# taz.de -- Mehr als 14 Jahre Haft für Italiener: Die Grenzen der Notwehr
> Nach einem Raubüberfall auf sein Juweliergeschäft schoss der Besitzer
> Mario Roggero auf die fliehenden Täter, einer starb. Nun muss Roggero ins
> Gefängnis.
IMG Bild: Kein Wort des Bedauerns über die Toten: Mario Roggero bei seiner Ankunft im Gefängnis von Bollate am 17. Juli 2026
Die Tür am Hinterausgang des Juweliergeschäfts öffnet sich. Drei Männer
treten heraus, steuern schnellen Schritts einen wenige Meter entfernt
geparkten Wagen an. Sie haben gerade den Juwelierladen überfallen, einer
hält den Rucksack mit dem Diebesgut in der Hand. Wenige Sekunden später
geht die Tür erneut auf, ein Mann stürmt heraus, in der Hand eine Pistole.
Es ist der Juwelier, Mario Roggero. Kaum erreicht er das Auto, eröffnet er
das Feuer auf die gerade eingestiegenen Raubtäter. Zwei von ihnen versuchen
zu fliehen, doch Roggero bleibt ihnen auf den Fersen, schießt das gesamte
Magazin leer. Einem der getroffenen und zu Boden gegangenen Räuber tritt
der dann noch mehrmals heftig gegen den Kopf und den Rücken.
Am Ende hat Roggero zwei Männer erschossen, einer überlebt verletzt. Es war
der 28. April 2021, später Nachmittag, in dem idyllischen 2.000-Seelen-Nest
Grinzane Cavour, rund 50 Kilometer südlich von Turin, als eine
Videoüberwachungskamera das gesamte Geschehen aufzeichnete.
Und diese Aufnahmen gehen in diesen Tagen durch alle italienischen Medien,
denn in der letzten Woche wurde der mittlerweile 72-jährige Juwelier vom
Kassationsgericht in Rom in letzter Instanz wegen Totschlags zu 14 Jahren
und 9 Monaten Haft verurteilt.
## Roggero: „Wir sind die wirklichen Opfer“
Wie schon die Vorinstanzen, die Gerichte erst in Asti, dann in Turin, sah
Italiens höchstes Gericht eines mitnichten gegeben: Notwehr. Eben die hatte
der Angeklagte immer geltend gemacht, schon das Berufungsgericht in Turin
hatte in sein Urteil geschrieben: „Weder Roggero noch seine
Familienangehörigen (während des Überfalls waren seine Frau und eine
Tochter ebenfalls im Geschäft; Anm. d. Red.) waren der konkreten Gefahr
eines Angriffs ausgesetzt“, als Roggero schoss. Schließlich hätten die
Räuber ja die Flucht angetreten.
Roggero selbst sieht das anders. Nie fand er ein Wort des Bedauerns über
die Toten. Im Gegenteil. Auf die Nachfrage, ob er sich entschuldigen wolle,
hielt er entgegen: „Keiner der Familienangehörigen (der Toten; Anm. d.
Red.) hat je gesagt, entschuldigt, dass wir einen ungeratenen Sohn haben.“
„Wir sind die wirklichen Opfer“ – nämlich er und seine Familie: So legte
der Schmuckhändler auch jetzt noch nach, bevor er am Freitag die Haft
antrat, in die er müsse, „bloß weil ich mich und meine Familie verteidigt
habe“.
Die Gerichte überzeugte er mit dieser mitleidlosen Haltung nicht. Doch
eines gelang ihm: Er wurde zum lautstark gefeierten Märtyrer der in Rom
unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni regierenden Rechten. Kaum wurde
das Urteil bekannt, begann ein wahres Trommelfeuer. Den Anfang machte
Matteo Salvini, Chef der [1][rechtspopulistisch-fremdenfeindlichen Lega]
und Vizeministerpräsident. Er richtete sofort „einen Appell direkt an
Staatspräsident Sergio Mattarella“, damit dieser den wegen Totschlags
Verurteilten begnadige, denn Roggero „verdient es nicht, eine
Gefängniszelle mit echten Kriminellen zu teilen“.
## Roggero sei ein rechtschaffender Mann
Noch am selben Tag begannen die Parlamentarier*innen aller Fraktionen
der Rechtskoalition im Abgeordnetenhaus und im Senat eine
Unterschriftensammlung mit dem gleichen Ziel, dem Verlangen nach einem
Gnadenakt für Roggero. Im Senat hielten Vertreter*innen der Lega Fotos
des Verurteilten mit der Schrift „libero subito“, sofort frei, hoch.
