutterschaft
       durch den Kopf gehe, erklärte Prien: „Das muss unendlich schwer sein. Ich
       kann mir das persönlich ehrlicherweise nicht vorstellen.“ Denn man baue
       gerade in den neun Monaten einer Schwangerschaft eine starke Bindung zu dem
       Kind auf. Prien ist selbst Mutter von drei Kindern.
       
       ## Prien sieht betroffene Paare im Dilemma
       
       Auf der anderen Seite sehe sie natürlich auch das Dilemma von Paaren, die
       aus medizinischen Gründen – egal ob homo- oder heterosexuell – keine
       eigenen Kinder austragen könnten, sagte Prien „Das ist ein ganz furchtbares
       Schicksal, mit dem man sich abfinden können muss“, sagte sie. Dass das
       schwerfalle und dass individuelle Entscheidungen mit Blick auf
       Möglichkeiten im Ausland vielleicht anders ausfallen könnten, könne sie
       zumindest nachvollziehen.
       
       ## Haßelmann für neue Debatte
       
       Grünen-Fraktionschefin Haßelmann sagte den Zeitungen der Funke
       Mediengruppe, Spahns Rücktritt sei „absolut folgerichtig“ gewesen. „Die
       aktuelle gesellschaftliche Debatte zeigt auch, dass es geboten ist, sich
       erneut inhaltlich mit den Ergebnissen der Kommission zur reproduktiven
       Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin zu befassen.“
       
       Die Kommission war in der vergangenen Legislaturperiode von der
       Ampel-Koalition eingesetzt worden und hatte im April 2024 ihren
       Abschlussbericht vorgelegt. Sie empfahl, dass Schwangerschaftsabbrüche in
       der Frühphase der Schwangerschaft künftig nicht mehr grundsätzlich strafbar
       sein sollten. Leihmutterschaft könne der Gesetzgeber in bestimmten Fällen
       zulassen, „sofern insbesondere der Schutz der Leihmutter und das Kindeswohl
       hinreichend gewährleistet werden“.
       
       Allerdings wiesen die Mitglieder damals auch darauf hin, dass selbst die
       altruistische Leihmutterschaft – also ohne Bezahlung – das Risiko für
       Missbrauch berge. Sie sollte deshalb – wenn überhaupt – nur unter sehr
       engen Voraussetzungen ermöglicht werden, so die Kommission. Dazu zähle,
       wenn etwa ein nahes verwandtschaftliches oder freundschaftliches Verhältnis
       zwischen Wunscheltern und Leihmutter bestehe.
       
       ## Warnung vor „Kommerzialisierung“ von Frauen
       
       Die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen in der SPD hat sich
       beim Thema Leihmutterschaft noch nicht positioniert. Die Meinungsbildung
       sei noch nicht abgeschlossen, sagte die Co-Vorsitzende Ulrike Häfner den
       Funke-Zeitungen. Grundsätzlich kritisierten die Frauen in der SPD die
       zunehmende „Kommerzialisierung von Frauen in der Reproduktionsmedizin und
       die Ausnutzung deren materiellen Notlagen“.
       
       Auch in der Linksfraktion im Bundestag verweist man auf ein mögliches
       finanzielles Ungleichgewicht zwischen Leihmutter und den Paaren, die Eltern
       werden wollen. Die frauenpolitische Sprecherin Kathrin Gebel sieht auch
       altruistische Varianten kritisch: „Gesundheitliche Risiken, Abhängigkeiten
       und familiärer Druck“ verschwänden nicht automatisch, nur weil offiziell
       kein Geld fließe, so Gebel.
       
       Spahn war von 2018 bis 2021 Bundesgesundheitsminister – in seinen
       Zuständigkeitsbereich fiel damit das Embryonenschutzgesetz, in dem das
       Verbot von Leihmutterschaften geregelt ist. Prien zeigte sich offen dafür,
       das Gesetz „an der einen oder anderen Stelle“ noch einmal genauer zu
       betrachten und vielleicht auch das Adoptionsrecht. Dazu müsse sich die
       derzeit aufgeheizte Situation aber erst einmal etwas beruhigen.
       
