# taz.de -- Drogenschmuggel in Zentralafrika: Terror im Tramadol-Rausch
> Ein Schmerzmittel, exzessiv konsumiert, befeuert Milizengewalt in der
> Zentralafrikanischen Republik. Es wird aus Asien über die DR Kongo
> eingeschmuggelt.
IMG Bild: Der Fluss Ubangi trennt die Zentralafrikanische Republik von der DR Kongo – und bringt die Droge Tramadol ins Land
„Krikri“ nannten die jungen Milizionäre das schwarzbraune Puder, das sie in
einem metallenen Behälter an Ketten um ihren Hals trugen. Darin:
getrocknete, gemahlene Kokablätter vermengt mit Schwarzpulver – ein
Höllengemisch, das sich die jungen Kämpfer wie Schnupftabak durch die Nase
zogen.
„Wenn du das nimmst, dann hast du keinen Hunger und fühlst dich
unverwundbar“, hatten die jungen Kämpfer in der Zentralafrikanischen
Republik damals gegenüber der taz erklärt.
[1][Zu jener Zeit, im Frühjahr 2014], kontrollierten die sogenannten
Anti-Balaka-Milizen im Drogenrausch die Straßen der Hauptstadt Bangui. Sie
stolzierten mit Macheten und Spitzhacken in der Hand herum, die Augen
feuerrot, ihr Blick irr, ihre Gemüter erhitzt und aggressiv. Sie erlebten
offenbar auf dieser Droge eine Art Blutrausch, der sich in exzessiver
Gewalt entlud.
Mittlerweile wurde das „Krikri“-Puder durch eine Pille ersetzt, die
offenbar denselben Effekt hat – nur noch viel stärker. Dies geht aus einem
im Juni veröffentlichten [2][Bericht] der [3][Global Initiative against
Transnational Organized Crime (GI-TOC)] hervor. Als „Kete Ndongo“ wird
diese Tablette bezeichnet – „kleine rote Chilischote“.
## Die heftigste Chilischote der Welt
Tramadol – ursprünglich angewandt als synthetisches Opioid zur Behandlung
starker und chronischer Schmerzen – hemmt im Zentralnervensystem die
Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark und wirkt gleichzeitig
stimulierend, denn dadurch wird Serotonin ausgeschüttet. In Deutschland ist
dieses Schmerzmittel verschreibungspflichtig, auf dem Beipackzettel wird
ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Verkehrstüchtigkeit stark
beeinträchtigt sein kann. Eine Dosierung von 50 bis 100 Milligramm soll
nicht überschritten werden, so empfiehlt es die deutsche
Medikamentendatenbank Gelbe Liste.
In der Zentralafrikanischen Republik sind diese Pillen auch
verschreibungspflichtig, aber in jedem Straßenkiosk und in jeder Apotheke
rezeptfrei erhältlich, mitunter in hohen Dosen von 200 Milligramm pro
Tablette. Hauptumschlagsplatz ist der Zentralmarkt im Stadtviertel PK5, wo
die Moschee von Bangui liegt, im Krieg Banguis Muslime belagert wurden und
auch das „KriKri“ gehandelt wurde. Marktverkäufer*innen berichten den
GI-TOC-Researchern, dass vor allem junge Männer diese Pillen schlucken: Sie
helfen ihnen, in den dunklen engen Schächten der Goldminen zu graben und
dabei keine Furcht und Hunger zu verspüren.
Die Pillen würden besonders nachgefragt unter den unzähligen Kämpfern der
zahlreichen Milizen, die einen Großteil des Landes kontrollieren. Einige
Konsumenten würden pro Tag zwischen sechs und zehn dieser Pillen zu sich
nehmen und mit rund 2.000 Milligramm im Blut in einen regelrechten Rausch
versetzt. „Der Mangel an Furchtlosigkeit, die es den Menschen verleiht,
sowie die Anzeichen von Verrücktheit, mit welcher diese Konsumenten
herumlaufen, erzielt besonders bei Militäroperationen einen zusätzlichen
Wert“, so Ruben de Koning, einer der Autoren des GI-TOC-Berichts.
Die Zentralafrikanische Republik steckt seit dem Bürgerkrieg ab 2013, als
[4][die muslimische Rebellenallianz Séléka die Hauptstadt einnahm] und den
damaligen Langzeitdiktator François Bozizé stürzte, in einer Gewaltspirale
fest. Bozizé hatte vom Exil aus damals die sogenannte Anti-Balaka-Miliz ins
Leben gerufen, die [5][mit extremer Gewalt Ende 2013] die Séléka wieder
vertrieb, [6][Pogrome an der muslimischen Minderheit] beging und durch
Wahlen 2016 den heutigen Präsidenten [7][Faustin-Archange Touadéra] an die
Macht hievte.
Touadéra lud 2018 die Russen der Gruppe Wagner ein, offiziell um seine
marode Armee auszubilden. Seitdem sind rund 1.500 russische Söldner im Land
stationiert. Sie schlugen in den vergangenen Jahren immer wieder Aufstände
nieder und bekämpfen Rebellengruppen. [8][Der russische Einfluss ist
enorm,] mittlerweile exportieren russische Firmen aus der
Zentralafrikanischen Republik Gold im großen Stil, sind im
grenzübergreifenden Handel mit Holz, Benzin und offenbar auch mit
synthetischen Drogen wie Tramadol aktiv.
