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       # taz.de -- Neue Regierung in Großbritannien: Keine Schonfrist für Andy Burnham
       
       > Schon gleich zu Amtsantritt muss die neue Labour-Regierung in London
       > gewaltige Probleme angehen. Ein Überblick über einige der größten
       > Baustellen.
       
   IMG Bild: Alle lächeln! Labour-Premierminister Andy Burnham leitet seine erste Kabinettssitzung
       
       Großbritannien hat eine neue Regierung, am Dienstag trat sie unter dem
       neuen Labour-Premierminister Andy Burnham zu ihrer ersten Kabinettssitzung
       zusammen. Welche unmittelbaren Herausforderungen stellen sich? Eine
       Auswahl.
       
       Vorrangig: Lebenshaltungskosten senken 
       
       Dies hat der Premierminister am Dienstag erneut zu einer Priorität erklärt
       und seine Regierung hat bereits vor der Kabinettssitzung erste
       Entscheidungen verkündet. Ab 1. Oktober soll die Mehrwertsteuer auf Strom
       für Privathaushalte, die bislang 5 Prozent beträgt, sechs Monate lang
       entfallen, [1][gab das Finanzministerium bekannt]. Die Ersparnis pro
       Haushalt wird mit durchschnittlich 45 Pfund (etwas über 50 Euro) angegeben.
       Großbritannien hat mit die höchsten Energiekosten Europas.
       
       Die Kosten dieser Maßnahme werden mit 850 Millionen Pfund angegeben (knapp
       1 Milliarde Euro). Gegenfinanziert werde dies, so hieß es, aus der
       Beendigung des Programms zur Einführung digitaler Identitätsnachweise, das
       Burnham abgesagt hat. Der Starmer-nahe ehemalige Labour-Fraktionschef
       [2][Darren Jones erklärte] allerdings, dass dieses Programm noch gar nicht
       finanziert war und daher seine Streichung kein Geld freigibt.
       
       Der Verbraucherschützer Martin Lewis bezweifelt gegenüber der BBC, dass die
       Maßnahme viel bringt – nicht zuletzt, weil die Preise für Öl und Gas nicht
       betroffen sind, ebenso wenig die Strompreise für Unternehmen, und weil die
       Energiepreise im Oktober und Januar wahrscheinlich deutlich steigen werden.
       
       [3][Weitere Maßnahmen] sind zwar in Aussicht gestellt worden, aber noch
       nicht bestätigt. Dazu gehört die Wiedereinführung des unter Starmer
       abgeschafften Preisdeckels für Busfahrten im öffentlichen Nahverkehr auf 2
       Pfund (2,35 Euro) und eine Senkung der Gewerbesteuern auf
       Gaststättenbetriebe.
       
       „Wir müssen eine Regierung der Lebenshaltungskosten sein, die
       Lebenshaltungskosten senken und uns alle Möglichkeiten dafür angucken“,
       sagte Burnham auf der Kabinettssitzung am Dienstag. „Was können wir tun, um
       ein wenig Druck von den Schultern der Leute zu nehmen, ihnen einfach das
       kleine Gefühl geben, dass Hilfe unterwegs ist, damit sie ein bisschen
       hoffen können, dass die Dinge besser werden.“
       
       Dies wirft die Frage auf, ob die neue Regierung im Herbst entweder die
       Steuern oder das Haushaltsdefizit erhöht – oder am Ende doch unpopuläre
       Sparmaßnahmen beschließen muss. Noch gar nicht geklärt ist dabei, wie
       erhöhte Militärausgaben oder der Bau von mehr Sozialwohnungen finanziert
       werden sollen. Der neue Finanzminister [4][John Healey] rief im Kabinett
       seine Kollegen schon zu „Ausgabendisziplin“ auf – wie einst seine
       Vorgängerin Rachel Reeves. Es ist genau dasselbe Dilemma, an dem die
       Vorgängerregierung scheiterte.
       
       Erste Probe: Entschlossenheit gegenüber Russland
       
       Am meisten Kritik bei der Regierungsbildung hat Burnhams Besetzung der
       außenpolitischen Schlüsselposten hervorgerufen. Der erfahrene ehemalige
       Militärangehörige [5][Dan Jarvis] wurde als Verteidigungsminister entlassen
       und durch Ex-Gesundheitsminister [6][Wes Streeting] ersetzt, der keine
       Erfahrung in diesem Bereich vorzuweisen hat. Für ihn spricht jedoch, dass
       er als Gesundheitsminister mehr Geld für das staatliche Gesundheitswesen
       mobilisieren konnte.
       
