# taz.de -- Geleaktes Frontex-Video: Wie rechte Medien gegen Sea-Watch hetzen
> CDU und Springer legen nahe, die Seenotrettungs-NGO mache gemeinsame
> Sache mit Schleusern. Sea-Watch weist die Vorwürfe zurück – und nennt
> Details.
IMG Bild: Das Rettungsschiff „Sea Watch 5“ bei der Einfahrt in den Hafen von Neapel
Zusammenarbeit mit der „Schleuser-Mafia“, ein Frontex-Video und eine
mögliche jahrzehntelange Haftstrafe für den niederländischen
Seenotrettungs-Kapitän Anne van Dam: Seit Montag machen Meldungen über
einen vermeintlichen Skandal die Runde, in dessen Zentrum die NGO Sea-Watch
stehen soll.
Die weist die Vorwürfe zurück und spricht von einer „rechtsextremen
Verleumdungskampagne“. Es bestehe „weder ein Verhältnis noch irgendeine
Form der Kommunikation oder Verabredung“ [1][mit den libyschen Schleppern],
so Sea-Watch in einer Stellungnahme gegenüber der taz.
Die Vorwürfe beziehen sich auf einen Vorfall am 11. Mai, einem Montag. Da
hatte die „Sea-Watch 5“ vor der Küste Libyens 90 Menschen aus Seenot
gerettet. In der vergangenen Woche veröffentlichten die Medien Le Figaro
(Frankreich) und Il Giornale (Italien) ein Video dieser Situation. Das war
von einem Flugzeug der EU-Grenzschutzagentur Frontex während des Einsatzes
aus der Luft aufgenommen – und nun offenbar von den italienischen Behörden
an die Medien geleakt worden.
Zu sehen sind darauf die „Sea-Watch 5“, ihr Beiboot, sowie ein Boot mit
etwa einem Dutzend Migrant:innen in Rettungswesten. Ebenfalls an Bord
sind fünf maskierte Männer mit paramilitärischer Kleidung – offenkundig
Schlepper. Die Migrant:innen steigen, so zeigt es das Video, von deren
Boot auf das Sea-Watch-Beiboot um und werden dabei teils von den
Maskenmännern gehalten. Danach fahren die mutmaßlichen Schlepper mit dem
leeren Boot davon.
## Menschen waren unter Deck eingeschlossen
Verschiedene Medien werten die Aufnahmen als Beleg dafür, dass Sea-Watch
die Menschen von den Schleppern übernommen habe, obwohl gar kein Notfall
vorgelegen habe. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion,
Alexander Throm, etwa nannte es gegenüber der Welt „merkwürdig, wie
kooperativ die Zusammenarbeit stattfindet“. Die AfD-Vorsitzende Alice
Weidel schrieb auf X: „Sogenannte ‚Seenotretter‘ schleusen Hand in Hand mit
kriminellen Banden illegale Migranten nach Europa.“
Sea Watch weist das zurück und sagt, die Aufnahmen ließen „wesentliche
Teile des Rettungseinsatzes“ weg. Das fragliche Boot sei von der
Sea-Watch-Besatzung entdeckt, ein Beiboot dorthin geschickt worden. Das
Boot habe – was auf dem Video nicht zu erkennen ist – ein Unterdeck gehabt.
Menschen seien dort eingeschlossen gewesen, es habe keine
Rettungsausrüstung gegeben.
Insgesamt 90 Personen seien an Bord gewesen, zwei davon bewusstlos, mehrere
stark geschwächt. „Allein schon weil das Boot vollkommen überladen war, war
für uns klar, dass es ein Notfall ist“, sagt die Sea-Watch-Sprecherin Julia
Winkler der taz. „Wir hätten die Menschen dort nicht sich selbst überlassen
dürfen.“
Das Rettungsteam sei mit den vermummten Männern konfrontiert gewesen, die
„damit drohten, Menschen ins Wasser zu werfen“. Solche Situationen habe es
in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Die Crew habe Rettungswesten an
die Migrant:innen verteilt und sie dann nach und nach an Bord der
„Sea-Watch 5“ gebracht.
## Libysche Küstenwache hatte auf Sea-Watch geschossen
In zwei schriftlichen Nachrichten an die italienischen Behörden bis 11 Uhr
an jenem Morgen melden die Seenotretter:innen den Vorfall. In der
zweiten Nachricht heißt es: „Nachdem alle Menschen in Not bis auf fünf an
Bord genommen worden waren, weigerten sich fünf maskierte Personen,
gerettet zu werden, starteten den Motor des Glasfaserboots und verließen
den Ort des Geschehens in südlicher Richtung.“
Winkler sagt: „Wir haben alles von Beginn an transparent an die Behörden
kommuniziert.“ Diese hätten die Crew angewiesen, die Geretteten in den
Hafen von Brindisi zu bringen. Direkt danach meldete die NGO, ein
Patrouillenboot der sogenannten libyschen Küstenwache habe mit scharfer
Munition [2][auf das Rettungsschiff gefeuert].
Zunächst sei ein einzelner Schuss gefallen, dann folgte „eine Salve von
zehn bis fünfzehn Schüssen“. Das, sagt Julia Winkler, sei der eigentliche
Skandal, über den kaum berichtet worden sei. Die „Sea Watch 5“ setzte die
Fahrt fort. Auf zwei weiteren Einsätzen in den folgenden Tagen nahm sie
weitere 76 Menschen an Bord.
Am Samstag, dem 16. Mai, legte das Schiff dann mit insgesamt 166 Menschen
in Brindisi an. Dort kamen Beamte der italienischen Küstenwache sowie
Polizei an Bord, blieben dort bis nach Mitternacht, beschlagnahmten
Dokumente sowie Equipment und brachten zwei Crewmitglieder zur
polizeilichen Vernehmung auf die Wache.
## Ermittlungen wegen „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“
Die Justiz leitete strafrechtliche [3][Ermittlungen gegen Kapitän Anne van
Dam] wegen „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“ ein. Die Höchststrafe dafür
liegt in Italien bei 20 Jahren. Es ist das erste Ermittlungsverfahren
dieser Art gegen ein ziviles Rettungsschiff in Italien seit 2020. Die an
die Medien weitergegebenen Frontex-Videoaufnahmen sind offensichtlich Teil
der Ermittlungsakten.
[4][Es ist nicht das erste Mal], dass die italienische Justiz mit dem
Vorwurf der Kooperation mit Schleppern gegen die zivilen
Seenoretter:innen vorgeht.
Im August 2017 wurde das [5][NGO-Rettungsschiff „Iuventa]“ der NGO Jugend
Rettet von der italienischen Polizei beschlagnahmt. Auch damals behaupteten
die Behörden, die Crew, die in den vorigen 20 Monaten rund 14.000 Menschen
aus Seenot gerettet hatte, habe mit [6][libyschen Schleppern] kooperiert.
Jahrelange Ermittlungsverfahren gegen rund ein Dutzend Besatzungsmitglieder
der „Iuventa“ und des NGO-Rettungsschiffes „Vos Hestia“ waren die Folge.
Erst im April 2024 wurden die Seenotretter freigesprochen.
24 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Christian Jakob
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