URI: 
       # taz.de -- Konzert von Danger Dan und Igor Levit: Bedächtig, fast andächtig
       
       > Als Reaktion auf die ZDF-Ausladung organisierten Danger Dan und Igor
       > Levit ein Konzert. Unter dem Motto „Die keine Angstalt“ fand der Abend im
       > Berliner Columbia Theater statt.
       
   IMG Bild: Danger Dan und Igor Levit tragen „Keine Angst“ auf der Bühne des Berliner Columbia Theaters vor rund 800 Besucher*innen vor
       
       Den Song, der diesem Abend sein Motto gegeben hat und dessen Titel fett in
       roten Lettern hinter der Bühne prangt, tragen Danger Dan und Igor Levit zum
       Schluss vor: „Keine Angst“. Mit Wucht spielt Levit die ersten Akkorde in
       den tieferen Tonlagen, Danger Dan singt dazu die Gebrauchsanweisung zum
       Widerstand in Versform, über die zuletzt halb Deutschland gestritten hat:
       „Keine Angst, nehmt es selber in die Hand / die seh’n gefährlich aus, aber
       wir legen sie lang / Koordiniert euch, fangt an zu trainier’n / Wenn ihr
       zusamm’n kämpft, dann kann es funktionier’n“.
       
       Bei den Refrainzeilen singen die rund 800 Besucher*innen im Berliner
       Columbia Theater laut mit, es klingt wie ein politisches Mantra unserer
       Zeit: „Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst.“ Der Song endet
       mit den „lieben Grüßen an Lina, Gucci, Maja und Nanuk“, auch diese Verse
       werden laut vom Publikum mitgesungen. Gerichtet sind sie an einige
       Mitglieder der sogenannten Antifa-Ost.
       
       Es war vor allem diese Solidaritätsadresse an die zum Teil verurteilten
       Straftäter*innen, die dazu geführt hatte, dass Danger Dan und Igor Levit
       den Song nicht wie geplant in der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ aufführen
       konnten. Die Sender-Intendanz um Norbert Himmler intervenierte, die beiden
       Musiker wurden ausgeladen. Sie machten nun das Beste daraus: Sie nahmen die
       Debatte auf und verarbeiteten sie in einer eigenen Veranstaltung am
       Dienstagabend in Berlin.
       
       Die keine Angstalt“ haben sie den Abend genannt, neben den
       Besucher*innen verfolgten ihn Tausende im Stream, Hunderttausende haben
       den Song „Keine Angst“ bei den Streamingdiensten abgerufen – wohl mehr als
       ihn durch die Sendung zu Kenntnis genommen hätten. Danke, ZDF, dass du das
       wichtige und immer noch unterbelichtete Thema Rechtsextremismus in
       Deutschland aufs Tableau gebracht hast, könnte man also auch sagen.
       
       ## Wortbeiträge bilden den Kern des Abends
       
       Denn bei allen berührenden Momenten – eine Beethoven-Sonate von Igor Levit,
       Mutmacherparolen von Danger Dan, ein Pianoduett mit Tucholsky-Zeilen
       („Rosen auf den Weg gestreut“) –, bilden die Wortbeiträge vielleicht den
       Kern dieses Abends. Zum einen die Rede der Journalistin Heike Kleffner, die
       an die Opfer des rechtsextremen OEZ-Anschlags in München, an Halle und
       Hanau erinnert, und dann vor allem der Vortrag der Strafverteidigerin
       Kristin Pietrzyk.
       
       Pietrzyk, [1][Anwältin von Johann G.] und damals Nebenklägerin im
       Halle-Prozess, befasst sich in ihrer Rede mit dem Kontext, in dem die Taten
       der sogenannten Antifa-Ost stehen. Sie schildert die Biografien dieser
       Menschen, vor allem [2][die jüdische Familiengeschichte von Nele A., die
       diese gerade vor Gericht in Düsseldorf vorgetragen hat]. Sie spricht aber
       auch von No-go-Areas für Linke und marginalisierte Menschen im Osten, in
       denen Faschistinnen und Faschisten ganzen Menschengruppen ihre Heimat
       nehmen.
       
       Sie kommt schließlich dazu, in welchem Zusammenhang mögliche Militanz von
       links gelesen werden muss: „Wir reden darüber, wie Menschen reagieren, wenn
       sie erleben, dass der Staat zwar Gesetze gegen Volksverhetzung,
       NS-Verherrlichung und rechte Symbole hat, diese aber oft zu spät, zu
       zögerlich oder gar nicht durchsetzt.“ Die Frage sei weniger, ob körperliche
       Angriffe auf Rechtsextremisten Straftaten seien – sind sie, klar –, sondern
       die Spannung bestehe darin, dass zum Beispiel Menschen, deren
       Familiengeschichte vom Nationalsozialismus geprägt ist, wieder erleben
       müssten, dass Neonazis marschieren, Parteien ihnen den Weg ebnen,
       Rechtsextremismus salonfähig wird – und dass der Staat und die Verfassung
       sie hier nicht schütze.
       
