# taz.de -- Neuer Armeechef in der Ukraine: Der moderne General
> Mychajlo Drapatyj soll das Oberkommando über die ukrainischen
> Streitkräfte führen. Im Vergleich zu Vorgänger Syrskyj gilt er als
> moderner und humaner.
IMG Bild: Auf gute Zusammenarbeit: Präsident Selenskyj im Handshake mit seinem neuen Armeechef Mychajlo Drapatyj (r.)
Das Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw nahe dem Amtssitz des
Präsidenten ist an diesem Mittwochmorgen menschenleer. Einige Mitarbeiter
der Stadtverwaltung räumen Pappschilder weg. Darauf steht: „Bringt Fedorow
zurück“, „Ich halte dieses Schild für jene, die die Frontlinie halten“, und
„Nein zu Syrskyj! Ja zu Drapatyj.“ Noch während die Pappschilder in den
Müll geräumt werden, beginnen diese Forderungen Wirklichkeit zu werden.
Am Dienstagabend entließ der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den
Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj. Dieser
Schritt folgte auf [1][Selenskyjs Entscheidung, den populären
Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow abzusetzen.] Dessen Konflikt mit
Syrskyj hatte eine innenpolitische Krise sowie tagelange Proteste in der
Ukraine ausgelöst, bei denen die Demonstranten auch den Rücktritt des
Oberbefehlshabers selbst gefordert hatten.
Jewhen Schibalow ist mit der Entscheidung des Präsidenten, Syrskyj zu
feuern, zufrieden. Der habe den Erfolg der ukrainischen Armee an
Geländegewinnen auf der Karte gemessen und den Befehl „Rückzug“ nicht
gekannt. Menschenleben seien ihm gleichgültig gewesen. „Mir ist es wichtig,
dass die Stimme der Gesellschaft Gehör gefunden hat. Ich hoffe, dass wir
uns von diesem tödlichen sowjetischen Führungsstil verabschieden werden“,
sagt der ukrainische Veteran und Schriftsteller, der die russische
Gefangenschaft überlebt und seinen Bruder im Krieg verloren hat. Am
Dienstag habe er, erzählt der 44-Jährige, seine Auszeichnung der
ukrainischen Streitkräfte „Für Standhaftigkeit“ per Post an Selenskyj
zurückgeschickt – aus Protest gegen Syrskyj.
## Humanere Prinzipien
Dessen Nachfolger wird der 43-jährige General Mychajlo Drapatyj. Viele
Militärangehörige und Zivilisten verbinden mit Drapatyis Ernennung die
Hoffnung, dass bei der Führung der Armee künftig humanere Prinzipien
angewandt werden. Jurij Hordijenko, ein 52-jähriger Soldat in Uniform, ist
auf dem Unabhängigkeitsplatz gekommen, um seiner gefallenen Kameraden zu
gedenken.
„Ich kenne Drapatyj persönlich. Unsere Wege haben sich gekreuzt, als ich im
Raum Charkiw im Einsatz war. Er ist ein junger, moderner General. Ich habe
beim Militär kein schlechtes Wort über ihn gehört. Ich glaube, dass die
Rotation von Personal auf solchen Posten der Armee zugutekommt“, sagt er.
Drapatyis Ernennung wird die politische Krise in der Ukraine jedoch nicht
sofort beenden. [2][Die Forderung der Demonstranten nach der Rückkehr von
Mychajlo Fedorow] auf den Posten des Verteidigungsministers ist bislang
nicht erfüllt und die Frage nach der Besetzung dieses Amtes offen.
In den sozialen Medien wird lebhaft darüber diskutiert, die Demonstrationen
auszuweiten – und zwar so, dass sie mit Fedorows Rückkehr und der
vorzeitigen Rückberufung des Parlaments aus der Sitzungspause
zusammenfallen. Denn das Parlament muss über die Ernennung des neuen
Verteidigungsministers abstimmen.
Auch die Radiomoderatorin Viktorija Miroslavskaya, 36 Jahre alt, hält heute
auf ihrem Weg im Zentrum von Kyjiw eine Schweigeminute ab. Vor zwei Tagen
stand sie genau hier mit einem Stück Pappe in der Hand, auf dem zu lesen
war: „Die Behörden – das ist das Volk.“
„Mir scheint, dass genau diese Kundgebungen zu Selenskyjs Entschluss
beigetragen haben, Syrskyj zu entlassen“, sagt Miroslavskaya. „Ich glaube,
die gesellschaftlichen Spannungen haben sich dadurch ein Stück weit gelöst.
Sowohl ich als auch viele andere Ukrainer werden so lange protestieren, bis
ein neuer Verteidigungsminister ernannt ist.“ Man dürfe „diese Ernennung
nicht hinauszuzögern, denn wir befinden uns im Krieg und können nicht
warten“, sagt sie, deren Ehemann seit 2022 in der Armee dient.
## „So viele Verluste erlitten“
Nicht alle Ukrainer verfolgen die Personalentscheidungen und politischen
Machtkämpfe innerhalb der Regierung. Alla Andruschko, die in Tschernihiw
lebt, ist nach Kyjiw gereist – jedoch nicht, um an den Protesten
teilzunehmen. Sie hat vor Kurzem ihren Bruder beigesetzt, der in der
Ostukraine gefallen ist. Jetzt möchte sie sein Porträt am Denkmal auf dem
Unabhängigkeitsplatz niederlegen.
„Mein Bruder wurde getötet, Russland hat mein Zuhause zerstört – wir haben
so viele Verluste erlitten. Sehen Sie sich um: All diese jungen Männer sind
in diesem Krieg gefallen. Ich habe nicht die Kraft, bei den neuen
Personalentscheidungen den Überblick zu behalten. Wenn der neue
Oberbefehlshaber die Zahl der Todesopfer unter unseren Jungs verringert,
werde ich mich darüber freuen“, sagt sie und wischt sich ein paar Tränen
ab. Neben das Porträt ihres Bruders steckt sie eine kleine gelb-blaue
Flagge in die Erde.
Aus dem Russischen: Barbara Oertel
22 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Julia Surkowa
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