# taz.de -- 40 Jahre Ausstellung „Chambres d'Amis“: Wie die öffentliche Kunst ins Private vorrückte
> In Gent wird die Ausstellung „Chambres d'Amis“ neu aufgelegt. Auf
> radikale Weise stellt sie auch nach 40 Jahren noch relevante Fragen nach
> dem Verhältnis von Kunst, Gesellschaft und Museum.
IMG Bild: Daniel Burens „Le Décor et son double“ taucht zweimal auf: im Gästezimmer des Sammlerpaars Herbert und als 1:1-Kopie im Museum
Bahnbrechende Kunstausstellungen entstehen oft aus einer Verbindung lokaler
Eigenheiten und dem Zeitgeist, angetrieben von der Freigeistigkeit oder dem
unverblümten Größenwahn eines charismatischen Kurators, dessen Begeisterung
ansteckt. „Chambres d’Amis“ in der flämischen Stadt Gent war 1986 ein
solches Ereignis.
Jan Hoet, Kurator des örtlichen Kunstmuseums, hatte die Ausstellung als
Reaktion auf die, wie er es nannte, „erstickende Autorität des Museums“
organisiert. Er lud 51 internationale und lokale Künstler ein, ihre
Arbeiten in 58 verschiedenen Privatwohnungen der ganzen Stadt auszustellen,
darunter – typisch für die Zeit – nur vier Frauen: Carla Accardi, Marisa
Merz, Maria Nordman und Heike Pallanca.
Hoet wollte einerseits das Museum für die zeitgenössische Kunst öffnen und
andererseits die zeitgenössische Kunst der breiten Öffentlichkeit
näherbringen – insbesondere deren sperrige Ausprägung: die Konzeptkunst.
Sie stand im Mittelpunkt von „Chambres d’Amis“, mit Künstlern wie Joseph
Kossuth, Sol Lewitt, Bruce Nauman und Lawrence Weiner. Hoet verfolgte mit
dieser Ausstellung auch einen langfristigen Plan. Er wollte in Gent
dauerhaft ein Museum für Gegenwartskunst.
Als sich die Kunst in den 1980er Jahren in radikale Richtungen entwickelte,
[1][standen auch Fragen nach Form und Funktion des Museums] im Raum. Doch
im Gegensatz zu den partizipativen, sozial engagierten Ausstellungen der
1980er Jahre, die das Publikum einbezogen oder das Publikum selbst zur
Kunst machten und pädagogische oder aktivistische Ziele wie Antikriegs-,
Bürgerrechts- und feministische Anliegen verfolgten, brachte „Chambres
d’Amis“ nun öffentliche Kunst ins Private. Die Schau untersuchte die
Funktion der Kunst innerhalb der Gesellschaft, ohne am Kunstwerk selbst
Abstriche zu machen.
Das Publikum sollte angesprochen und mit einer Kunst konfrontiert werden,
die nicht unbedingt leicht zu konsumieren war, wobei widersprüchliche
Kräfte in einer produktiven Spannung zusammengehalten werden sollten.
„Chambres d’Amis“ erlangte schon während seiner Laufzeit Kultstatus. Bald
wurde sie als Meilenstein in den Kanon zeitgenössischer Kunstausstellungen
aufgenommen.
## Dreieck der Reflexion über Hoets Experiment
In diesem Mai eröffnete das Stedelijk Museum für zeitgenössische Kunst in
Gent, kurz: S.M.A.K., das 1999 tatsächlich Hoets Plan gemäß gegründet
wurde, eine Ausstellung zum 40-jährigen Jubiläum von „Chambres d'Amis“.
Kuratiert wurde sie von Philippe Van Cauteren, seit 2005 S.M.A.K.-Direktor,
und dem Sammlungsspezialisten des S.M.A.K., Thibaut Verhoeven. Neben einem
historischen und archivarischen Teil zeigt die Schau drei großformatige
Installationen der Künstler Susanne Kriemann aus Berlin, Haim Steinbach aus
New York und Heike Pallanca aus Düsseldorf, die sich je mit Werken aus der
historischen Ausstellung auseinandersetzen.
