# taz.de -- Extremismusforscher über Islamismus: „IS rät, bei Anschlägen mit Autos zweite Waffe mitzuführen“
> Der Täter von Berlin soll einen islamistischen Hintergrund haben.
> Extremismusforscher Schindler hält es für möglich, dass er sich im Netz
> radikalisiert hat.
IMG Bild: Der Täter pralle nach der Tat in Berlin mit seinem Auto gegen einen Baum und floh
taz: Herr Schindler, müssen wir unsere Sicherheitskonzepte für
Veranstaltungen wie den CSD überdenken?
Hans-Jakob Schindler: Das Problem mit Massenveranstaltungen ist, dass man
sie nie zu 100 Prozent schützen kann. Es ist schwierig, in einem urbanen
Gebiet eine Großveranstaltung weiträumig abzusperren. Es wurden ja nicht
auf der Veranstaltung Menschen umgefahren, sondern diejenigen auf dem Hin-
oder Rückweg.
taz: Was bedeutet das konkret?
Schindler: Man stößt an Grenzen. Man kann nicht wegen einer
Großveranstaltung die gesamte Innenstadt abriegeln.
taz: War das der Hauptgrund dafür, dass der CSD Anschlagsziel wurde?
Schindler: Es ging dem Angreifer sehr wahrscheinlich um die Wirkung, weil
es ein Riesenevent war. Er hätte ja auch eine Schwulenbar in Berlin
attackieren können. Aber er hat sich den CSD ausgesucht, das versprach die
größte Aufmerksamkeit. Hinzukommt der Berlin-Faktor: Es ist die Hauptstadt,
immer im Fokus der News.
taz: Was ist besonders an der Berliner Islamistenszene?
Schindler: Wir haben in Berlin eine heterogene Gewaltszene, in der ein
palästinasolidarisches Milieu, Linksextremisten, Islamisten und
Rechtsextreme aufeinandertreffen. Es gibt innerhalb dieser Gruppen mehr
Personen, die Gewaltbereitschaft zeigen, als Ressourcen, sie zu beobachten.
taz: Welche Veränderungen nehmen Sie im Vergleich zu vor einigen Jahren
wahr?
Schindler: In den letzten drei Jahren wurde die Gewalt enthemmter, auch auf
Demonstrationen und Veranstaltungen.
taz: Der mutmaßliche Täter war im Jugendarrest, unter anderem wegen
Gewaltdelikten, und wurde dann entlassen. Hätte man ihn beobachten sollen?
Schindler: Man braucht konkrete Hinweise, um solche Maßnahmen anzuordnen,
denn Freiheitsrechte sind ein hohes Gut. Das nutzen gewaltbereite Täter
immer wieder aus. Und gleichzeitig wollen wir auch nicht in einem
Überwachungsstaat leben. Also bleibt nur die Online-Beobachtung, also die
Beobachtung von Extremisten und ihrem Verhalten online, sowohl in offenen
als auch in geschlossenen Räumen. Diese ist im Moment rechtlich noch stark
begrenzt.
taz: Welche Motivation könnte der Täter haben?
Schindler: Bisher hat die Polizei nur gesagt, dass er Teil des
islamistischen Milieus ist. Solange nichts bestätigt ist, muss man
vorsichtig mit Mutmaßungen sein. Es gibt Hinweise, dass er in das IS-Milieu
gehört. Der IS hat in seinen Online-Postings in den letzten Jahren
angeraten, bei Anschlägen mit Autos noch eine zweite Waffe mitzuführen – um
noch weitere Menschen zu töten, nachdem das Auto nicht mehr fährt. So ging
beispielsweise der Täter beim [1][Anschlag im Dezember 2024 in New Orleans]
vor.
taz: Sollte sich bestätigen, dass Auto und Messer die Tatwaffen waren,
würde das auch bestätigen, dass es sich um einen IS-Anhänger handelt?
Schindler: Nicht unbedingt. [2][Denn Social-Media-Plattformen gehen immer
noch zu unverantwortlich mit extremistischen Inhalten um.] Der IS ist
wieder zurück auf Facebook, seit ein paar Monaten. Zehn Jahre lang war er
das nicht. Mittlerweile kann man den IS mit Logo auf Facebook finden, wenn
man weiß, wonach man suchen muss. Eine definitive Verbindung des Täters zum
IS bestätigt das eben nicht, weil Inhalte online so frei und einfach für
jeden erhältlich sind.
taz: Und dann von Interessierten angesehen und als Inspiration genommen
werden kann.
Schindler: Genau. Es ist auch möglich, dass der Täter einfach generell
Islamist ist, der bereit ist zu töten. Islamisten sind nicht nur tief
antisemitisch, sondern auch gegen die LGBTQ-Community. Das macht den CSD zu
einem möglichen Anschlagsziel.
taz: War die queere Community schon immer so stark im Fokus von Islamisten?
Schindler: Klar ist, dass es dort ein Feindbild der queeren Community gibt.
Der IS hat in Videoaufnahmen queere und schwule Personen vom Dach geworfen.
