# taz.de -- Pflanzenviren: Stille Pandemie auf dem Acker
> Pflanzenviren führen zu Ernteverlusten. Gewächshäuser, Handel und
> Klimawandel verschärfen die Lage. Deshalb wollen Forschende die Viren
> eindämmen.
IMG Bild: Die Pflanzen drängen sich in dichten Reihen an mehrere Meter hohen Rankhilfen: Tomaten in einem niederländischen Gewächshaus
Sie sind winzig und können dennoch großen Schaden anrichten: Pflanzenviren.
Betroffen sind wichtige Kulturpflanzen wie Reis, Tomaten, [1][Kakao],
Bananen, Olivenbäume oder Cassava (Maniok). Zwar befallen die Viren keine
tierischen Zellen, sie sind also völlig harmlos für Menschen oder
Nutztiere. Sie sorgen jedoch für Ernteausfälle oder unverkäufliche Früchte
und verursachen so weltweit Schäden von schätzungsweise 60 Milliarden
US-Dollar pro Jahr.
Die Gefahr besteht darin, dass die „stille Pandemie“ lange Zeit leise und
für den Landwirt unsichtbar abläuft. Virusinfektionen entwickeln sich oft
über Wochen oder Monate. Genau diese Verzögerung zwischen Infektion und
Schaden macht die Bekämpfung von Pflanzenviren so schwierig.
Zumal es keine kurierenden Arzneien gegen Pflanzenviren gibt. Gegen Pilze
und Bakterienbefall können in der Landwirtschaft vorbeugend Pestizide
eingesetzt werden, gegen Pflanzenviren fehlen jedoch solche „Impfungen“.
Deshalb hilft nur Vorbeugung auf anderem Wege: virenfreies Saatgut,
frühzeitige Erkennung einer Infektion, konsequente Entfernung befallener
Pflanzen und strikte Hygieneketten.
Besonders deutlich wird die Dynamik zum Beispiel in modernen
Tomatengewächshäusern, wie sie in den Niederlanden, in Belgien oder
Norddeutschland zu finden sind. Die Pflanzen drängen sich hier in dichten
Reihen an mehrere Meter hohen Rankhilfen. Dadurch entsteht eine Umgebung,
in der sich Krankheitserreger – einmal eingeführt – munter verbreiten
können.
## In der Natur verbreiten Insekten die Viren
So wie etwa das Tomato brown rugose fruit virus (ToBRFV). Selbst wenn
befallene Pflanzen noch Früchte tragen, gelten verfärbte oder deformierte
Tomaten oft als nicht verkäuflich. „In schweren Fällen werden bei ToBRFV
Ertrags- und Marktverluste von etwa 25 bis 70 Prozent berichtet“, sagt
Björn Krenz, vom Leibniz-Institut DSMZ in Braunschweig. „Bei sehr
ungünstigen Bedingungen kann theoretisch ein Gewächshausbestand nahezu
vollständig betroffen sein.“
Das Virus ist extrem ansteckend, bleibt auf Oberflächen lange infektiös und
ist obendrein resistent gegen Hitze und Trockenheit. Die Übertragung
erfolgt zum Beispiel beim Ausgeizen und Hochbinden der Pflanzen –
Aktivitäten, die im Tomatengewächshaus zur täglichen Routine gehören.
In modernen Gewächshäusern waschen und desinfizieren Mitarbeitende sich
darum regelmäßig die Hände. Kleidung und Schuhe werden gewechselt oder in
Hygieneschleusen gesäubert. Auch Werkzeuge wie Messer oder Scheren müssen
täglich gereinigt werden.
Bestäuber wie [2][Hummeln] können ebenso eine Rolle bei der Übertragung im
Gewächshaus spielen. In der Natur sind es vor allem Insekten, die Viren
verbreiten. Sie saugen den infizierten Pflanzensaft auf und geben die Viren
über ihren Speichel bei der nächsten Pflanze, an der sie saugen oder
stechen, ab. Manchmal sind Setzlinge oder Saatgut kontaminiert, wodurch die
Viren ins Gewächshaus gelangen.
Als das tomatenliebende Virus in Europa im Jahr 2018 das erste Mal auftrat,
hat man zunächst versucht, es einzudämmen. Doch das Virus wurde schnell ein
globaler Erreger und hält die Gewächshaus- und Saatgutbetriebe auf Trab.
## Das weltweit schlimmste Pflanzenvirus
„ToBRFV ist jedoch nicht das weltweit schlimmste Pflanzenvirus“, sagt
Krenz. „In Bezug auf die globale Ernährungssicherheit verursachen andere
Viren – etwa bei Cassava – deutlich größere Schäden.“ Denn die
stärkehaltige Wurzelknolle ist in vielen Regionen Afrikas ein
Grundnahrungsmittel. Virusbedingte Ernteausfälle bedrohen dort direkt die
Ernährungssicherheit – vor allem in der Subsahara.
Die [3][Cassava-Pflanze] stammt ursprünglich aus Südamerika und wurde
global verbreitet. Gleichzeitig ist sie extrem anfällig für
Viruskrankheiten wie etwa die Cassava brown streak disease (CBSD). Das
CBS-Virus befällt die Wurzel, was die Cassava braun verfärbt und
ungenießbar macht. „Die Cassava-Braunstreifenkrankheit zählt zu den größten
Behinderungen der Maniokproduktion in Afrika“, schreibt James Legg vom
International Institute of Tropical Agriculture in Tansania.