40 Jahre später bilden die neuen Installationen ein Dreieck der Reflexion
über die Bedeutung von Hoets Experiment. [2][Susanne Kriemann] vergrößerte
für ihre Arbeit „04261986 (abbiamo aperto una finestra)“ Fotos von der
damaligen Locationsuche. Darauf sind Frauen hinter den Kulissen von
„Chambres d’Amis“ zu sehen, wie sie gerade in den Gastgeberwohnungen
arbeiten. Kriemann zeigt zudem die Kopie einer Seite aus dem historischen
Katalog – jetzt wieder neu aufgelegt –, auf der Künstler Robin Winters
dagegen protestiert hatte, dass 1986 so wenig Frauen teilnahmen: „Es ist
wie ein Versicherungskongress in Norman, Oklahoma. Hauptsächlich
importierte Männer, untergebracht in Privathäusern. Ich stehe dem äußerst
kritisch gegenüber.“
Um noch eine Form der Unsichtbarkeit sichtbar zu machen, integrierte
Kriemann [3][Fotogramme von örtlichem Staub] in ihre Fotografien. Eine
Anspielung, wie auch ihr Titel, auf die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl
am 2. April 1986, kurz vor der Eröffnung von „Chambres d’Amis“. Der später
an Aids verstorbene [4][Künstler Paul Thek arbeitete] 1986 gemeinsam mit
den Kindern der Gastgeber Papierrollen zu einem Arsenal an Atomraketen um.
In ihrer Installation „Auftauchen, verschwinden … und wieder auftauchen“
[5][zeigt Heike Pallanca] Fotografien von Türen, die ins Nichts führen. Und
sie integrierte eine der Originaltüren in ihre Arbeit, die der belgische
Künstler Jef Geys 1986 in den Gastgeberwohnungen von Angehörigen der
Unterschicht und von Einwanderern angebracht hatte. Auf denen ließ er den
Leitspruch der Französischen Revolution eingravieren: Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit.
## Kolonisierung des Privatraums? Voyeurismus?
„Chambres d’Amis“ wurde auch heftig kritisiert. Hoet habe sich
künstlerischer Praktiken des ortsspezifischen Arbeitens und der
Institutionskritik bedient, die schon seit den 1960ern verbreitet waren.
Der „Institution“, also Hoets Ausstellung, warf man vor, Privaträume zu
kolonisieren und die Privatsphäre auf voyeuristische Weise als öffentliche
Ausstellungsstücke zu nutzen. Die Bewohner selbst, die man irgendwann dazu
ermutigte, ihre Wohnungen während der Öffnungszeiten der Schau zu verlassen
und sie stattdessen von Museumsmitarbeitern bewachen zu lassen, reagierten
jedoch unterschiedlich auf das Projekt.
Einer der schärfsten Kritiker war ein bedeutender Beteiligter: der
[6][französische Künstler Daniel Buren]. Er weigerte sich, Hoets Regeln zu
befolgen. Seinen Beitrag konzipierte er in zwei Teilen: Er brachte sein
charakteristisches „Papier collé“ aus diagonalen, fuchsiafarbenen Streifen
in dem asketischen Gästezimmer des renommierten Sammlerpaars Annick und
Anton Herbert an und er installierte eine 1:1-Nachbildung dieses Raums im
Genter Museum, einschließlich des anliegenden Badezimmers und der ergänzten
diagonalen Streifen. Die Ausstellungsidee kehrte er um – unter Protest
seiner Künstlerkollegen. Das Museum, meinte Buren, sei der öffentlichste
Ort, den es gebe, und der Ort, an dem Kunst am offensten betrachtet werden
könne.