## „Schwarze Russen“ und „Haie“
Die Wagner-Einheiten unter dem Kommando von Pavel Prigoshin, Sohn des 2023
verstorbenen Oligarchen Jewgeni Prigoshin, kooperieren im Norden des
Landes, wo die meisten Goldminen liegen, mit einer lokalen Miliz, die sich
übersetzt „Schwarze Russen“ nennt. Sie setzt sich hauptsächlich aus
ehemaligen Anti-Balaka-Kämpfern zusammen und beging in den vergangenen
Jahren grausame Gräueltaten gegen Zivilisten. Die Milizionäre werden von
den Russen in die Goldminen geschickt, um lokale Schürfer und lokale
Selbstverteidigungstruppen zu vertreiben.
In der Hauptstadt Bangui kooperiert Wagner mit einer anderen Miliz, die
sich übersetzt „Haie“ nennt. Sie wurde 2019 ins Leben gerufen, um im
Auftrag der Regierung außergerichtliche Tötungen durchzuführen und die
Armenviertel in Schach zu halten.
Tramadol-Händler in Bangui bestätigten gegenüber den GI-TOC-Researchern,
dass die Kämpfer dieser beiden Milizen Tramadol im großen Stil konsumieren
– offenbar mit dem gezielten Effekt, sie aggressiv zu machen. Denn seit
UN-Ermittler 2021 die [9][brutalen Übergriffe der Wagner-Truppen auf
Zivilisten] dem UN-Sicherheitsrat gemeldet hatten, seien die Russen
„vorsichtig“ geworden, so de Koning im taz-Interview: Die Russen befehlen
diesen Milizen, „die Drecksarbeit zu machen und die Zivilbevölkerung zu
misshandeln“, bevor Wagner dann vorrückt, um ein Gebiet oder eine Mine
einzunehmen. Als Lohn versprechen sie den Milizionären, offiziell in die
Armee integriert zu werden.
## Drogenbekämpfer im Auto, Drogen im Kofferraum
GI-TOC-Recherchen vor Ort lassen darauf schließen, dass hochrangige
Offiziere der zentralafrikanischen Armee gemeinsam mit
Regierungsfunktionären Tramadol importieren, meist gemeinsam mit Waffen und
Munition. Im November 2025 stoppte die Kriminalpolizei in Bangui einen
Konvoi auf dem Weg zum PK5-Markt mit zahlreichen Kartons voller Tramadol im
Kofferraum. Mit im Auto saß neben einer kongolesischen Händlerin, die die
Kartons aus der benachbarten Demokratischen Republik Kongo eingeführt
hatte, auch ein Vertreter des Zentralbüros zur Bekämpfung des Drogenhandels
(Oclad). Dieser gab später im Verhör an, sein Vorgesetzter habe ihn
angewiesen, die Fracht zu eskortieren, so die lokale Nachrichtenplattform
Corbeaunews.
Laut Recherchen der Corbeaunews-Journalisten [10][gilt Gervais Simplice
Yarkokpa als Patron des Tramadol-Handels]. Er ist ein ehemaliger
hochrangiger Kommandant der Anti-Balaka-Miliz, mit Präsident Touadéra
verwandt und mittlerweile Chef der Präsidentengarde und damit zuständig für
die Zusammenarbeit mit den russischen Wagner-Truppen. Dass die
Wagner-Söldner ebenso in den Tramadol-Handel involviert sind, liege nahe,
so de Koning, lasse sich jedoch nicht eindeutig beweisen.
Mit Tramadol lässt sich enorm Gewinn machen. Eine 100mg-Pille kostet in
Bangui umgerechnet rund 30 Eurocent, in abgelegenen Orten das doppelte.
Importiert werden die Tabletten von Händlern in der DR Kongo, die die Waren
über den Fluss Ubangi einführen, der die beiden Länder voneinander trennt.
Laut GI-TOC-Recherchen importiert die in Dubai ansässige Firma Shalina, die
in zahlreichen afrikanischen Ländern tätig ist, Tramadol aus Indien und
China in die DR Kongo. Von dort aus gelangt es nach Bangui.
Auf eine E-Mail-Anfrage der taz antwortet Shalina nicht. Und auch die in
Kongos Hauptstadt Kinshasa ansässige Pharmafirma Phatkin, die laut GI-TOC
Tramadol nach Bangui liefert, erklärt auf taz-Anfrage, man könne dazu keine
Angaben am Telefon machen.
21 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Konflikt-Zentralafrikanische-Republik/!5047263
DIR [2] https://globalinitiative.net/wp-content/uploads/2026/06/Nathalia-Dukhan-and-Ruben-De-Koning-Malicious-markets-Mapping-the-violent-ecosystem-in-the-Central-African-Republic-GI-TOC-June-2026-1.pdf
DIR [3] https://globalinitiative.net/
DIR [4] /Zentralafrikanische-Republik/!5067033
DIR [5] /Zentralafrikanische-Republik/!5053342
DIR [6] /Zentralafrikanische-Republik/!5043432
DIR [7] /Praesidentschaftswahl-in-Zentralafrika/!5276953
DIR [8] /Moskaus-enger-Partner-in-Afrika/!5841283
DIR [9] /Krise-der-Zentralafrikanischen-Republik/!5778148
DIR [10] https://corbeaunews-centrafrique.org/centrafrique-simplice-yarkokpa-le-commandant-mafieux-de-la-garde-presidentielle-pris-la-main-dans-le-sac/
## AUTOREN
DIR Simone Schlindwein
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