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       # taz.de -- Film „H wie Habicht“: Der Trost liegt in der Natur
       
       > „H wie Habicht“ nach dem Bestseller von Helen Macdonald ist erneut eine
       > Adaption, in der Frauen Verluste jenseits menschlicher Beziehungen
       > verarbeiten.
       
   IMG Bild: Helen (Claire Foy) hat in „H wie Habicht“ einen Vogel
       
       Als Helen (Claire Foy) am Himmel zwei Habichte erblickt, muss sie umgehend
       ihren Vater (Brendan Gleeson) anrufen. Alisdair ist gerade auf dem Sprung,
       steigt schon eilig in seinen alten blauen Ford ein – aber er nimmt sich die
       Zeit, seiner Tochter zuzuhören. Er ist sogar selbst voller Aufregung, als
       er hört, dass es sich um ein Habichtspaar handelt. Offenbar ist das eine
       seltene Beobachtung.
       
       Es ist erstaunlich vieles, was sich durch Philippa Lowthorpes feinsinniges
       Drama „H wie Habicht“ über Greifvögel lernen lässt. Die britische
       Regisseurin, die bislang vor allem in Streaminggefilden in Erscheinung
       getreten ist und etwa einzelne Episoden von „The Crown“ inszenierte,
       adaptiert damit den gleichnamigen [1][autobiografischen Roman von Helen
       Macdonald].
       
       Seit seinem Erscheinen im Jahr 2014 entwickelte sich das Buch zu einem
       internationalen Bestseller und verkaufte sich allein in den USA rund eine
       halbe Million Mal. Wohl auch deshalb, weil darin auf nahbare Weise von
       einer existenziellen Erfahrung erzählt wird, in der sich nahezu alle
       Leserinnen und Leser wiederfinden können: dem Verlust eines geliebten
       Menschen und dem langen Weg aus der Trauer.
       
       Erst wenige Spielminuten sind vergangen, als Helen einen Anruf von ihrer
       Mutter (Lindsay Duncan) erhält: Alisdair ist auf offener Straße
       zusammengebrochen und kurz darauf gestorben. Die Tochter, die sich gerade
       in Cambridge aufhält und dort als Resarch Fellow doziert, reagiert zunächst
       mit beinahe demonstrativer Nüchternheit. Ihre beste Freundin Christina
       (Denise Gough) ist bei ihr, die beiden wollten ohnehin ins Pub – warum also
       den Abend nicht einfach wie geplant fortsetzen?
       
       ## Der Schmerz kommt später
       
       Es ist die erste, trügerische Ruhe vor dem Einbruch der Trauer. Schon bald
       bahnt sie sich freilich ihren Weg, in Form unablässiger Erinnerungen an den
       geliebten Vater etwa, den Helen später als den einzigen Menschen
       beschreiben wird, der sie wirklich verstand. Philippa Lowthorpe lässt diese
       Erinnerungen immer wieder ins Jetzt hineinflackern und verleiht den
       Gefühlen ihrer Hauptfigur so eine unmittelbare Dringlichkeit.
       
       Alisdair erscheint darin als liebevoller Vater, der zeit seines Lebens für
       eine Zeitung arbeitete. Selbst im Ruhestand zog es ihn mit der Kamera
       hinaus: Begeistert verfolgte er etwa das Vorhaben, alle Brücken der Themse
       zu fotografieren. Insbesondere seine schrulligen Eigenschaften verleihen
       Alisdair eine ganz eigene Kontur, machen ihn als leibhaftigen Menschen
       erfahrbar – und damit auch den Schmerz über seinen Verlust.
       
       Ein deprimierender oder gar niederschmetternder Film ist „H wie Habicht“
       dennoch nicht, was vor allem seinen lebendigen Bildern zu verdanken ist.
       Entgegen dem Trend zur filmischen Verdunkelung ziehen sich immer wieder
       lichtdurchflutete Einstellungen durch das Drama, die es sogar in die Nähe
       eines leichtfüßigen Sommerkinos rücken – etwa in der Tradition von [2][„Der
       Gesang der Flusskrebse“ (2022)].
       
       ## Die Natur als Zuflucht
       
       Doch nicht nur ästhetisch, auch thematisch drängen sich Parallelen auf. Wie
       nun Philippa Lowthorpe verfilmte auch Olivia Newman einen internationalen
       Bestseller, der eine Frau in den Mittelpunkt rückt, die nach erschütternden
       Erfahrungen schließlich Trost in der Natur sucht. Dass zuletzt auch die
       Adaption von [3][Sigrid Nunez’ „Der Freund“] ein ähnliches Motiv auf die
       Leinwand brachte, dürfte kaum Zufall sein: Ein Kino, das sich gerne auf
       erprobte Stoffe verlässt, bildet damit verstärkt auch die von Leserinnen
       geprägte Gegenwartsliteratur ab.
       
       Weshalb es in diesen Geschichten selten Menschen sind, die den Frauen neue
       Hoffnung geben, ist eine andere spannende Frage. Wo im „Gesang der
       Flusskrebse“ die Marschlande von North Carolina zur transzendenten
       Gefährtin der Protagonistin werden und in „Loyal Friend“ (2024) eine Dogge
       diese Funktion übernimmt, fällt sie in „H wie Habicht“ jedenfalls dem
       titelgebenden Greifvogel zu.
       
       Obwohl ihr ein ebenfalls in der Falknerei erfahrener Freund (Sam Spruell)
       eindringlich davon abrät und Habichte als die „Psychopathen“ unter den
       Artgenossen bezeichnet, entscheidet sich Helen für ein Weibchen, das sie
       Mabel tauft. Was folgt, ist ein langwieriger Prozess, gegenseitiges
       Vertrauen zu lernen: Mit Lederhandschuh und Leine bringt sie dem Vogel in
       ihrer kleinen Wohnung bei, aus ihrer Hand zu fressen, ihrer Stimme zu
       folgen und schließlich gemeinsam auf die Jagd zu gehen.
       
       Ein Großteil des Films widmet sich diesem Training, in das sich Helen
       nahezu manisch stürzt. Freundschaften vernachlässigt sie dabei ebenso wie
       die Aussicht auf ein Stipendium in Berlin. Dass diese Passagen nicht
       eintönig wirken, ist vor allem dem nuancierten Spiel von Claire Foy zu
       verdanken. Durch den Kummer, der ihrer Figur auch äußerlich anzusehen ist,
       scheint immer wieder die mitreißende Begeisterung, mit der Helen auf jeden
       Fortschritt reagiert.
       
       Ob „H wie Habicht“ sich dabei zu großer Filmkunst aufschwingt? Das muss der
       Film gar nicht. Wie schon die literarische Vorlage liegt der Fokus weniger
       auf der schonungslosen Vermessung des Leids als auf der behutsamen Suche
       nach Zuversicht. Er verschließt sich den Härten des Abschieds nicht, begibt
       sich aber ebenso wenig in seine schwersten Niederungen. Dabei gelingt es
       dem Drama letztlich Trost zu spenden, ohne ihn vorschnell zu verschenken.
       Und dieses fragile Gleichgewicht zu treffen, ist schon eine Kunst für sich.
       
       24 Jul 2026
       
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