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       # taz.de -- Psychoanalyse in Argentinien: Wo man sich im Café Sigi traf
       
       > Buenos Aires galt einst als späte Hauptstadt der Psychoanalyse. Ist davon
       > heute noch etwas geblieben?
       
   IMG Bild: Ob Buenos Aires heute noch mit seinem vergangenen Glanz mithalten kann?
       
       Buenos Aires ist als Hauptstadt Argentiniens bekannt, weniger populär ist
       jedoch, dass die Stadt einigen auch als „Hauptstadt der Psychoanalyse“ oder
       zumindest als eine der am stärksten „psychoanalysierten“ Städte der Welt
       gilt. Der Mythos entstand in den 1970er- und 1980er-Jahren: Psychologie war
       in dieser Zeit eine gesellschaftliche Mode und zugleich ein lukrativer
       Beruf, was das Angebot zusätzlich befeuerte. Damals gab es eine
       außergewöhnlich hohe Zahl an Psycholog*innen und
       Psychoanalytiker*innen im Verhältnis zur städtischen
       Einwohner*innenzahl.
       
       Allerdings war der Titel schon da irreführend, da er außer Acht ließ, dass
       die Praxen zwar in der Stadt Buenos Aires lagen, jedoch täglich zahlreiche
       Menschen aus dem Umland ins Stadtgebiet pendelten. Nicht wenige von ihnen,
       um sich auf die Couch eines Analytikers zu legen.
       
       Der Mythos entbehrt dennoch nicht einer historischen Grundlage. Deren
       Ursprung reicht bis in die 1940er-Jahre zurück, als europäische
       Emigrant*innen wie etwa der in Spanien geborene Psychiater und
       Psychoanalytiker Ángel Garma ihre Ideen nach Argentinien brachten und Garma
       zusammen mit Arnaldo Rascovsky die argentinische psychoanalytische Bewegung
       schuf. Der Arzt und Psychoanalytiker Rascovsky machte die Psychoanalyse
       weit über Fachkreise hinaus bekannt. Legendär sind seine gut besuchten
       Vorlesungen, die er mitunter vor über 1.000 Studierenden hielt.
       
       Zur Entstehungsgeschichte des Mythos gehört die Villa Freud, jenes
       Häuserviertel rund um die Plaza Güemes im Stadtteil Palermo. Ihren Namen
       verdankt sie der außergewöhnlichen Konzentration von
       Psychoanalytiker*innen, die sich hier in den 1960er-Jahren niederließen.
       
       ## Café Sigi und Café Freud
       
       Die Nähe zu Universitäten und Krankenhäusern sowie eine
       bildungsorientierte, gut situierte Mittelschicht machten den Standort
       besonders attraktiv. Psychoanalyse war damals nicht nur Therapie, sondern
       Statussymbol und Trend. In dieser Blütezeit verfügte das Viertel sogar über
       eigene Treffpunkte wie die Cafés Sigi oder Freud.
       
       Heute ist davon kaum noch etwas geblieben. Unter anderem städtebauliche
       Veränderungen haben zum Wandel beigetragen. Strengere Vorschriften und
       ungeeignete Altbauten erschweren die Nutzung als Praxisräume, während
       andere Stadtviertel attraktiver geworden sind. Wo sich einst das Café Sigi
       befand, ist heute die schicke Café-Bar La Fonte D’Oro.
       
       Nur die Apotheke Farmacia Porteña Villa Freud hinter der hochragenden
       katholischen Kathedrale Nuestra Señora de Narek erinnert noch an die
       psychoanalytische Vergangenheit. „Die Apotheke wurde 1967 eröffnet und
       trägt seither den Namen“, versichert die Apothekerin. Allerdings müsse sie
       immer mal wieder erklären, woher der Name stamme.
       
       Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen und sozialen Krisen ist
       fraglich, ob Buenos Aires heute noch mit seinem vergangenen Glanz mithalten
       kann. Der Mythos der psychoanalytischen Metropole bleibt jedoch ein
       zentraler Bestandteil der kulturellen Identität der Stadt. „Dieser Mythos
       lebt und ist doch Geschichte“, bestätigt Marcelo Aptekmann. Für den
       72-jährigen Diplompsychologen beginnt der zweite Aufschwung der
       Psychoanalyse in Argentinien nach [1][dem Ende der blutigen Militärdiktatur
       vom 1976 bis 1983].
       
       ## Weg vom Individuum
       
       „In Buenos Aires verband sich die neu gewonnene politische Freiheit mit
       einem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Selbstreflexion. Viele Menschen
       begannen, sich intensiv mit der eigenen Geschichte und den psychischen
       Folgen der Repression der Diktatur auseinanderzusetzen. Gleichzeitig
       existierte noch eine vergleichsweise starke Mittelschicht, die Bildung hoch
       bewertete und sich psychotherapeutische Behandlungen leisten konnte“,
       erklärt Aptekmann.
       
