# taz.de -- Anschlag auf Berliner CSD: Tränen, Trauer und Widerstand
> Am Tag nach dem Anschlag kommt die Community zu einer großen Mahnwache am
> Brandenburger Tor zusammen. Ein Gefühl, das eint: nicht einschüchtern
> lassen.
IMG Bild: Halt in der Gemeinschaft: Zwei Frauen umarmen sich am Sonntag vor dem Brandenburger Tor unweit des Anschlagsorts
Vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Kreuzberg sind zwei Polizeiwagen so
geparkt, dass sie den Eingang wie eine Barriere schützen. Mehrere
Polizeibeamt:innen stehen am Sonntagvormittag vor dem Gebäude und
sind teils auch drumherum unterwegs. Es ist der Morgen nach dem Anschlag
auf die Christopher-Street-Day-Parade in Berlin, bei dem ein mutmaßlich
islamistisch motivierter Täter mit einem Lieferwagen Menschen im Tiergarten
überfahren hatte.
Die evangelische Heilig-Kreuz-Kirche hatte für Sonntagmorgen zum
offiziellen CSD-Gottesdienst eingeladen. „Ich war erleichtert, als ich die
Polizei vor der Kirche gesehen habe“, sagt ein Besucher des Gottesdiensts.
Am Tag vorher sei er beim Wagen der Kirche auf der Parade mitgelaufen. „Ich
habe mich das ganze Wochenende sehr sicher gefühlt. Und das ist jetzt weg“,
sagt er.
Er hat den Gottesdienst mit einer Freundin besucht, am Ende umarmen sich
beide lange und fest. „Ich habe morgens noch über mögliche Gefahren
nachgedacht, als ich gesehen habe, wie sehr alles abgesperrt ist“, sagt
sie. Dann habe sie aber eine sehr gute Zeit gehabt. „Das ist, als ob dir
jemand komplett den Boden wegzieht“, sagt sie, in ihren Augen steigen
Tränen auf.
Am Tatort, im Berliner Tiergarten, dem großen Parkgelände neben Siegessäule
und Brandenburger Tor, legen Menschen Blumen an vielen Stellen ab. An einer
Kreuzung sammeln sich Sonnenblumen und Rosen, jemand hat davor große
Papierbögen und Stifte ausgelegt. „Wir stehen zusammen“, haben
Passant:innen dort hingeschrieben, und „Live long, Dancing Queen!“
## Mehrere Hundert Meter durch den Park
Im Park lassen pinke und orange Markierungen auf dem Boden erahnen, was
hier passiert ist. Der Fahrer des Tatwagens ist demnach wohl von einer
größeren Straße, die nicht abgesperrt war, in den Tiergarten eingebogen,
und dann mehrere hundert Meter durch den Park gefahren. An einer Stelle der
Strecke fehlt an einem Baum ein Stück Rinde. Davor liegen schwarze Scherben
aus Plastik, wie von einem Blinker. In der Nähe: mehrere kreisförmige
Markierungen in Orange auf dem Boden.
Hinter der Absperrung der Polizei kann man noch das Tatfahrzeug sehen, das
dort in einem Waldstück zum Stehen gekommen ist. Ein weißer Kastenwagen,
teils stark eingedellt, Berliner Kennzeichen. Ein Paar legt vor der
Absperrung zwei Sonnenblumen nieder. Danach liegen sie sich in den Armen,
weinen. Eine Gruppe junger Menschen aus Thüringen und Sachsen legt
ebenfalls Blumen nieder, aus Respekt vor dem Todesopfer, den Verletzten und
den Angehörigen. „Wir sind eine Community“, sagte eine junge Frau.
Zum Tatzeitpunkt, erzählt die Gruppe, stand sie vor dem Brandenburger Tor:
„Wir wussten erst gar nicht, was da abging. Auf einmal war überall
Polizei“, beschreibt ein 22-Jähriger die Situation. Für ihn war es der
erste CSD überhaupt. „Wir wissen, dass sowas passieren kann. Aber ich
dachte jetzt nicht, dass es passiert“.
„Trotzdem sind wir laut und bunt“, sagte die 18-Jährige. Nächstes Jahr
wollen sie wiederkommen. „Ich gehe trotzdem auf den CSD. Egal, was passiert
ist“, meint auch der 22-Jährige. Doch den Tag hätten sie lieber anderes in
Erinnerung behalten: „Dieser Tag war so schön. Und dann passiert diese eine
Sache, und das ist jetzt das, woran sich alle erinnern werden. Das ist
einfach traurig“, sagt er.
## Mahnwache für gemeinsames Trauern
Auch um das Brandenburger Tor stehen Polizeiwagen als Barrieren, der Rest
ist mit Gittern abgesperrt. Die Community kommt am frühen Nachmittag auf
dem Pariser Platz vor dem Tor zusammen. Laut Polizeiangaben waren es bis zu
5.000. Viele umarmen sich, es fließen vielfach Tränen.
„Wir trauern mit den Angehörigen und werden sie nicht vergessen“, sagt ein
Redner, der sich selbst als muslimisch und schwul vorstellt. Dann
kritisiert er die Politik: „[1][Letztes Jahr haben sie uns die
Regenbogenfahne vor dem Bundestag verweigert], denn der sei ja schließlich
kein Zirkuszelt“, ruft er. „Heute hängen dort die Flaggen auf halbmast.
Aber Solidarität darf kein Reflex nach einer Tragödie sein, sie beginnt
nicht nach einem Anschlag, sondern dann, wenn die politischen
Entscheidungen getroffen werden, ob queere Menschen sichtbar sein dürfen,
und [2][ob queere Beratungsstellen weiter finanziert] werden“, ruft er und
erntet dafür tosenden Applaus. Genauso, als er dazu aufruft, den Hass nicht
auf Menschen mit Migrationsgeschichte zu übertragen.
Zur Mahnwache kommen tausende. Unter dem Post, der dazu aufgerufen hatte,
fragten viele Nutzer:innen, ob es denn sicher sei, zu kommen. Das große
gemeinsame Frühstück hatte der CSD Berlin mit Verweis auf die Sicherheit
morgens noch abgesagt. Die Polizei habe es abgesegnet und sei vor Ort,
schreiben die Veranstalter:innen der Mahnwache. „Wir sind sichtbar und
lassen uns nicht einschüchtern“, betonen sie.
Es sei sehr wichtig, zusammenzukommen, das hatte auch eine Besucherin des
Gottesdiensts am Morgen gesagt. Sie hatte die Parade schon weit vor dem
Anschlag verlassen, war später am Abend auf einer CSD-Party. „Da war viel
los, die Party war voll“, sagt sie. „Viele haben wohl auch erst in der
Nacht überhaupt von dem Anschlag erfahren.“ Das Feiern sieht sie als eine
Art von Widerstand: „In der Community war es immer auch schon ein Ausdruck
von ‚trotzdem leben‘.“
26 Jul 2026
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Anna Simbürger
DIR Uta Schleiermacher
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