Terroristische Anschläge auf diese Gruppe gab es – Gott sein Dank – in
Deutschland nicht so oft. Es gab einen Mord durch Islamisten an einem
schwulen Pärchen im Jahr 2020 in Dresden und einen Anschlag auf eine
Transperson 2022 beim CSD in Münster, jedoch findet alltägliche Gewalt
gegen queere Personen durch Islamisten, anspucken, schlagen, wegschubsen,
immer häufiger statt.
taz: Nicht nur die Islamisten sind der queeren Community feindlich gesinnt.
Schindler: Wenn man sich die Zahlen anschaut, ist natürlich die
gewaltorientierte rechtsextreme Szene in Deutschland weiterhin am größten,
auch im Vergleich zu den Islamisten. Der CSD wurde, verständlicherweise,
insbesondere auf die Gefahr von rechts vorbereitet, und zeitgleich hatte
die Polizei auch das Thema Islamismus auf dem Schirm. Denn dass Islamisten
jederzeit bereit sind, Großveranstaltungen anzugreifen, das ist Teil der
allgemeinen Gefährdungslage. Aus diesem Grund werden heutzutage eben
Großveranstaltungen so geräumig abgesperrt. Aber es wird leider immer
irgendwo eine Lücke geben.
taz: Wie konnte der Täter von Berlin flüchten?
Schindler: Dieser Teil des Tiergartens, der ein wenig weiter weg vom
eigentlichen Event war, war weniger gesichert. Polizeibeamten
konzentrierten sich stärker auf das Zentrum des Events. Zudem scheint es
eine extreme Stresssituation gewesen zu sein. Wenn der Täter wirklich ein
Messer dabei hatte, würde ich jedem raten, ihn nicht aufzuhalten. Und dann
ist Berlin eine große Stadt, es herrscht Chaos. Tausende Menschen sind auf
dem Weg nach Hause, weil der CSD beendet wurde. Das sind günstige
Voraussetzungen, um in einem Park in der Nacht zu verschwinden.
taz: Spielen Kameras bei der Suche eine Rolle?
Schindler: Ja, aber dafür braucht man Zeit und Personal, denn die
allgemeine automatische biometrische Erfassung und Abgleichung von Kameras
ist gesetzlich nicht erlaubt. In London wird es hingegen so gemacht.
Hierzulande laufen weiterhin Debatten darüber, wie tief der Eingriff in die
Freiheitsrechte sein darf.
taz: Wie stark hängt die Tat mit den aktuellen globalen Konflikten
zusammen?
Schindler: Im Moment wissen wir noch viel zu wenig. Klar ist, dass mehrere
Konflikte direkt nach Deutschland einwirken, vor allem in Berlin:
Palästina, Ukraine, Russland, Sabotageakte. Die Hauptstadt von Mali wird
seit Monaten belagert, die Hauptstadt von Somalia auch, beide von Al-Qaida.
Global gesehen haben wir weiterhin eine aktiv islamistische Szene. Nicht
nur in Afghanistan, wo die Freundschaft zwischen Al-Qaida und Taliban heute
so stark ist, wie sie es vor 2001 war. Der ISKP, der afghanische Ableger
des IS, hat schon mehrfach in Deutschland versucht, Anschläge zu verüben.
Außerdem wirken die Taliban direkt über soziale Medien auf afghanische
Personen in Deutschland ein. Die radikalisieren sich kräftig weiter. Weil
wir in einem sozialen Medienumfeld in einer globalen Gesellschaft leben,
bleibt Hass und Gewalt nicht mehr nur in einer Region, sondern wirkt auch
in andere Länder hinein.
taz: Welchen Einfluss haben soziale Netzwerke bei der neuen
Radikalisierung?
Schindler: Die Algorithmen, die jetzt eingesetzt werden, sind viel
aggressiver als früher. Die Plattformen wissen, dass sie im Grunde genommen
eine elektronische Droge programmieren. Das befeuert eben auch
Radikalisierung, einem wird immer härterer Inhalt ausgespielt, damit man
auf der Plattform bleibt.
taz: Was sollte Ihrer Meinung nach in Deutschland noch getan werden, um
solche Taten zu verhindern?
Schindler: Eine große Lücke sind die sozialen Medien: rechtliche
Kompetenzen der Behörden einerseits, die Verpflichtung der Plattformen zur
Zusammenarbeit andererseits. Wir leben in einer Massendatenumgebung.
Entweder müssen die Plattformen erlauben, dass ihre Daten quasi komplett
heruntergeladen werden und dann mit KI durch die Behörden durchsucht
werden.
Oder man muss es so machen, wie bei der Finanzindustrie: Diese wird
rechtlich in die Pflicht genommen. So werden Daten in Sekundenschnelle
ausgewertet, um Finanzkriminalität, Terrorismusfinanzierung und
Steuerhinterziehung zu identifizieren und bei Verdacht zu melden. Meiner
Meinung nach ist das die einzige Möglichkeit, die sozialen Medien irgendwie
in den Griff zu bekommen. Es ist bewiesen, dass die Radikalisierung in
sozialen Medien bei den meisten Anschlägen eine wichtige Rolle spielte –
und auch der Täter von Berlin wird wahrscheinlich kein reiner
Offline-Mensch gewesen sein.
26 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Klaudia Lagozinski
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