Da die Cassava meist auf dem offenen Feld angebaut wird, liegt hier der
Fokus nicht auf Hygiene, sondern mehr auf der Züchtung klima- und
krankheitsresistenter Sorten. Die Forscherin Samar Sheat hat am DSMZ solch
eine virusresistente Cassava entwickelt. Ausgangspunkt war die Entdeckung,
dass einzelne südamerikanische Sorten praktisch immun sind gegen die Viren,
während afrikanische Sorten anfällig sind.
Sheat und ihr Team haben diese Resistenzen in genetischem Material von
Cassava identifiziert. Robuste Sorten wurden dann mit anfälligen
afrikanischen Sorten gekreuzt. So entstanden an das afrikanische Klima
angepasste Sorten, denen die gefürchteten Viren nichts anhaben können.
Neben Hygienekonzepten und resistenten Sorten spielt jedoch auch das
Aufspüren von Viren in Saat und Setzlingen eine wichtige Rolle. Denn:
Saatgut wird zwischen Ländern ausgetauscht, um vorhandene Sorten immer
weiter Richtung Ertrag oder Widerstandsfähigkeit zu züchten. Damit der
Austausch sicher ohne Viren stattfindet, wird jedes Cassava-Material, bevor
es auf Reisen geht, durch das DSMZ geprüft.
Ein weiteres Instrument aus dem Methodenkoffer der Viren-Jäger, das bereits
Anwendung findet: Pflanzen werden gezielt mit einem milden Virus infiziert,
um sie gegen aggressivere Stämme desselben oder verwandter Viren zu
schützen. Dieses Verfahren der „Kreuzprotektion“ wird bereits gegen das
Citrus tristeza virus und das Pepino mosaic virus eingesetzt. Es ist zwar
umstritten, schließlich werden absichtlich Viren in die Umwelt ausgebracht.
Dennoch gibt es bei einigen Viren keine anderen Möglichkeiten. Das
Verfahren hat in der Vergangenheit zum Beispiel Millionen Orangenbäume vor
dem Fällen und die Plantagenbesitzer vor dem Ruin gerettet.
## Immer neue Maßnahmen gegen neue Viren?
Die Forschung geht indes weiter. Man könnte etwa Saatgut mit niedrig
dosierter Gamma-Bestrahlung behandeln, um die Viruslast zu reduzieren.
Parallel dazu laufen Neuzüchtungen. Unternehmen wie Bayer arbeiten an
Tomatensorten mit Resistenz gegen ToBRFV.
Doch wo soll das hinführen? Immer neue Maßnahmen gegen neue Viren?
Schließlich wird sich das Problem verschärfen. Aktuelle Forschung zeigt zum
Beispiel, dass Pflanzenviren nicht nur übertragen werden, sondern aktiv in
die Biologie ihrer Wirtspflanzen eingreifen. Infizierte Pflanzen verändern
ihren Stoffwechsel, darunter Zuckerprofile, Blattfarbe und Duftstoffe.
Diese Veränderungen können Insekten stärker anziehen und so die Übertragung
weiter verstärken.
Auch der [4][Klimawandel] verschlimmert das Problem: Hitze und Trockenheit
sowie Starkregen schwächen die Pflanzen. Überträger wie die Weiße Fliege
freuen sich jedoch über warm-feuchtes Klima und können sich so weiter
verbreiten. Parallel dazu ermöglicht der internationale Handel mit allen
möglichen Waren eine schnelle Verbreitung von Pflanzenmaterial – im
Schlepptau auch Pathogene.
„Wir werden Pflanzenviren nicht aus der Landwirtschaft entfernen können“,
sagt Krenz. „Aber wir können lernen, mit ihnen besser zu leben, auch indem
wir unsere Anbausysteme so gestalten, dass ein einzelnes Virus nicht gleich
zur Krise wird.“ Die Idee, Anbausysteme vielfältiger zu gestalten,
verfolgen mittlerweile viele Forschende. Denn man weiß: Je höher die
biologische Vielfalt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass
Krankheitserreger Wirte finden und sich epidemisch ausbreiten.
## Mischkulturen, Fruchtfolgen und Blühstreifen
Die Agrarökologen Christopher Gilligan und Ruairí Donnelly von der
Universität Cambridge haben zum Beispiel untersucht, wie resistente und
anfällige Cassava-Sorten kombiniert werden können. Denn resistente Pflanzen
wirken als „Schutzschild“, während anfällige, aber ertragreiche Sorten
weiterhin angebaut werden können. Viren können sich in solchen Kulturen
nicht so schnell ausbreiten und Erträge bleiben erhalten.
Ein weiteres Beispiel ist der Anbau von [5][Mischkulturen]. Dabei stehen
etwa Cassava und Mungbohnen gemeinsam auf einem Feld. In der Lake-Zone in
Tansania konnte gezeigt werden, dass durch diese Koexistenz die Weiße
Fliege erheblich reduziert wurde. Diese Fliege überträgt auch die
Cassava-Mosaik-Krankheit.
Neben Mischkulturen gelten auch Fruchtfolgen oder Blühstreifen und Hecken
an Äckern als wirksame Maßnahmen für eine artenreiche und resistente
Landwirtschaft. „Um Anpassungsfähigkeit und Ausbreitung von Viren zu
reduzieren, sind vielfältigere Anbaustrukturen nötig“, so Gilligan.
28 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Kathrin Burger
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