# taz.de -- Spahn und die Leihmutterschaft: Warum denn keine Pflegekinder?
> Leihmutterschaft ist für Kinderlose nicht alternativlos. Nur wollen
> gerade konservative Reiche die Herausforderungen einer Pflegeelternschaft
> nicht in Kauf nehmen.
IMG Bild: Pflegekinder bringen oft Herausforderungen mit sich. Das macht sie aber nicht weniger bereichernd
Über Jens Spahns dubiose neue Elternschaft ist schon fast [1][alles gesagt
und geschrieben worden]. Skandalisiert wurde zu Recht vor allem die
unglaubliche [2][Bigotterie des Superkonservativen]. Sein Verhältnis zu den
zu konservierenden Werten, die er und seine Partei so hervorheben, ist so
libertär, wie es schon immer bei den Reichen war: Wer sich einen Umweg ums
Gesetz leisten kann, macht es. Gehorsamspflicht und ihre Durchsetzung
gelten am Ende eben vor allem für die Schwachen.
Es ist durchaus zu begrüßen, dass der Fall eine Diskussion über die
Ambivalenzen des Themas angestoßen hat. Und dabei ist vieles zu besprechen:
von unerfüllten Kinderwünschen nicht nur homosexueller Paare bis hin zu der
Frage, in welcher Gesellschaft Frauen eigentlich gezwungen sind, nicht
altruistische Leihmutterschaft [3][am Markt anzubieten.]
Ein Fall in Kanada zeigt weitere dramatische Implikationen auf: Was ist,
wenn es Anzeichen dafür gibt, dass das erwartete Kind womöglich nicht
perfekt den Ansprüchen der reichen zukünftigen Eltern entspricht und wenn
dann die Leihmutter und die „Kindskäufer“ uneins über die Frage des Umgangs
damit sind – ja gar eine Abtreibung von der Mutter gegen deren Willen
verlangt wird? Behinderungen oder Beeinträchtigungen will man bitte schön
nicht haben – schließlich hat man ja bezahlt und ist es gewohnt, für sein
Geld zu bekommen, was man bestellt hat!
Auffällig in der ganzen Debatte ist aber eine Leerstelle. Da war doch
tatsächlich immer wieder von der Alternativlosigkeit der Leihmutterschaft
für einige Kinderlose zu lesen. Dabei gibt es beispielsweise auch die
Möglichkeit der Adoption. Okay, sie ist langwierig, je nach Weg unter
Umständen auch teuer und kompliziert. In Berlin beispielsweise müssen
Paare, die ein Kind adoptieren wollen, [4][verheiratet sein] – warum auch
immer.
## Alle können Pflegeeltern werden
Aber es gibt noch mindestens eine weitere relevante Alternative: die
Pflegeelternschaft. Sie ist in der breiten Bevölkerung wenig bekannt und
verdient – gerade jetzt – deutlich mehr Aufmerksamkeit. Denn
Pflegeelternschaft ist ein guter Weg, zwei Bedürfnisse und Interessen
zusammenzubringen: das der Pflegeeltern nach Elternschaft und das der
Pflegekinder nach einer Familie, um die Alternative der Heimunterbringung
zu vermeiden.
Über 200.000 Kinder leben in Deutschland nicht in ihrer (biologischen)
Herkunftsfamilie. Die Ursachen sind vielfältig, doch meist ist es die
Unmöglichkeit oder Unfähigkeit der biologischen Eltern, die eben
aufgezählten Grundbedürfnisse ihres Kindes zu befriedigen. Deswegen geben
sie ihr Kind ab oder es wird ihnen beispielsweise aufgrund von
Vernachlässigung von den Jugendämtern entzogen.
Prinzipiell können alle Pflegeeltern werden, Paare ebenso wie einzelne
Pflegeväter und Pflegemütter. Das gilt übrigens auch für Menschen ohne
hohes Einkommen, denn es gibt einige Hundert Euro Pflegegeld sowie
Zahlungen für Anschaffungen und besondere Anlässe (Urlaubszuschuss,
Zuschüsse zu Kita- und Schulfahrten sowie Feiern), was sämtliche Kosten
eines normalen Lebenswandels deckt. Voraussetzung sind lediglich
grundsätzlich stabile psychosoziale Verhältnisse.