       ## Ethikrat-Chef fordert offene Debatte über Leihmutterschaft
       
       Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Helmut Frister, fordert eine
       offene gesellschaftliche Debatte über die Leihmutterschaft. „Wenn man die
       Debatten nicht führt, wird das Problem latent immer bleiben“, sagte der
       Rechtswissenschaftler im Deutschlandfunk. „Man sollte diese Debatte führen,
       und man muss halt dann überlegen, welche Güter sich da gegenüberstehen.“
       
       Das sei auf der einen Seite der unerfüllte Kinderwunsch von nicht nur
       homosexuellen männlichen Paaren, sondern auch von Frauen, die aus
       medizinischen Gründen selbst kein Kind austragen könnten. Sie könnten sich
       diesen Kinderwunsch nur mittels Leihmutter erfüllen. „Und das ist auch
       nichts, was ein Lifestyle-Problem wäre, sondern dieser unerfüllte
       Kinderwunsch ist für viele existenziell und kann das Lebensglück bedrohen“,
       sagte Frister. Auf der anderen Seite müssten zum einen die potenziellen
       Leihmütter geschützt und zum anderen überlegt werden, was das für das
       Kindeswohl bedeute.
       
       Die Diskussion nach dem Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU)
       zeigt aus Sicht Fristers die Doppelmoral der Gesellschaft. Einerseits sei
       im Inland nicht nur die Leihmutterschaft verboten, sondern auch die
       Eizellspende. Andererseits werde sehr großzügig toleriert, insbesondere bei
       der Eizellspende, dass eben Frauen und Paare ins Ausland gehen, um auf
       diese Weise ihren Kinderwunsch zu erfüllen. „Und es ist ein bisschen so,
       dass die gesamte Gesellschaft da das Problem ins Ausland verlagert.“
       
       Ganz unabhängig vom sehr schwierigen Problem der Leihmutterschaft besteht
       im Bereich der Fortpflanzungsmedizin insgesamt nach den Worten des
       Ethikrat-Chefs ein deutlicher Modernisierungsstau. „Wir müssen, glaube ich,
       an das Problem der Eizellspende wirklich ran.“ Und eine Embryonenspende sei
       zwar theoretisch möglich, deren Rechtsfolgen seien aber völlig ungeregelt.
       „Es gibt also da eine Menge Modernisierungsbedarf“, sagte Frister.
       
       ## Wissenschaftler wollen offene Debatte über Leihmutterschaft
       
       Der Bonner Medizinethiker Hartmut Kreß wünscht sich eine sachliche Debatte
       über eine teilweise Legalisierung der nicht kommerziellen Leihmutterschaft
       in Deutschland. „Offenkundig ist ein gewisser Bedarf vorhanden“, sagte Kreß
       dem epd. „Es ist auf jeden Fall günstiger, wenn man den Sachverhalt
       angemessen im Inland regelt, als dass man die interessierten Personen ans
       Ausland verweist.“ Dort müssten diese dann unter Umständen Bedingungen
       hinnehmen, die ethisch fragwürdig oder sogar problematisch sind.
       
       Die Potsdamer Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf sagte der
       Zeit (Montag), sie finde es bedauerlich, dass Spahn nicht die Debatte um
       Leihmutterschaft in Deutschland noch einmal eröffnet habe. Auch
       Brosius-Gersdorf warb für eine liberale Lösung. Entscheidend sei, „dass ein
       staatliches Verbot der Leihmutterschaft ein Eingriff in die Grundrechte der
       betroffenen Paare ist, die zur Familiengründung auf eine Leihmutterschaft
       angewiesen sind“. „Für solch einen Grundrechtseingriff sehe ich keine
       sachliche Rechtfertigung“, sagte die ehemalige Kandidatin als Richterin am
       Bundesverfassungsgericht.
       
       Der Kinderwunsch als solcher sei zunächst einmal legitim, sagte der Bonner
       Theologe und Ethiker Kreß. Bei einer medizinischen oder biologischen
       Indikation könne es auch vertretbar erscheinen, eine Leihmutterschaft in
       Anspruch zu nehmen. Die Fortpflanzungsfreiheit einer jeden Person müsse
       dabei in Ausgleich gebracht werden mit dem Wohl des Kindes und dem der
       austragenden Frau.
       
       Die Mainzer Rechtswissenschaftlerin Friederike Wapler sagte, das Thema
       Leihmutterschaft berge ein Potenzial für Ausbeutung. „Wichtig wäre eine
       rechtssichere Lösung auch mit Blick auf die europäische Freizügigkeit und
       Dienstleistungsfreiheit in der Europäischen Union“, sagte sie dem epd. „Wir
       müssten sicherstellen, dass nicht Frauen aus Ländern mit einem niedrigeren
       Einkommensniveau wie Rumänien nach Deutschland einreisen und hier die
       Leihmutterschaften machen.“ Wapler hatte die Arbeitsgruppe zum Thema
       Eizellspende und Leihmutterschaft in der Kommission für reproduktive
       Selbstbestimmung koordiniert. Die Kommission hatte in der vergangenen
       Legislaturperiode Empfehlungen für eine mögliche gesetzliche Neuregelung
       zum Schwangerschaftsabbruch und Reformen im Fortpflanzungsrecht erarbeitet.
       
       21 Jul 2026
       
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