# taz.de -- Migrantisches Leben in Deutschland: Warum ich dieses Land nach 15 Jahren verlasse
> Nicht wegen des Rechtsrucks, sondern des Selbstbetrugs der vermeintlich
> Liberalen und Progressiven muss ich gehen. Ein Abschiedsbrief.
IMG Bild: Protest am Bundeskanzleramt im November 2025. Die Bundesregierung wird Waffenexporte nach Israel nicht mehr beschränken
Wenn weiße Deutsche hören, dass ich Deutschland nach 15 Jahren verlasse,
fragen die meisten: Warum? Wenn Menschen mit Migrationshintergrund oder
People of Colour das hören, gratulieren sie mir.
Ich bin eine britisch-bangladeschische Muslimin, die seit 2011 in
Berlin-Neukölln lebt. Für diesen Bezirk habe ich mich aus mehreren Gründen
[1][entschieden]. Das Gefühl, mich einzufügen, anstatt aufzufallen; die
Freundlichkeit in den Spätis und Cafés; und in letzter Zeit auch die
sichtbaren Zeichen der Solidarität mit Palästina – all das gab mir in
vielerlei Hinsicht das Gefühl, zu Hause zu sein.
Natürlich ist der Rassismus in Deutschland erschreckend. Ich könnte ein
ganzes Buch über den [2][offenen Rassismus] schreiben, den ich in Berlin
erlebt habe. Diese Geschichten und Erfahrungen sind allgegenwärtig, wenn
man sie sehen will. Aber der Hauptgrund, warum ich Berlin verlasse, ist
nicht die AfD oder der Aufstieg der Rechten.
## Blind für den eigenen Rassismus
Es liegt an der Unehrlichkeit und dem Selbstbetrug der übrigen deutschen
Gesellschaft, die sich für progressiv und liberal hält. Es ist der
Chefredakteur eines großen deutschen Mediums, der mir erzählt, dass er
keine Ahnung hatte, dass die Polizei bei Protesten häufig arabische Parolen
verbietet. Es sind die linksgerichteten Aktivist:innen, die mir ernsthaft
sagen, dass sie natürlich gegen Gewalt sind – außer gegen die, die sich
gerade gegen Palästinenser:innen richtet.
Es sind „Räume für die Demokratie“, die [3][Bundesbildungsministerin Karin
Prien] einladen, ohne dabei ein einziges Mal darauf einzugehen, dass sie
Israels Genozid unterstützt und pauschale Terrorismusvorwürfe gegen
Palästinenser:innen erhoben hat. Es ist die progressive deutsche
Stiftung, die (natürlich hinter verschlossenen Türen) sagte, dass sie eine
zivilgesellschaftliche Organisation nur finanzieren würde, wenn diese
nichts mehr über Palästina sagen würde.
All diese Leute sind von Grund auf davon überzeugt, dass sie die Guten
sind. Sie sind empört und verärgert, wenn man ihnen Rassismus vorwirft, und
weisen dann auf all die „guten“ Dinge hin, die sie für die deutsche
Gesellschaft getan haben. Sie nehmen sogar an Demos teil, aber nur an
solchen gegen die AfD, und sie tragen T-Shirts mit antifaschistischen
Slogans. Sie weigern sich gleichzeitig, den Zusammenhang zwischen der
[4][Islamfeindlichkeit, die sie hinnehmen], und dem Aufstieg der extremen
Rechten zu erkennen.
Niemals kämen sie auf die Idee, dass das, was sie tun, in vielerlei
Hinsicht tatsächlich mindestens so schlimm sein könnte wie das, was die
Menschen tun, die offen rassistisch sind. Das ist einer der Hauptgründe,
warum ich gehe: die Diskrepanz zwischen dem, was deutsche Linke von sich
denken, und dem, was sie tatsächlich tun.
Ihre Bereitschaft, die verschiedenen Formen der Gewalt, die sich gegen eine
marginalisierte Minderheit richten, zu ignorieren (und sie damit indirekt
zu unterstützen), ohne groß darüber nachzudenken. Und ihre Unfähigkeit,
auch nur für einen Moment in Betracht zu ziehen, dass sie selbst ein Teil
des Problems sind und nicht der Lösung.
## Was sich hinter der Erinnerungskultur verbirgt
Als ich aus Großbritannien hierher zog, war ich von der [5][Aufarbeitung
der deutschen Vergangenheit] beeindruckt: die unübersehbar vielen
Stolpersteine und die Überzeugung der Menschen, aus ihren Fehlern lernen zu
wollen, um sie nicht zu wiederholen.
Es hat länger gedauert, bis ich gesehen habe, [6][was hinter der Fassade
liegt]: eine große Bereitwilligkeit, eine andere Minderheit, nämlich
Palästinenser und Muslime im Allgemeinen, zu Sündenböcken zu stempeln; die
Überzeugung, Antisemitismus sei heute „importiert“; die historische
Sonderrolle, die dem Holocaust zugewiesen wird, indem man ihn zum
ultimativsten Übel erklärt, das niemals mit anderen Übeln verglichen werden
darf, und ein einseitiger Fokus auf den Schutz Israels, dessen staatliche
Gewalt man unterstützt.
Nach dem 7. Oktober 2023 habe ich Monate damit verbracht, mit Freunden,
meinen Nachbarn und anderen Menschen, denen ich in Cafés und auf
Spielplätzen begegnet bin, zu sprechen, um ihre für mich wirklich
verwirrende Reaktion zu verstehen. Deutschland, dessen gesamte Identität
darauf beruht, aus der eigenen Gewaltgeschichte gelernt zu haben,
finanziert, billigt und unterstützt einen Völkermord? Wie soll das Sinn
machen?
Das ist der Grund, warum das alles wahrscheinlich mehr wehtut, als es
eigentlich sollte. Eigentlich sollte das keine Rolle mehr spielen – aber
ich habe mit aller Kraft versucht, mich zu integrieren, was immer das
heißt. Ich habe seit 2011 in Deutschland gearbeitet und hier meine Steuern
gezahlt. Ich habe einen Deutschen geheiratet, zwei deutsche Kinder
bekommen, bin selbst Deutsche geworden und habe in deutschen Organisationen
gearbeitet.
Alles, was ich im Moment für Deutschland empfinde, ist Mitleid. Es ist
bedauerlich, dass diese Gesellschaft nicht erkennt, was aus ihr geworden
ist. Es ist bedauerlich, dass so viele Menschen die Augen vor der Realität
verschließen. Es ist tieftraurig, dass so viele Menschen überzeugt sind,
die „Guten“ zu sein, während sie so viel Schmerz und Schaden verursachen.
## Aufarbeitung muss von innen kommen
Das Einzige, was helfen könnte, wäre eine tiefgreifende Selbstbefragung.
Der Anstoß dazu kann aber nicht von jemandem kommen, der so aussieht wie
ich. Diese Art der Aufarbeitung muss von innen kommen. Und bisher scheint
es mir nicht so, als würde das passieren.
Also, ade, Deutschland. Ihr habt uns nicht verdient, die Millionen von
Immigranten, die Deutschland zu ihrer Heimat gemacht haben. Wir haben so
viel Schönheit und Gemeinschaft in unseren Herkunftsländern aufgegeben, um
hier ein Zuhause aufzubauen. Wenn der Tag kommt – und er wird kommen –, an
dem ihr erkennt, was ihr getan habt, und dass ihr eure schlimmsten Fehler
wiederholt habt, kann ich nur hoffen, dass genug Menschen noch hier sind,
die euch vergeben wollen.
27 Jul 2026
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## AUTOREN
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