Wer sich für Pflegeelternschaft interessiert, muss einen Kurs besuchen und
einen – zumindest in Berlin – „Überprüfung“ genannten Vorbereitungsprozess
durchlaufen. In diesem lernt man die zukünftigen Aufgaben noch besser
kennen und gewinnt genauere Klarheit darüber, ob man der Aufgabe gewachsen
ist und unter welchen Bedingungen.
## Die Herausforderungen
Das heißt, dass man sich über viele Fragen klar werden muss: Welches Alter
ist für mich in Ordnung? Muss es für eine möglichst langfristige Bindung
ein Baby sein oder sollte das Kind doch lieber schon aus den Windeln heraus
sein? Spielen religiöse, kulturelle, ethnische oder andere Kriterien für
mich eine Rolle? Wie kann ich mögliche besondere Herausforderungen zeitlich
und kräftemäßig stemmen, und wo liegen meine Grenzen?
Apropos Herausforderungen: Pflegekinder bringen oft solche mit.
Alkoholismus der Eltern, Missbrauch oder Vernachlässigung gehören bei
vielen zu ihrem Gepäck, und nicht wenige tragen schwer daran. Wenn man aber
davon ausgeht, dass das gegenwärtige Umfeld ebenso relevant für die
Entwicklung eines Kindes ist wie das mitgebrachte psychische, soziale und
biologische Erbe, dann wird man deswegen nicht den Kopf in den Sand
stecken.
Außerdem haben zukünftige Pflegeeltern – anders als im moralisch
problematischen Kontext der Leihmutterschaft – das Recht, sich zu
entscheiden, welche Belastungen (nach allem, was man über das Pflegekind
bisher weiß) sie zu schultern bereit sind und welche nicht.
Und dann, wenn das Kind da ist und man sich in einer nachgeholten
Schwangerschaftszeit aneinander gewöhnt hat, ist da ein Kind, das lebt und
lernt und lacht und ebenso zu kurz schläft, nervt und Unordnung macht wie
andere Kinder auch; ein Kind, das man liebt, das Mama und Papa (oder häufig
auch Papa und Papi) sagt und in der Regel bis zum Erwachsenenalter bei
einem bleibt.
Ausnahmen davon sind die kurzzeitige Krisenpflege oder die wenigen, aber
vorkommenden Fälle, in denen Pflegekinder wieder zu ihren leiblichen Eltern
zurückkehren können. Mit diesen Ambivalenzen und Unsicherheiten müssen
Pflegeeltern sich auseinandersetzen, ebenso mit einigen Aufgaben wie
jährlichen Berichten, Kontakten zu verschiedenen Institutionen und
möglicherweise dem Umgang mit den Herkunftseltern, die zur täglichen Sorge
nicht in der Lage sind, aber eben doch manchmal präsent bleiben.
## Eine Klassenfrage
Warum Jens Spahn und sein Partner nicht Pflegeeltern geworden sind?
Wahrscheinlich ist das eine ideologische und letztlich eine Klassenfrage.
Wer von Menschen am Existenzminimum jeden einzelnen Krankheitstag minutiös
überprüfen, jeden Euro oberhalb der absoluten Mindestgrenze einkassieren
möchte und zugleich von sich selbst glaubt, über dem Gesetz zu stehen, das
für alle anderen aber möglichst strikt gelten soll – der tendiert
wahrscheinlich dazu, es sich leichter zu machen als andere.
Mittels sehr viel Geld und bis ins Kleinste regelnder Verträge das perfekte
Kind bestellen! Pflegeeltern hingegen bekommen – nach dieser Logik – keine
perfekten Kinder. Trotzdem: Vielleicht führt die Causa Spahn doch dazu,
dass diese Institution bekannter wird und mehr Menschen sich überlegen, auf
diesem Weg jungen Menschen ein Zuhause und sich selbst eine Familie zu
schaffen.
25 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Peter Ullrich
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