       Als Pietrzyk ihre Rede beendet, gibt es lang anhaltenden Applaus. Sie hat
       den Punkt gut umrissen, warum es fragwürdig oder besser hinterfragenswert
       sein kann, dass viele bürgerliche und christliche Linke, sobald es um
       Gewalt geht, sich reflexartig und mit jeder Entschiedenheit distanzieren
       müssen. Natürlich wollen die wenigsten Gewalt leichtfertig legitimieren,
       auch ich an dieser Stelle nicht. Was aber, wenn die Gewalt von rechts
       längst überall ist, man vielleicht nur nichts von ihr mitbekommen hat, weil
       man nicht zur Opfergruppe zählt? Oder, wie Danger Dan es zu Beginn
       formuliert: „Wie gehen wir mit den ganzen Faschisten und Faschistinnen um,
       die gerade in die Parlamente gehen, und mit denen, die auf der Straße sind?
       Wie gehen wir um mit rechter Gewalt, die explosionsartig anwächst und immer
       brutaler wird?“
       
       Es ist darüber hinaus ein ergreifender, vielleicht manchmal mit etwas zu
       viel Pathos aufgeladener Abend. Danger Dan spielt gleich eingangs „Das ist
       alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ als recht simple Antwort auf die
       ZDF-Debatte, er begrüßt zwischendurch auch das Team von „Die Anstalt“, das
       zum Teil im Publikum sitzt. Der Abend hat auf gute Weise unterschiedliche
       Temperaturen, eingangs liest Blixa Bargeld mit dunklem Timbre berühmte
       Brecht-Zeilen („In den finsteren Zeiten“), Igor Levit ist für die erhabenen
       Momente zuständig, seine Finger rasen und fliegen über die Tasten beim
       Finale der Waldstein-Sonate, beim „Peace Piece“ (Bill Evans) wird es
       dagegen bedächtig, fast andächtig.
       
       Für die Agitation ist Danger Dan zuständig, er ruft zwischendurch Dinge
       wie: „Wir sind nicht ohnmächtig“, oder sagt, dass er gestärkt aus dieser
       „turbulenten Woche“ herausgehe. Die beiden witzeln auch zwischendurch
       miteinander, etwa darüber, wie viele Shitstorms sie schon zusammen
       überstanden hätten. Danger Dan erzählt überdies, warum beide ihr eigenes
       Klavier auf der Bühne haben: Levit habe ihm vorher gesagt, die Elektronik
       des Stage-E-Pianos von Danger Dan sei zu langsam für seine Finger. Levit
       zeigt dann, dass er damit tatsächlich richtig gelegen haben könnte.
       
       Unterhaltend und erhellend ist dieser Abend, wäre er im ZDF übertragen
       worden, hätte er das Durchschnittsniveau dort um einiges angehoben. Ob
       dieser einzelne Song nun im Öffentlich-Rechtlichen präsentiert wird oder
       nicht, ist vielleicht gar nicht so entscheidend, symbolisch aber zeigt die
       Causa, dass die Hufeisentheorie auch im Hinblick auf Gewalt gerade stark
       gemacht wird – wie im Kulturstaatsministerium unter Weimer auch. Warum das
       grundfalsch ist, wird in den Beiträgen Kleffners und Pietrzyks deutlich.
       Danger Dan und Igor Levit stehen zu dem Lied. Sie sind bereit zu
       diskutieren und argumentieren. Und den vielleicht gelungensten
       Debattenbeitrag zu dem Thema liefern sie mit diesem Abend selbst.
       
       22 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Beschuldigter-Linker-Johann-G/!6133539
   DIR [2] /Antifa-Prozess-in-Duesseldorf/!6195984
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jens Uthoff
       
       ## TAGS
       
   DIR Danger Dan
   DIR Igor Levit
   DIR ZDF
   DIR Musik
   DIR Konzert
   DIR Rechtsextremismus
   DIR Antifa Ost
   DIR Reden wir darüber
   DIR Kunstfreiheit
   DIR Social-Auswahl
   DIR Danger Dan
   DIR Danger Dan
   DIR Kunstfreiheit
   DIR Danger Dan
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Auftritt von Danger Dan und Igor Levit: Verschweigen funktioniert nicht mehr
       
       Das ZDF wollte einen Song streichen, daraufhin wurde der zum medialen
       Mittelpunkt. Die Rundfunkanstalt muss ihr Verhältnis zum Antifaschismus
       dringend überdenken.
       
   DIR Ersatzkonzert nach ZDF-Absage: Danger Dan holt sich seine Bühne zurück
       
       Nach der Absage seines ZDF-Auftritts organisiert Danger Dan ein
       Ersatzkonzert in Berlin. Der Erlös geht an den Verein Opferperspektive.
       
   DIR Danger Dan, Antifaschismus und das ZDF: Mit Legalismus gegen Rechtsextremismus?
       
       Im ZDF geht die Angst um. Die Musiker Danger Dan und Igor Levit dürfen
       nicht in der Satiresendung „Die Anstalt“ auftreten.
       
   DIR Danger Dan und Igor Levit: Das hier kannst du tun
       
       „Keine Angst“ von Danger Dan klingt wie eine niedrigschwellige
       Gebrauchsanleitung gegen den erstarkenden Faschismus. Geht das zu weit?
       Muss nicht sein.