Ein wesentlicher Teil der jetzigen Schau ist Burens „Le Décor et son
double“ von 1986/2011 gewidmet. In Zusammenarbeit mit der Herbert
Foundation ist das „ursprüngliche“ Gästezimmer bei den Herberts nun wieder
zugänglich, ohne das dieses Kunstwerk nicht vollständig wäre.
Haim Steinbachs „Display #111 – Chambres d’Amis: Daniel Buren, Joseph
Kosuth, Jan Vercruysse“ befindet sich im Saal gegenüber von Burens massiver
Replik. Es ist eine dreieckige Konstruktion aus Ständerprofilen, die eine
weitere Nachbildung des weiß bezogenen Gästebetts der Herberts umschließt.
Auch hier wird Architektur transformiert vom Rahmen, dem „Beherbergen“, hin
zum Eingefassten, zum „Beherbergten“. Ein Kissenbezug ist mit
durchgestrichenen Passagen aus Sigmund Freuds „Psychopathologie des
Alltagslebens“ (1901) bedruckt, so wie Joseph Kosuth sie 1986 an die Wände
im Haus eines Psychiaters tapezieren ließ.
## Was wird aus den Dingen, gelangen sie einmal ins Museum?
Zwischen die Metallständer stellte Steinbach einen leeren schwarzen Rahmen
und eine Schwarz-Weiß-Fotografie – Dinge aus Jan Vercuysses damaligem
Beitrag in der Wohnung des Kunststudenten Johan Grimonprez. Wie Burens
nicht-funktionale Doppelgänger fragen auch Steinbachs Objektarrangements
danach, was mit einem Gegenstand geschieht, sobald er ins Museum gelangt.
Die Stäbe spiegeln Burens vertikale „Décor“-Streifen wider, die auf
dialektische Weise zugleich Barriere und Eingeschlossenheit vermitteln.
Sind die Gästezimmer Käfige? Für wen ist dieses Bett bestimmt?
Unwägbarkeiten der Angst – vor der Radioaktivität Tschernobyls oder
vielleicht vor dem Ende der Demokratie – führen einen [7][psychologischen
Faden ein, von Freud] zu Kosuth, vom Unbewussten zum Vergessen und zum
Schlaf.
Der Schatten des leidenschaftlichen Kurators Hoet, der 2014 verstarb, liegt
noch immer über der aktuellen Ausstellung. Als Sohn eines Psychiaters wuchs
er mit sechs Geschwistern in einem Haus auf, in dem stets Patienten zu Gast
waren. Als Kurator glaubte er an das Zentrum, war aber immer von der
Peripherie fasziniert – er war daran interessiert, in Kontexte einzudringen
und das Randständige in das Zentrum zu holen. Mit „Chambres d’Amis“ machte
der Kurator Belgien in der internationalen Kunstwelt bekannt. Zwei Jahre
später wurde er zum künstlerischen Leiter der documenta 9 ernannt.
„Chambres d’Amis“ mag sich zwar der künstlerischen Praxis der
Institutionskritik bedient haben, tat dies jedoch, um die richtige Form
eines Museums zu finden: ein Kunstzentrum, das architektonisch und
konzeptionell im Einklang mit der Kunst steht und Besucher nicht
einschüchtert. Heute ist die Umwandlung von Wohnräumen in Ausstellungsorte
eine gängige Methode, denkt man etwa an Matthias Lilienthals
Performance-Reihe „X Wohnungen“. Doch die radikale Zugänglichkeit, die
ortsspezifische Kunstwerke 1986 forderten, ist mittlerweile ein Klischee
zwischen „Art experience“ und „Immersion“, die Unterhaltung und
touristisches Erlebnis bringen sollen.
Will man aber über die Probleme von Kunstausstellungen neu nachdenken,
könnte man mit dem Begrüßungstext beginnen, den Lawrence Weiner 1986 in
fetten Großbuchstaben an jeder „Chambre d’Amis“-Wohnung angebracht hatte:
„My house is your house / your house is my house/ if you shit on the floor
it gets on your feet.“
27 Jul 2026
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