       Mit der Entwicklung der Sozialpsychologie leistete Argentinien zudem einen
       wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des Fachs. Diese geht wesentlich
       auf das Werk von Enrique Pichon-Rivière zurück. Der in der Schweiz geborene
       und in Argentinien aufgewachsene Arzt und Psychoanalytiker verband
       medizinisches Wissen mit gesellschaftlichem Engagement und begründete eine
       eigenständige Denktradition, nach welcher der Mensch zugleich Produkt und
       Gestalter seiner Umwelt ist. Pichon-Rivière verschob den Fokus weg vom
       Individuum hin zu Gruppen, Beziehungen und gesellschaftlichen Bedingungen.
       
       Das Hospital Interdisciplinario Psicoasistencial José T. Borda ist das
       größte psychiatrische Krankenhaus Argentiniens. Das Borda, wie es allgemein
       genannt wird, ist eine weitläufige Anlage mit verschiedenen Häusern und
       Höfen im Süden von Buenos Aires. Zu Spitzenzeiten beherbergte es bis zu
       5.000 chronische Patienten. Heute sind es rund 700.
       
       Marcelo Aptekmann kennt die Einrichtung gut. „Zehn Jahre habe ich dort eine
       Multifamiliengruppe geleitet, zu der Patienten mit ihren Verwandten, Ärzten
       und Krankenschwestern kamen.“ Es war eine experimentelle Form zu der
       mitunter bis zu 120 Personen kamen. „Die eigenen Schwierigkeiten in den
       Erzählungen anderer Familien wiederzuerkennen, kann helfen, diese zu
       lösen“, erklärt er den therapeutischen Ansatz.
       
       ## Das Radio der „Verrückten“
       
       Und noch etwas Einzigartiges beherbergte das Borda: das [2][Radio La
       Colifata]. Anfang der 1990er-Jahre ins Leben gerufen, gab es den
       Patient*innen die Möglichkeit, draußen in der Stadt gehört zu werden.
       „Colifa“ bedeutet im Río-de-la-Plata-Slang „verrückt“. „Für viele Patienten
       des Borda, die sich isoliert, hoffnungslos und von der Gesellschaft
       ausgeschlossen fühlten, war Radio La Colifata weit mehr als ein
       Freizeitangebot“, so Aptekmann. Die Patient*innen gestalteten die
       Sendungen aktiv mit, berichteten über ihre Erfahrungen und führten
       Gespräche mit Gästen. Bekannte Künstler*innen kamen zu den
       Livesendungen, darunter Manu Chao, [3][der 2009 ein Album mit ihnen
       einspielte]. Heute sendet Radio La Colifata aus dem nahen Stadtteil San
       Telmo.
       
       In einem Land wie Argentinien, geprägt von zahlreichen politischen
       Umbrüchen, populistischen Bewegungen wie dem Peronismus und wechselnden
       Militärdiktaturen, fand der Ansatz von Radio La Colifata breite Anerkennung
       und verbreitete sich nach und nach auch in den Nachbarländern. Bis heute
       ist er in Argentinien präsent, insbesondere dort, wo soziale Probleme wie
       Armut oder Ausgrenzung nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit
       konkreten Lebensrealitäten und kollektiven Erfahrungen verstanden werden.
       
       Argentiniens Krankenkassen übernehmen zwar die Kosten für
       Psychotherapiesitzungen, aber in der Regel nur, wenn sie nicht länger als
       30 Minuten dauern und für höchstens sechs Monate. „Eine Therapie wirkt,
       wenn sie mehr als zwei Jahre, ein- oder zweimal in der Woche mindestens 45
       Minuten stattfindet“, kritisiert Aptekmann die Praxis der Kassen. Eine gute
       Psychotherapie sei auch heute noch etwas für Personen mit den nötigen
       finanziellen Ressourcen.
       
       Dabei sind die Aussichten für die Psychologie in Argentinien nach
       Einschätzung von Marcelo Aptekmann wenig rosig. „Für die über 50-Jährigen
       in Buenos Aires ist Psychoanalyse fest im kulturellen Leben verankert.
       Diese Generation ist mit der starken Präsenz psychoanalytischer
       Institutionen und Diskurse aufgewachsen und betrachtet den ‚Gang zum
       Analytiker‘ oft als Teil persönlicher und sozialer Entwicklung“, sagt der
       Diplompsychologe, der seit 38 Jahren praktiziert.
       
       23 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Argentinische-Militaerdiktatur/!6165617
   DIR [2] https://lacolifata.com.ar/radio/
   DIR [3] https://www.youtube.com/watch?v=KudfRVLG0YQ
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jürgen Vogt
       
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