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       # taz.de -- Anschlag auf CSD in Berlin: Sommernachtstrauma
       
       > Zum Zeitpunkt des Angriffs auf den CSD war unser Autor im Tiergarten. Mit
       > einem Freund, der schon mehrere Anschläge erlebt hat. Was macht das mit
       > uns?
       
   IMG Bild: „Evacuation“ stand auf den Bildschirmen am CSD, wie auch hier am Brandenburger Tor
       
       Der Tiergarten ist ein Sommernachtstraum, gerade am CSD. Da schleichen im
       Mondlicht mehr oder weniger Nackte und Glitzernde durchs Unterholz,
       Trauerweiden hängen in dunkle Tümpel, leibhaftige Kaninchen hüpfen über die
       Wiesen. Musik dröhnt vom Brandenburger Tor her und bricht sich an Tausend
       Bäumen.
       
       Umso krasser der Kontrast, als die Musik verstummt und ein Freund und ich
       um kurz nach 22 Uhr aus dem Wald auf die Straße des 17. Juni treten.
       „Abbruch“ steht auf den warngelben Videowänden hier. „Bitte geht nach
       Hause, der CSD ist abgebrochen.“
       
       Ob das normal sei, fragt der Freund, der aus Barcelona stammt, aber in
       London lebt. „Ist hier so früh Schluss?“ Das ist nicht normal, das weiß ich
       [1][von vielen Malen auf dem Berliner CSD]. Ich bin Journalist, ich checke
       die App, die ich für Agentur-Eilmeldungen habe. Nichts.
       
       Wir folgen den Anweisungen. Der Freund kann nicht nach Hause gehen, ich
       hake ihn unter, schlage ihm vor, zu Fuß zu seinem Hotel zu gehen, die
       Bahnen müssen völlig überfüllt sein. Auch auf den Gehwegen Hunderte Queers,
       die sich vom Tiergarten entfernen, ruhig, scherzend, lachend. Der Freund
       neben mir stumm.
       
       ## Schon wieder?
       
       Er war Augenzeuge, als im März 2017 ein Attentäter in London auf der
       Westminster-Brücke in eine Menschenmenge fuhr. Zwei Menschen wurden damals
       sofort getötet und mehrere verletzt. Ein Mann starb drei Tage später an den
       Verletzungen. Eine Frau wurde in die Themse geschleudert, konnte zunächst
       gerettet werden, starb aber zwei Wochen später an ihren Verletzungen.
       
       Der Freund war auf Heimatbesuch in Barcelona, als im August 2017 ein
       Attentäter mit einem Lieferwagen in eine Menschenmenge auf der Prachtstraße
       La Rambla im Zentrum fuhr. 14 Menschen wurden damals getötet, über 100
       verletzt. Auf der Flucht erstach der Attentäter einen weiteren Menschen.
       
       Und jetzt? Erlebt der Freund bei seinem Besuch in Berlin jetzt wieder so
       etwas? Bei mir selbst kommen die Erinnerungen an den Breitscheidplatz hoch.
       
       Ich nehme den Freund in den Arm, sage ihm, er soll sich keine Sorgen
       machen. Ich sorge mich selbst. Ich checke die Agenturmeldungen. 22:37:50
       Uhr. Berliner Polizei: Gelände des CSD wird geräumt … Polizeilage mit
       mehreren verletzten Personen …
       
       Wir laufen Richtung Alexanderplatz, ich versuche, den Freund ins Reden zu
       bekommen. Ist er traumatisiert? Ich verstehe kaum etwas von Trauma, habe
       nur mal gehört, dass man es aktiv bewegen soll. Was immer das heißt. Ich
       checke den X-Account der Polizei. 22:43:28 Uhr. Möglicherweise Auto in
       Menge gefahren. Dann gibt mein Handyakku den Geist auf.
       
       ## Wie gut wir funktionieren
       
       [2][Ein Rechtsextremist?] Ein Islamist? Wieder bewusst vor den Wahlen? Mein
       Journalistenhirn arbeitet, aber eigentlich soll ich doch jetzt für den
       Freund da sein.
       
       Essen. Der Freund muss etwas essen. Er hat zu wenig gegessen heute und
       überhaupt, essen tröstet. Ich bestelle am Alexanderplatz Chicken-Shawarma
       für ihn, einige bunte CSD-Vögel stehen hier Schlange, die Blicke der
       Verkäufer scheinen zu sagen: Gut, dass ihr hier seid. Der Ton ist höflicher
       als sonst, alles ist wie gedämpft. [3][Wie muss es heute Queers gehen], die
       vor Krieg und Verfolgung nach Berlin geflohen sind?
       
       Das Shawarma scheint dem Freund gutzutun, über meinen dummen Pommes-Witz
       kann er lachen. Jetzt checkt er die Nachrichten, Al menos un muerto y 16
       heridos en Berlín. Und Waldbrände in Valencia. Er schreibt besorgten
       Freund:innen, dass es ihm gut gehe. Und er fragt bei denen zurück, die vom
       Feuer betroffen sind.
       
       Ich übergebe den Freund an seinen Kindheitsfreund, der im Hotel wartet. Ich
       will nach Hause. Ich will meinen Akku laden und meiner Schwester schreiben,
       dass es mir gut geht. Ich will allen schreiben, die ich auf dem CSD
       getroffen habe oder vermute. Ich will mit einer Freundin darüber sprechen,
       wie beängstigend ich finde, wie gut wir alle mittlerweile funktionieren bei
       brutalen Attentaten. Und, dass die Angst davor, was die Rechten draus
       machen, eigentlich das Schlimmste ist.
       
       26 Jul 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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