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       # taz.de -- Erneuerbare Energie: Wenn der Wind sich dreht
       
       > Die Windkraftbranche freut sich über Fortschritte bei den Genehmigungen.
       > Allerdings fürchtet sie den EEG-Neuentwurf der
       > Bundeswirtschaftsministerin.
       
   IMG Bild: Aufbau der höchsten Windenergieanlage der Welt mit 365 Meter Höhe in Brandenburg im Juni 2026
       
       Auf den ersten Blick sehen die Zahlen respektabel aus: In den ersten sechs
       Monaten dieses Jahres wurden Windräder mit 2.363 Megawatt Leistung neu in
       Deutschland aufgebaut. „Nur 2017 waren es binnen der letzten zehn Jahre
       mehr im ersten Halbjahr“, erläutert Jürgen Quentin von der „Fachagentur
       Wind und Solar“, die die Zahlen präsentierte. Am meisten neue Windräder
       wurden in Nordrhein-Westfalen aufgestellt, dicht gefolgt von Niedersachsen.
       „Das Erfreuliche ist, dass die [1][Windenergie] jetzt auch in den
       Südländern anzieht“, so Quentin.
       
       Auch bei den neu genehmigten Anlagen lesen sich die Zahlen gut: Im ersten
       Halbjahr wurden 1.419 neue Windräder mit einer Gesamtleistung von 9.150
       Megawatt zugelassen. „So viele wie in den letzten zehn Jahren nicht mehr“,
       sagt Jürgen Quentin von der Fachagentur. Auch hier würden die Südländer
       nachziehen: „In Bayern allein wurden im ersten Halbjahr so viele Anlagen
       neu genehmigt wie davor in zwei Jahren.“
       
       Allerdings folgt der zweite Blick auf die Zahlen, und der ist getrübter: Um
       ihre Klimaziele zu erreichen, hat sich die Bundesregierung als Plan
       ausgegeben, Windräder mit 145 Gigawatt Leistung bis zum Jahr 2030 ans Netz
       zu bringen, 115 Gigawatt zu Land und 30 Gigawatt auf dem Meer. Um das Ziel
       zu erreichen, müssten sich Ende des Jahres 84 Gigawatt auf deutschem Boden
       drehen, aktuell sind aber noch keine 70 Gigawatt angeschlossen.
       „Erfahrungsgemäß kommen in der zweiten Jahreshälfte mehr Windräder dazu“,
       sagt Quentin, der insgesamt 8 Gigawatt Zubau in diesem Jahr als „sehr, sehr
       optimistisch“ bezeichnet.
       
       Aber wenn so viele neue Windräder genehmigt sind: Könnten dann nicht
       einfach mehr gebaut werden? „Leider nicht“, sagt der Fachmann – und das
       liegt an den sogenannten Ausschreibungen: Bis zum Jahr 2017 konnte jeder,
       der eine genehmigte Anlage, ein Grundstück und einen Bauantrag vorweisen
       konnte, sein Windrad auch bauen. Seitdem müssen sich potenzielle Investoren
       in Ausschreiberunden um den Bau bewerben: Sie kalkulieren, zu welchem Preis
       sie das Projekt realisieren können, der billigste Anbieter bekommt den
       Zuschlag. „In diesem Jahr stehen aber nur noch zwei Ausschreibungen mit
       insgesamt 5 Gigawatt Leistung an“, sagt Quentin, eine im August, die andere
       im November.
       
       ## Habeck erleichterte Projekte
       
       Immerhin hatte Robert Habeck (Bündnisgrüne) als Bundeswirtschaftsminister
       das Gesetz so geändert, dass Projekte bis 15 Megawatt auch ohne
       Ausschreibung gebaut werden dürfen. Dadurch bekamen auch Stadtwerke oder
       Bürgerenergiegenossenschaften die Chance zurück, sich am Windkraftausbau zu
       beteiligen. Denn die Kalkulationen für die Ausschreibungen verschlingen
       schnell 100.000 Euro: Zu den gebotenen Bedingungen muss nach einem Zuschlag
       tatsächlich auch gebaut werden. Andernfalls wird eine „Pönale“ genannte
       Strafe fällig: Stadtwerke und Bürgerenergie konnten sich weder Kalkulation
       noch Pönale leisten.
       
       Und noch eine Zahl trübt die Branche: Es dauert mittlerweile im
       Durchschnitt 31 Monate, bis ein Windrad ans Netz geht. Zum Vergleich: Vor
       zehn Jahren waren es durchschnittlich 11,8. Jürgen Quentin macht dafür auch
       den Netzanschluss verantwortlich: Die Netzbetreiber ließen sich viel zu
       viel Zeit. Mehr als 130.000 Menschen arbeiten inzwischen in der
       Windkraftindustrie.
       
       Allerdings sind diese Sorgen klein, verglichen mit dem Entwurf des
       Erneuerbare-Energien-Gesetzes, das [2][Bundeswirtschaftsministerin
       Katherina Reiche (CDU)] vorgelegt hat: „Die Entwicklung seit 2017 zeigt,
       dass die Branche lange braucht, um sich zu erholen“, sagte Bärbel
       Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbandes Windenergie. „Wenn das Gesetz
       jetzt so beschlossen wird, droht ein Ausbaustopp beim Wind“. Konkret
       kritisiert Heidebroek den Netzanschluss: Wer künftig ein Windrad baut, hat
       nach Reiches Entwurf kein Recht mehr darauf, dass dieses auch ans Netz
       angeschlossen wird. Ein anderes Hindernis sei der geplante „Redispatch“:
       Windradbetreiber sollen in sogenannten Engpassgebieten nicht mehr
       entschädigt werden, wenn ihre Anlagen wegen zu viel Strom im Netz
       zwangsabgeschaltet werden. Die halbe Bundesrepublik wird als
       „Engpassgebiet“ bewertet.
       
       ## Maschinenbauer hoffen auf Parlament
       
       „Das Wichtigste für die Branche ist Planungssicherheit“, erklärt Dennis
       Rendschmidt vom VDMA, dem Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten, der
       3.500 Maschinenbauer vertritt – eben auch aus der Windkraftbranche.
       „Deutschland ist der Leitmarkt in Europa“, so Rendschmidt, und wenn jetzt
       die Bedingungen derart drastisch geändert würden, sei dies auch eine Gefahr
       für die bereits – nach den alten Bedingungen – genehmigten Anlagen.
       Heidebroek verweist darauf, dass der Koalitionsvertrag andere Ziele
       vorsieht, als die, die [3][Katherina Reiche] jetzt mit ihrem Gesetz
       verfolgt: „Ich hoffe, dass im parlamentarischen Verfahren die größten
       Hürden noch abgeräumt werden.“
       
       23 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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