Alberto Cirio, der Präsident der Region Piemont – in der das Städtchen
Grinzane Cavour liegt – versicherte seinerseits: „Das Piemont lässt ihn
nicht allein.“
Und Verteidigungsminister Guido Crosetto holte zu offener Justizschelte
aus. „Wurde das Gesetz angewandt? Wahrscheinlich: Ja“, kommentierte er.
„Ist es richtig? Für mich: Nein.“ Denn da zeige sich „eine Rechtsprechung,
die die Gesetze bis zu dem Punkt interpretiert, an dem sie sie auf den Kopf
stellt“.
Ein „uomo perbene“, ein rechtschaffener Mann, werde da jetzt für Jahre
eingekerkert, klagt Italiens gesamte Rechte, nach Kräften unterstützt von
den Medien ihres Lagers. „Unrecht ist geschehen“: Diesen Titel hoben die
beiden Rechtsblätter Libero und [2][Il Giornale ] wortgleich auf Seite
eins.
## Begnadigung angestrebt
Bei Melonis Justizminister Carlo Nordio fanden sie sofort Gehör. Er habe
„eine Voruntersuchung mit dem Ziel der Begnadigung eingeleitet“, teilte der
Minister in Höchstgeschwindigkeit mit. Die „Voruntersuchung“ ruht
allerdings schon wieder, denn umgehend wurde Nordio von Staatspräsident
Mattarella einbestellt, der den Minister daran erinnerte, dass
„Begnadigungen allein dem Staatspräsidenten obliegen“, wie es in einer nach
dem Gespräch veröffentlichten Note hieß.
Dass das Recht mit dem „Rechtsempfinden“ der Rechten nicht viel zu tun hat,
gilt aber auch für das Urteil selbst. Maliziös erinnerten die
Oppositionsparteien daran, dass es Lega-Chef Salvini selbst war, der im
Jahr 2019, in seiner Zeit als Innenminister, den Notwehrparagrafen des
Strafgesetzbuchs reformiert hatte – dass aber auch in dieser neuen Version
Notwehr nur bei Reaktion auf eine aktuelle Bedrohung gegeben ist.
Schon in der Berufungsinstanz in Turin hatte der Staatsanwalt deshalb
festgehalten: „Die Justiz kann nicht auf der Seite des Wilden Westens
stehen. Es ist nicht möglich, dass du erst zum Polizisten, dann zum Richter
und schließlich zum Henker wirst.“
## Rechtsextremer sagt: „Verteidigung ist immer legitim“
Die Raubtäter waren schon auf der Flucht, als der Juwelier ihnen
hinterhereilte, um sie zu erschießen? Für Roberto Vannacci,
Ex-Fallschirmjägergeneral und Chef der von ihm gegründeten rechtsextremen
Partei Futuro Nazionale, ist das ein vernachlässigbares Detail. Man könne
doch „nicht Zentimeter oder Sekunden messen, wenn das Leben der eigenen
Familie auf dem Spiel steht“, befindet Vannacci und greift dann zu dem bei
der Rechten seit Jahren beliebten Wortspiel. Notwehr heißt auf Italienisch
„legittima difesa“, legitime Verteidigung – und Vannacci meint,
„Verteidigung ist immer legitim“.
Mit einem Spruchband dieses Wortlauts hatte er schon eine Truppe von
Angehörigen seiner Partei vors Kassationsgericht in Rom geschickt, als dort
noch verhandelt wurde.
Die rechte Kampagne greift. Roggeros Follower auf Instagram schnellten
binnen weniger Tage von 50.000 auf 187.000 hoch; genauso schnell kamen mehr
als 400.000 Unterschriften unter diversen Onlinepetitionen für seine
Begnadigung zusammen. Als der Mann dann in Haft musste, besuchte ihn der
Lega-Chef Salvini gleich am Folgetag in der JVA.
Derweil hat die Frau des Juweliers schon das Gnadengesuch beim
Staatspräsidenten eingereicht – und der Juwelier selbst legte auf der
Schwelle des Gefängnisses beim Haftantritt nach. Auch er verlangte den
sofortigen Gnadenakt, verbunden mit der Aufforderung, der Staatspräsident
solle gefälligst „in sich gehen“.
22 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Michael Braun
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