       Die Regierung Starmer war unter anderem an der Frage zerbrochen, ob es mehr
       Geld für das Militär gibt. Der neue Finanzminister [7][John Healey] war im
       Juni deswegen [8][als Verteidigungsminister zurückgetreten] – er hatte
       vergeblich gefordert, Großbritannien solle die Nato-Ziele einhalten, bis
       2030 3 Prozent des BIP in die Verteidigung zu stecken und bis 2035 3,5
       Prozent. Die Regierung sagte ihm nur 2,85 Prozent zu, auch Jarvis konnte
       daran wenig ändern. Wenige Tage später kündigte Starmer seinen Rücktritt
       als Premierminister an. Kann Healey nun, auf der anderen Seite des
       Verhandlungstisches gelandet, seine eigenen früheren Wünsche umsetzen?
       
       [9][Ed Miliband] als neuer Außenminister dürfte es in der internationalen
       Diplomatie schwer haben, da er als Vertreter des linken Labour-Flügels
       auftritt. Als Keir Starmer als Premierminister den USA erlaubte, britische
       Militärbasen für Angriffe auf Iran zu nutzen, gehörte Miliband zur
       Minderheit der Gegner. Nun ist er der diplomatische Ansprechpartner der
       US-Regierung.
       
       Ungute Erinnerungen weckt Milibands Bilanz als Labour-Parteichef von 2010
       bis 2015. Er wandte sich im August 2013 gegen eine britische Beteiligung an
       einem geplanten US-geführten Militärschlag gegen Syriens Assad-Diktatur
       wegen des Einsatzes von Chemiewaffen gegen Zivilisten mit Tausenden Toten.
       Großbritanniens damaliger konservativer Premierminister David Cameron
       [10][verlor daraufhin die fällige Parlamentsabstimmung], woraufhin der
       damalige US-Präsident Barack Obama den kompletten Militäreinsatz absagte.
       Im Nachhinein wird dies als schweres Versagen des Westens gewertet, das den
       Krieg in Syrien verlängerte und Russlands Präsident Wladimir Putin
       ermutigte, im Folgejahr die Ukraine anzugreifen.
       
       Das Tandem Miliband–Streeting steht also nicht für militärische
       Entschlossenheit, und von Burnham selbst ist wenig Interesse an
       Außenpolitik bekannt. Nicht zufällig führte am Dienstag ein russisches
       Kriegsschiff im Ärmelkanal, den regelmäßig russische Öltanker unter
       russischer Militäreskorte durchqueren, Schießübungen mit scharfer Munition
       durch. Ein britisches Kriegsschiff, das der russischen Fregatte rund 70
       Kilometer südlich von Plymouth im Abstand von zwei Meilen folgte, zog sich
       [11][laut BBC] nach russischen Warnungen auf fünf Meilen Entfernung zurück.
       Der Vorfall gilt als bewusste russische Provokation, um die neue Regierung
       in London zu testen – und Russland hat die Oberhand behalten.
       
       Umstritten: Obdachlosigkeit beenden
       
       Als allererste Maßnahme, das hatte Burnham am Montag in seiner Antrittsrede
       in Downing Street erklärt, werde er [12][anweisen, dass keine Obdachlosen
       mehr auf der Straße schlafen]. Diese Ankündigung wurde sogleich von
       Kritikern mit Verweis auf Burnhams eigene Bilanz als Bürgermeister von
       Manchester auseinandergenommen.
       
       Seit 2017, als Burnham in Manchester erstmals gewählt wurde, [13][so der
       Journalist Joshi Herrmann vom Onlinemedium Manchester Mill], ist dort bis
       2025 die Zahl der auf der Straße lebenden Obdachlosen lediglich von 285 auf
       197 gesunken, gemessen jährlich im November. Es gab einen starken Rückgang
       während der Covid-19-Pandemie – wie überall in Großbritannien, als damals
       Obdachlose in leerstehenden Hotels einquartiert wurden – und danach erneut
       eine Verdoppelung. Andere weisen darauf hin, dass der Anstieg hauptsächlich
       auf eingereiste Flüchtlinge zurückzuführen sei, die auf der Straße gelandet
       seien.
       
       21 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://x.com/hmtreasury/status/2079432100973797502
   DIR [2] https://x.com/darrenpjones/status/2079457574215119097
   DIR [3] https://x.com/PolitlcsUK/status/2079484861610353141
   DIR [4] https://en.wikipedia.org/wiki/John_Healey
   DIR [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Dan_Jarvis
   DIR [6] https://en.wikipedia.org/wiki/Wes_Streeting
   DIR [7] https://en.wikipedia.org/wiki/John_Healey
   DIR [8] /Regierungskrise-in-Grossbritannien/!6186761
   DIR [9] https://en.wikipedia.org/wiki/Ed_Miliband
   DIR [10] https://www.sipri.org/commentary/expert-comment/2013/30-aug-2013-syria-vote-british-parliament
   DIR [11] https://www.bbc.com/news/articles/ce970jryrk3o
   DIR [12] https://x.com/PolitlcsUK/status/2079173600175653268
   DIR [13] https://x.com/joshi/status/2079174402650841257
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
   DIR Dominic Johnson
       
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