# taz.de -- AfD-Kandidat als Landrat gescheitert: Zu rechts für einen Landrat
> Zum ersten Mal ist in Niedersachsen ein AfD-Kandidat nicht als
> Landratskandidat zugelassen worden. Der will gegen die Entscheidung
> vorgehen.
IMG Bild: Darf nicht als Landrat bei der niedersächsischen Kommunalwahl kandidieren: AfD-Bundestagsabgeordneter Martin Sichert
Der Wahlausschuss des Landkreises Friesland hat beschlossen, den
AfD-Bundestagsabgeordneten [1][Martin Sichert] nicht als Landratskandidaten
für die Kommunalwahl im September zuzulassen. Grundlage dafür waren Zweifel
an seiner Verfassungstreue, die sich aus einer Stellungnahme des
Innenministeriums ergeben hatten.
Damit wirkt sich erstmals eine Regelung aus, die von der rot-grünen
Landesregierung mit den Stimmen der CDU erst im Frühjahr eingeführt wurde.
Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit, die dieser Fall erhält. Dazu
trägt auch der abgelehnte Martin Sichert bei: Auf seinen
Social-Media-Kanälen postet er ein Video nach dem anderen, darunter
Ausschnitte aus der Sitzung des Wahlausschusses, die er mitgefilmt hat.
Seine Deutungsweise ist ziemlich klar und folgt dem altbewährten
AfD-Muster: Die „Kartellparteien“ wollten ihn angeblich kaltstellen, weil
er für Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte kämpft – wie auch schon in der
Coronapandemie.
Diktaturvergleiche und Parteienbeschimpfungen gehören bei Sichert zum
Standardrepertoire, genauso wie offene Ausländer- und Islamfeindlichkeit
und die Verbreitung von Fake News. Trotzdem behauptet er von sich, er stehe
auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, immerhin sei er
ja auch schon seit 15 Jahren im öffentlichen Dienst.
## Rechtsaußen und bayerischer Beamter
Damit meint er vermutlich seine Zeit bei der Anstalt für kommunale
Datenverarbeitung in Regensburg, wo er von 2009 bis 2017 tätig war – bis zu
seinem Einzug in den Bundestag für die AfD. Als Beamter genießt er ein
Rückkehrrecht in den bayerischen Staatsdienst.
In der AfD ist er seit März 2013 – Mitgliedsnummer 52, wie er einmal stolz
angab. Fast genauso lange gibt es schon Schwierigkeiten wegen seiner
rechten Umtriebe. Ein erstes Parteiausschlussverfahren wurde noch unter
Parteigründer Bernd Lucke eingeleitet, war aber nicht erfolgreich.
Lange Zeit war er vor allem in Bayern und Berlin aktiv, in Friesland ist er
das erst seit 2024. Damit macht er – sicher ungewollt – auch an seiner
Person deutlich, warum die [2][Wahlausschüsse auf kommunaler Ebene oft
überfordert sind], wenn sie über die Verfassungstreue eines Kandidaten
entscheiden müssen.
Das mussten sie nämlich in Wirklichkeit auch vor der Gesetzesänderung
schon. Dass an die direkt gewählten Oberbürgermeister, Bürgermeister und
Landräte ein strengerer Maßstab angelegt wird als an die Mitglieder der
Räte und Kreistage, liegt daran, dass sie als Verwaltungschefs eben auch
Beamte auf Zeit sind.
Allerdings: In den Wahlausschüssen sitzen Ehrenamtliche, die von den
Parteien entsandt werden. Sie haben nur ein paar Wochen Zeit, um sich einen
Überblick über die Wahlvorschläge zu verschaffen, bevor sie dann mit einer
einfachen Mehrheit über die Zulassung entscheiden.
## Anfechtung ist erst nach der Wahl vorgesehen
Dieses System der Zulassung durch die Wahlausschüsse stammt aus einer Zeit,
in der überwiegend Kandidaten antraten, die vor Ort gut bekannt waren und
eine Vorauswahl durch die etablierten Parteien durchlaufen hatten. Das ist
seit einer Weile nicht mehr so. Aber den Mitgliedern des Wahlausschusses
fehlen die Zeit und die Mittel, um sich ein umfassendes Bild von den
Bewerbern zu verschaffen.
Damit begründete jedenfalls auch das Innenministerium die Neuregelung. Wenn
begründete Zweifel an der Verfassungstreue eines Kandidaten bestehen, kann
der Wahlausschuss nun also die Kommunalaufsicht im Innenministerium um eine
Einschätzung bitten, die wiederum den Verfassungsschutz anfragt.
Im Fall Sichert sieht das Dossier also genauso aus, wie man das erwartet:
Erläutert wird seine Tätigkeit für die AfD, warum der Landesverband
Niedersachsen als Verdachtsfall und [3][bald vielleicht auch wieder als
Beobachtungsobjekt eingestuft wird], welche öffentlichen Äußerungen und
Kontakte Sicherts man aus welchen Gründen für problematisch hält.
Darunter sind auch zahlreiche Social-Media-Posts. Was Sichert dann wiederum
mit dem AfD-typischen Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-dürfen-Gestus ins
Lächerliche zieht: Dass syrische Frauen gewalttätiger sind als deutsche
Männer zum Beispiel. Oder dass die Silvesterrandalierer überwiegend
Passdeutsche mit migrantischen Vornamen waren. Oder dass die
Regenbogenflagge genauso schlimm ist wie die Hakenkreuzflagge.
Wie genau er gegen diese Entscheidung des Wahlausschusses vorgehen möchte,
bleibt erst einmal unklar. Vorgesehen ist eigentlich der Weg über eine
nachträgliche Wahlanfechtung. In anderen Fällen haben es Kandidaten
trotzdem mit einem Eilantrag vor dem Verwaltungsgericht versucht. Das ist
aber selten erfolgreich. Auf dem Wahlzettel für die Landratswahl in
Friesland werden also voraussichtlich nur drei Namen stehen: Rolf Neuhaus
(parteilos, unterstützt von SPD und Grünen), Sibylle Raquet (FDP,
unterstützt von der CDU) und Jan-Ole Möller (Die Partei).
22 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Nadine Conti
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