# taz.de -- Proteste in der Ukraine: Maidan mit Pappschildern
> In der Ukraine demonstrieren seit Tagen Menschen gegen Präsident
> Selenskyjs Regierungsumbildung. Die Proteste scheinen sich nun zu
> verstetigen.
IMG Bild: Protestaktionen gegen die Entlassung von Verteidigungsminister Fedorow wie hier in Kyjiw am 18. Juli gibt es seit Tagen in vielen Städten der Ukraine
„Reformen statt Machenschaften“, skandierten am Freitagabend Hunderte im
Stadtzentrum von Kyjiw. In der Ukraine protestieren aktuell an vielen Orten
Menschen gegen die Entlassung des beliebten Verteidigungsministers Mychajlo
Fedorow.
Die Ukrainer haben diesen Protesten bereits den Namen „Maidan mit
Pappschildern“ gegeben, weil die Demonstrierenden ihre Slogans auf
Pizzapappen und Versandkartons schreiben. An diesem Abend stand auf den
meisten Schildern allerdings nur eine einzige Forderung: „Gebt uns Fedorow
zurück!“
Auslöser der Proteste war die Entscheidung von Präsident Wolodymyr
Selenskyj Mitte Juli, Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow zu entlassen,
der durch seine Erfolge bei der Massenproduktion und dem Einsatz von
Drohnen, [1][der Blockade der russischen Starlink-Militärterminals] und der
Entwicklung von Angriffen auf militärische Ziele auf russischem Territorium
im Land äußerst populär wurde.
Dem vorangegangen war ein Konflikt zwischen Fedorow und dem
Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj. Am 22.
Juli hatte der ukrainische Präsident [2][diesen unter dem Druck der
Straßenproteste] entlassen. [3][An seine Stelle trat General Mychajlo
Drapatyj], der als modernerer und auch menschlicherer Befehlshaber gilt.
Dieser Wechsel hatte den Ärger in der ukrainischen Gesellschaft etwas
mildern können. Doch nach wie vor sind die Protestierenden davon überzeugt,
dass die Regierung all ihren Forderungen nachkommen müsse.
## „Die Macht gehört dem Volk“
„Ab heute werden die Proteste auf unbestimmte Zeit fortgesetzt. Ich glaube
nicht, dass Selenskyj schnell eine Entscheidung treffen wird, denn das
scheint ein Kampf um Einflusssphären zu sein. Meine Freunde und ich werden
bis zum Schluss hier bleiben. Wir werden jeden Tag kommen, bis der
Präsident uns Gehör schenkt“, sagt der 24-jährige
Politikwissenschaftsstudent Jaroslaw Bilyawskyj.
Hinter Jaroslaw bauen Protestierende gerade eine Fotokulisse mit
Pappfiguren von Fedorow und Drapatyj, ukrainischen Flaggen und dem Slogan
„Danke für Drapatyj. Aber was ist mit Fedorow?“ auf.
Wie bereits an den vergangenen Tagen waren zahlreiche Soldat*innen,
Studierende und Familien mit Kindern gekommen. Viele Menschen waren mit
ihren Hunden da, an deren Halsbändern kleine Pappschilder mit der
Aufschrift „Gebt uns Fedorow zurück, sonst beiße ich“ klebten. Die Menschen
hatten Trommeln dabei, skandierten „Die Macht gehört dem Volk“ und sangen
die ukrainische Nationalhymne.
Während einer Schweigeminute kniete die gesamte Menschenmenge nieder und
für einen Augenblick herrschte im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt
absolute Stille. Der Soldat Dmytro, Kampfname „Lymon“, gedachte dabei
seiner Kameraden, die im Kampf um Awdijiwka gefallen waren. Der 37-Jährige
sagt, dass er zu der Protestaktion gekommen sei, damit es künftig
[4][weniger sinnlose Todesfälle aufgrund irrationaler Entscheidungen in der
Armee] gebe.
## „Tauscht Gefangene aus, keine Minister“
„Der Rücktritt von Syrskyj ist ein erster Schritt. Aber wenn wir unsere
Forderungen durchsetzen wollen, dürfen wir jetzt nicht stehenbleiben“,
meint Dmytro. „Wir brauchen einen kompetenten Minister, der im Tandem mit
dem neuen Oberbefehlshaber zusammenarbeiten kann. An die Front müssen
hochwertige Drohnen in der erforderlichen Anzahl geliefert werden“, so der
Mann in Tarnkleidung und Panama-Hut.
In ein paar Tagen muss Dmytro an die Front zurück. Während seine Frau
weiterhin zu den allabendlichen Protestkundgebungen teilnehmen wird – bis
Selenskyj seine Entscheidung revidiert.
„Ein weiteres Ziel des Protestes ist es, Selenskyj daran zu erinnern, dass
er in diesem Land nur ein Angestellter ist. Er ist nicht unersetzlich.
Deshalb muss er seine Entscheidungen der Öffentlichkeit erklären. Ein
zweites Mal wird so etwas nicht durchgehen“, glaubt Dmytro. Dabei hält er
ein Plakat mit der Aufschrift „Tauscht Gefangene aus, keine Minister“ in
die Höhe.
