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       # taz.de -- Berliner Unesco-Weltkulturerbe: Mit fremden Papageienfedern geschmückt
       
       > Die Zehlendorfer Papageiensiedlung wird wahrscheinlich zum Welterbe
       > erklärt. Nicht alle jubeln. Seit 100 Jahren gibt es hier immer wieder
       > Konflikte.
       
   IMG Bild: Umgeben von Grün: die Pagageiensiedlung in Zehlendorf
       
       Unweit der nördlichen Grenze der Waldsiedlung Zehlendorf steht eine Kiste,
       die aussieht wie ein Kompostklo. Christian Küttner, Vorstand der
       Quartiersgenossenschaft „klimafreundliches Quartier“ (kliQ), hat sie
       mitgebastelt. Sie enthält eine Wärmepumpe, an die eine Erdsonde
       angeschlossen ist.
       
       Mit der Sonde wird in den kommenden Tagen getestet, ob die
       Temperaturunterschiede im Erdreich ausreichen, um hier ein dezentrales
       fossilfreies Geowärmenetz zu betreiben – ein Pionierprojekt im Altbau. Dem
       ging ein Konflikt zwischen Denkmal- und Klimaschutz voraus, der die
       Begeisterung in der Siedlung über die wohl am Montag erfolgende
       [1][Aufnahme der Siedlung in die Welterbeliste der UNESCO] bremste – dazu
       gleich mehr.
       
       Konflikte begleiteten die Siedlung aber schon seit ihrem Baubeginn vor
       exakt 100 Jahren. Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg
       wollten ab 1926 eine erschwingliche Alternative „in Licht, Luft und Sonne“
       schaffen für Arbeiterfamilien, die damals in menschenunwürdigen
       Mietskasernen hausen mussten.
       
       Doch wohlhabende Zehlendorfer:innen fürchteten, dass hier
       „kommunistischer Pöbel“ einzog, ihr Bürgermeister verweigerte die
       Baugenehmigung. Offizielle Begründung: Die Flachdächer passten nicht in die
       Gegend. Der damalige Berliner Baustadtrat Martin Wagner (SPD), ein Freund
       Tauts, riskierte seine Verhaftung, als er den Baubeginn dennoch anordnete.
       
       Die farbenfrohe Gestaltung der Siedlung war seinerzeit eine Sensation und
       ist es immer noch. Scharenweise pilgerte die Berliner:innen am
       Wochenende nach Zehlendorf, um die detailreich gestalteten Fassaden zu
       bestaunen. Damals entstand der Spitzname „Papageiensiedlung“.
       
       ## Freundlicher Zwang zur Begegnung
       
       Keine der 1.100 Geschosswohnungen in den Mietshäusern und keines der 800
       privaten Reihenhäuschen blieb ohne Grünanlagen und Gärten. Taut, damals
       Chefarchitekt der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Gehag, baute die
       Siedlung bewusst so, dass die Menschen sich begegnen mussten. Er schuf
       damit einen bis heute anhaltenden Geist der Nachbarschaftlichkeit.
       
       Doch vielen Konservativen gefiel das nicht. Im kuriosen „Zehlendorfer
       Dächerkrieg“ wurde 1928 das südliche Ende der Papageiensiedlung von den
       Satteldächern einer „Versuchssiedlung“ der bürgerlichen
       Wohnungsbaugesellschaft Gagfah eingekreist. Über diesen Kulturkampf schrieb
       Taut später: „Was damals in dem stillen Waldvorort Zehlendorf sich
       abspielte, war wie ein Vorläufer dessen, was 1933 ganz Deutschland
       erlebte.“ Und tatsächlich gab es in der tendenziell links eingestellten
       Bewohnerschaft ab 1933 besonders viel Widerstand und auch besonders viele
       Verhaftungen. Taut selbst musste emigrieren und starb 1938 in Istanbul.
       
