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       # taz.de -- Heikle Situationen im Tischtennis: Zufall und Matchball
       
       > Vom schmutzigen Trick zur höchsten Konzentration: Was plötzlich alles
       > möglich ist und ausprobiert wird, wenn eine Niederlage droht.
       
   IMG Bild: Wenn alles gefordert ist: Hugo Calderano aus Brasilien
       
       Sprechen wir einmal über etwas anderes, sprechen wir über Matchbälle.
       Neulich habe ich mir auf Youtube den Turnierverlauf von Angie Kerber hin zu
       ihrem ersten Triumph in Melbourne angesehen. Ich gebe zu, ich war Fan. Und
       ja, wir reden über Tennis, aber das ist ja, wie wir mit der Comicfigur Ali
       G mit Recht finden, auch nur „[1][so eine Art beschissene Version von
       Tischtennis]“.
       
       Kerbers Spezialschlag war die hingekniete Vorhand aus bedrängter Lage, dazu
       war sie eine Kampfsau und holte die unmöglichsten Winkel aus ihrer
       Bratpfanne, wenn die Situation es erforderte. In der ersten Runde der
       Australian Open 2016 stand sie am Rande einer Niederlage, sie musste gegen
       die Japanerin Misaki Doi sogar einen Matchball abwehren. Doch am Ende
       gewann sie und in Folge das ganze Turnier. Aber es hätte auch anders laufen
       können und Angie Kerber hätte schon früh [2][mit beiden Beinen im Flieger]
       sitzen können.
       
       Nun kommt es im Tischtennis nicht eben selten vor, dass man Matchbälle
       abwehren muss oder selber welche vergibt. Das ist im Wesentlichen der
       Umstellung der Zählweise im Jahre des Herren 2001 geschuldet. Zehn Tage vor
       dem 11. September war die Zählweise pro Satz bis 21 Geschichte, auch gegen
       manche Widerstände und [3][offen geäußerten Missmut].
       
       Nun weiß ich, das nach Vergabe von allerlei Matchbällen jedenfalls in
       meinem Fall keine Weltkarriere gefährdet ist. Aber besonders ältere Männer,
       die sonst nicht mehr viel zu verlieren haben, entwickeln beim Tischtennis
       auch in der Wiener Verbandsliga, Gruppe V, einen ziemlichen Ehrgeiz.
       
       ## Die Physik des Zufalls
       
       Und so ist das 2:3 nach Sätzen bei 2:0-Satzführung und zwei Sätzen in der
       Verlängerung und eine Handvoll Matchbällen in Satz 4 immer noch gefühlt die
       härteste Niederlage meiner Tischtennislaufbahn, erlitten in meiner ersten
       Saison nach 30 Jahren Vereinsabsenz. Obwohl ich inzwischen weiß, dass das
       gar nichts ist; denn gerade, wenn Spiele knapp sind, ist allerlei möglich,
       und selbst ein glattes 3:0 in Sätzen muss nicht bedeuten, dass das ein
       deutliches Spiel war: dreimal 11:9 ist eben auch knapp.
       
       Ein Matchball bedeutet also nichts, es ist ein Punkt, der zu Ende gespielt
       werden muss, und es gibt zu viele Faktoren, als dass der eine Punkt total
       kontrolliert werden kann. Ein schönes Beispiel hat gerade Hugo Calderano,
       „the Thrill from Brazil“, geliefert. Im Halbfinale eines WTT-Turniers
       spielte er gegen den Japaner Yukiya Uda. Er gewann den ersten Satz relativ
       deutlich mit 11:5, verlor die nächsten beiden mit 15:17 und 12:14 inklusive
       Vergabe und Abwehr mehrerer Satzbälle, wehrte dann fünf Matchbälle in Satz
       4 ab, den er „episch“ mit 21:19 gewann wie nach alter Zählung, und gewann
       schließlich den fünften relativ unknapp mit 11:8.
       
       Ein anderes Beispiel lieferte mein Lieblingsspieler, der Schwede Truls
       Möregardh, neulich beim US Smash. Im Halbfinale lag er nach 3:1-Satzführung
       im entscheidenden Satz gegen den Russen Wladimir Sidorenko mit 2:9 hinten.
       Aussichtslos, sollte man meinen. Er fand ein Loch in seinem Belag, nahm
       sich die Zeit für einen gestatteten Schlägerwechsel und holte hernach
       plötzlich bis zum 10:10 auf. Ein bisschen schmutzig vielleicht, aber okay.
       Manchmal muss man andere Wege finden, wenn man gewinnen will.
       
       Sidorenko jedoch blieb cool, machte irgendwie das 11:10 und holte das Match
       mit einem Kantenball. So ist Tischtennis. Matchball hin,
       sportpsychologischer Ansatz her, manchmal herrscht der blanke, gewaltige
       Zufall. Da kann man dann nichts machen.
       
       27 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.nau.ch/people/welt/mitten-in-wimbledon-ali-g-feiert-comeback-67148092
   DIR [2] https://www.tennisnet.com/news/australian-open-matchball-abgewehrt-und-nummer-1-besiegt-angelique-kerbers-weg-zum-sieg-65969
   DIR [3] https://forum.tt-news.de/showthread.php?t=2888
       
       ## AUTOREN
       
   DIR René Hamann
       
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