## Proteste auch in Riwne und anderen Städten
Doch nicht nur in Kyjiw gingen die Menschen gegen Präsident Selenskyj
Entscheidungen auf die Straße. Zu Kundgebungen kam es in vielen Städten des
Landes, so auch im westukrainischen Riwne.
Rund 100 Menschen hatten sich dort am Freitag Abend im Stadtzentrum, gleich
neben dem Theater getroffen, um friedlich gegen die Absetzung von
Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow zu protestieren.
Nach der Entlassung von Armeechef Syrskyj am Mittwoch dieser Woche hatten
die Demonstrierenden in Riwne eine zweitägige Pause eingelegt. Die Hoffnung
war groß, dass der Präsident den beliebten Verteidigungsminister Fedorow
nun wieder ins Amt berufen würde. Aber als das nicht geschah, kehrten sie
auf die Straße zurück und forderten Fedorows Wiedereinsetzung, die Rückkehr
des Parlaments aus der Sommerpause und die Absetzung des gerade vor wenigen
Tagen zum Minister für Veteranenangelegenheiten ernannten Vitaliy Kim.
Obwohl der Anlass für diese Demo kein fröhlicher war, herrschte im
Stadtzentrum von Riwne gute Stimmung. Protestierende unterstützten sich
gegenseitig, Koordinator*innen versorgten alle mit Pappschildern.
Sogar eine Trommel hatte jemand mitgebracht, während ein anderer Pralinen
an die Menschen verteilte. „Das ist euer Lohn für die Demo“, witzelte er.
Trotz aller Unzufriedenheit mit ihrer Regierung hatten sich die
Demonstrierenden ganz offenbar ihre positive Grundstimmung bewahrt.
Eine junge Frau sticht aus der Menge hervor: Sie geht von einem zur
anderen, verteilt Eddings, fordert vorbeifahrende Autofahrer zum Hupen auf.
Die 28-jährige Kateryna ist die Koordinatorin dieser Kundgebung.
„Ich bin aus den russisch besetzten Gebieten als Binnenflüchtling nach
Riwne gekommen“, erzählt sie. „Mir ist es extrem wichtig, dass der
ukrainische Verteidigungssektor effektiv funktioniert. Und ich bin sehr
positiv überrascht von den jungen Menschen hier. Sie gehen immer wieder auf
die Straße, obwohl man hätte befürchten können, dass sie in so einer
kleinen Stadt schnell die Motivation dazu verlieren würden.“ Und ergänzt,
dass die Demonstrierenden noch weitere Forderungen hätten, die sie gerne
durchsetzen würden.
„Teilweise wurden unsere Forderungen ja schon berücksichtigt. Syrskyj wurde
abgesetzt“, sagt Kateryna. „Aber man hört uns nicht richtig zu. Fedorow
soll wieder Verteidigungsminister werden. Und Minister für
Veteranenangelegenheiten sollte ein echter Veteran werden, der versteht,
was Menschen, die aus dem Krieg zurückkommen, wirklich benötigen.“
Am Ende des Abends haben sich die Protestierenden gleich für den nächsten
verabredet. Gleiche Zeit, gleicher Ort. Solange, bis ihre Forderungen
gehört werden.
## „Passt auf euch auf und bis morgen“
In Kyjiw waren am Freitag deutlich weniger Menschen zu der Protestaktion
gekommen, als in den Tagen davor. Das lag auch an dem befürchteten
Großangriff, vor dem Präsident Selenskyj gewarnt hatte.
„Wir wissen aus eigenen Beobachtungen und von unseren Partnern, dass die
Russen Raketen für einen neuen massiven Angriff auf die Ukraine vorbereitet
haben, es könnte in den nächsten 48 Stunden dazu kommen. Bitte passt auf
euch auf und reagiert auf Luftalarmsignale“, erklärte der Präsident in
seiner Abendansprache.
Deshalb bereiteten sich nicht wenige Kyjiwer*innen auf eine harte Nacht
in der Metro vor, statt zu demonstrieren. Bei der Protestaktion selber
warnte die Polizei dann auch vor der möglichen Gefahr und zeigte die
kürzesten Wege [5][zu Schutzräumen und Metrostationen].
„Ich habe das mit meinen Freunden besprochen. Bei Alarm und beginnendem
Bombardement teilen wir uns auf und gehen in die Metro“, sagt der junge
Politikwissenschaftler Jaroslaw. „Die Gefahr ist ja real. Aber meiner
Meinung nach besteht derzeit eine noch größere Gefahr – für das
Verteidigungsministerium. Deshalb bin ich auch heute gekommen.“
Am Ende der Aktion verabschiedet er sich von seinen Freunden mit den
Worten: „Passt auf euch auf und bis morgen.“ Denn genau wie in Riwne werden
sie dann auch in Kyjiw wieder auf die Straße gehen, um zu protestieren.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
25 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Julia Surkowa
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