       Was dann ab 1998 mit seiner gemeinwohlorientierten Gehag passierte, hätte
       den Architekten wohl im Grabe rotieren lassen. Denn er war gegen
       Privateigentum an Grund und Boden: „Das Grundeigentum der Nichtarbeitenden
       ist darum ungerechtfertigt, weil der Boden ebenso wie das Wasser, wie die
       Luft, die Sonnenstrahlen eine notwendige Lebensbedingung eines Menschen
       sind.“
       
       Als Toter konnte Taut natürlich nicht verhindern, dass die Mietshäuser der
       Gehag an verschiedene US-Hegdefonds, dann an die Deutsche Wohnen und
       schließlich an Vonovia verkauft wurden. Der Konzern arbeite rein
       profitorientiert und spreche damit den sozialen Ideen Tauts Hohn, regt sich
       Barbara von Boroviczeny auf, Mietaktivistin und hier geborene
       Ureinwohnerin. Es mache sie „fassungslos“, dass das gerade mal seit fünf
       Jahren in der Siedlung präsente Unternehmen sich auf eine 100-jährige
       Tradition berufe: „Vonovia schmückt sich mit fremden Papageienfedern.“
       
       Die Mieterin hätte sich gerne an dem geplanten fossilfreien Nahwärmenetz
       der Quartiersgenossenschaft beteiligt, aber sie hatte kein Mitspracherecht.
       Stattdessen wurde sie an ein fossiles Fernwärmenetz angeschlossen und wird
       bis heute immer wieder mit undurchsichtigen Nebenkosten-Abrechnungen
       konfrontiert. Auch in den Prozess der Nachnominierung zum Welterbe wurde
       nur die Eigentümerin Vonovia, nicht aber Mieter:innen wie sie
       einbezogen, zahlenmäßig immerhin die Mehrheit in der Siedlung.
       
       ## Klimaschutz selbst in die Hand genommen
       
       Die kliQ-Genossenschaft entstand ebenfalls aus einem Konflikt. Ab 2018
       überlegten Aktivist:innen, [2][wie die Siedlung für die nächsten 100 Jahre
       zukunftsfähig, sprich: klimaneutral gemacht werden könnte]. [3][In
       Zukunftswerkstätten entwarfen sie Visionen] und bildeten Arbeitsgruppen zu
       Erneuerbaren Energien, Gartengestaltung, Mobilität und mehr. Unter dem
       Selbsthilfe-Motto „Von Nachbarn für Nachbarn“ entstanden diverse
       Solardächer, dafür gab es sogar den Solarpreis vom Berliner Senat. Die
       Papageiensiedlung habe „die aktivste Nachbarschaft von ganz Berlin“, hieß
       es damals.
       
       Das Landesdenkmalamt zeigte sich an dieser Selbstorganisation jedoch
       sichtlich wenig interessiert. Im Zuge der Nachnominierung zum
       Weltkulturerbe führte es ab 2021 fünf „Bürgerwerkstätten“ zur Erstellung
       eines neuen, 2023 veröffentlichten „Denkmal-Pflegeplans“ durch. In den
       Anhörungen ging es hoch her. Besonders groß war der Ärger vieler darüber,
       dass erneuerbare Energien nur sehr restriktiv genehmigt werden, obwohl
       Solarmodule auf den Flachdächern so gut wie unsichtbar sind.
       
       Kleinteilige Vorschriften, etwa für die Höhe von Hecken und „nicht
       genehmigungsfähigen“ Hitzeschutz wie Markisen oder Rollos sorgten für
       weitere Verstimmung. Die Behörde sammelte insgesamt 650 Einwände aus der
       vielfach qualifizierten Bewohnerschaft ein – hier leben überproportional
       viele Architektinnen, Bauingenieure und Stadtplanerinnen –, berücksichtigte
       im fertigen Plan aber nur etwa ein Prozent.
       
       „Dann machen wir halt unser eigenes Ding“, überlegten sich viele und
       gründeten 2024 die kliQ-Genossenschaft. Die betreibt nun zusammen mit dem
       Verein Papageiensiedlung in der „Frisierkunst“ einen sehr gut besuchten
       Nachbarschaftstreff und plant das besagte Nahwärmenetz, das ab 2027 in
       Betrieb gehen soll. „Wenn die Politik mitspielt“, sagt ihr Vorständler
       Christian Küttner mit Blick auf das kleine Rohr, das 175 Meter in die Tiefe
       reicht. Dort unten seien Schichten aus der Eiszeit, hier oben „Heißzeit“.
       „Dagegen wollen wir was tun.“
       
       Transparenzhinweis: Ute Scheub ist im Vorstand des Vereins
       Papageiensiedlung und Mitbegründerin der kliQ-Genossenschaft.
       
       24 Jul 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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