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       # taz.de -- Tiktok-Nonne Josefine Schwitalla: „Jesus wäre definitiv auf Insta“
       
       > Josefine Schwitalla lebt als Nonne im Kloster. Ihren Alltag dort
       > dokumentiert sie auf Social Media. Wieso kommt das so gut an? Und wo
       > liegen ihre Grenzen?
       
   IMG Bild: Nonne Josefine Schwitalla
       
       taz: Schwester Schwitalla, wenn Jesus heute leben würde, welches wäre seine
       Lieblingsplattform? 
       
       Josefine Schwitalla: Er würde wahrscheinlich einen Mix haben, um
       verschiedene Leute zu erreichen. Ich glaube, dass er neben Tiktok definitiv
       auch auf Insta wäre und er vermutlich einen Podcast hätte.
       
       taz: Wann waren Sie das letzte Mal auf Tiktok? 
       
       Schwitalla: Heute Morgen.
       
       taz: Und, was haben Sie sich da angesehen? 
       
       Schwitalla: Ich habe mir die Kommentare zu unserem letzten Video angeguckt.
       
       taz: Seit knapp anderthalb Jahren geben Sie und Ihre Ordensschwestern über
       den Tiktok-Kanal des Bistums Osnabrück Einblicke in das Leben im Kloster.
       Warum? 
       
       Schwitalla: Die Idee kam von Urs von Wulfen, einem Social-Media-Manager des
       Bistums. Der kam irgendwann auf uns zu und wollte ein Video machen. Das war
       ursprünglich für Insta und wurde erst später auf Tiktok gepostet, dort hat
       es gefühlt über Nacht Millionen Klicks bekommen. Da haben wir plötzlich
       festgestellt, dass es nicht nur gut angekommen ist, sondern es auch
       haufenweise Kommentare gegeben hat. Und zwar nicht nur Lob und Kritik,
       sondern vor allem auch ganz viele weiterführende Fragen. Wir haben dann
       gemerkt, dass wir das nicht einfach so verpuffen lassen können, sondern
       dass wir darauf antworten müssen, und haben damit angefangen, die Fragen
       abzuarbeiten. Und dieses Abarbeiten machen wir jetzt seit eineinhalb
       Jahren.
       
       taz: Das heißt, alles, was an Content kommt, sind Antworten auf Fragen aus
       der Community? 
       
       Schwitalla: Zu 95 Prozent, würde ich sagen. Also bei einzelnen Dingen haben
       wir auch eine intrinsische Motivation, wo wir sagen: Boah, dazu würde ich
       jetzt gerne mal was machen. Manchmal ist es auch das Tagesgeschehen, das
       unsere Inhalte bestimmt. Also dass wir zum Beispiel ein Video zu einem
       bestimmten christlichen Fest machen oder wenn jemand neu in die
       Gemeinschaft aufgenommen wird. Ansonsten ist der Rest Q&A (Frage und
       Antwort, Anm. d. Red.).
       
       taz: Auf Tiktok folgen dem Kanal mehr als 55.000 Menschen, das
       erfolgreichste Video hat mittlerweile über 3,5 Millionen Views. Woher kommt
       dieses Interesse? 
       
       Schwitalla: Ich glaube, dass viele Menschen erst mal von der Exotik
       begeistert sind: Huch, [1][da ist eine Nonne]! Weil es im normalen Alltag
       wenig Berührungspunkte zu Menschen gibt, die in dieser Radikalität Christus
       nachfolgen. Hinzu kommt, dass ich als Frau weniger mit dem
       Missbrauchsskandal in Verbindung gebracht werde. Gerade unsere
       Gemeinschaftsvideos zeigen, dass wir eine sehr herzliche, sympathische,
       offene Gemeinschaft sind. Und das spricht Menschen an.
       
       taz: Sie machen Videos zum Thema Gewalt gegen Frauen, Homosexualität,
       selbst zu der Frage, wie man mit körperlicher Lust im Kloster umgeht. Gibt
       es denn nichts mehr, was Ihnen heilig ist? 
       
       Schwitalla: Doch, eine ganze Menge sogar! Ich würde zum Beispiel niemals
       mein geistliches Tagebuch veröffentlichen. Und auch manche [2][Dinge, die
       innerhalb des Konventes passieren], gehören definitiv nicht ins Netz. Aber
       die von Ihnen aufgeworfenen Fragen betreffen Themen, die jetzt nicht nur
       klosterspezifisch sind, sondern für die gesamte Gesellschaft eine gewisse
       Relevanz haben. Und ich glaube, es ist immer gut, wenn man sich bei solchen
       Fragen auch positionieren kann.
       
       taz: Auf welche Fragen würden Sie trotzdem nicht antworten? 
       
       Schwitalla: Also wenn es um Fragen bezüglich meiner eigenen Sexualität
       geht, das geht niemandem was an. Genauso wie das Miteinander mit meiner
       Familie oder Fragen in die Richtung: Mit welcher Schwester verstehst du
       dich besonders gut und mit welcher verstehst du dich gar nicht?
       
       taz: Das Video mit dem Titel „Pommes oder Mayo“ haben sich etwa doppelt so
       viele Menschen angesehen wie das zum Thema „Sexueller Missbrauch und
       Präventionsarbeit im Bistum“. Interessieren sich die Follower weniger für
       schwere Themen? 
       
       Schwitalla: Das kommt immer sehr drauf an. Manchmal haben wir einfach super
       viele Klicks auf Videos und verstehen überhaupt nicht, warum. Manchmal
       liegt es einfach am Titel oder an der Art und Weise, wie das Video gemacht
       ist. Aber letztendlich ist Tiktok eine Plattform, auf der Inhalte schnell
       konsumiert werden. Deswegen laufen kurze Videos meistens deutlich besser.
       Und man muss sagen, gerade das Thema Missbrauch ist natürlich ein sehr,
       sehr schweres Thema. Ob man sich darauf einlassen möchte, wenn man gerade
       in der Kaffeepause einmal durchs Handy scrollt, weiß ich nicht. Aber uns
       ist es wichtig, die Themen nicht davon abhängig zu machen, wie sie
       ankommen, sondern das zu zeigen, was uns bedeutsam ist.
       
       taz: Für Aufsehen sorgte das Video, in dem Schwester Judith ihren
       [3][Austritt aus dem Kloster] bekannt gibt. Die Dramaturgie erinnert ein
       wenig an eine Telenovela: Mittlerweile gibt es drei Folgevideos, in den
       Kommentaren ist von Plottwist und Cliffhanger die Rede. Inwiefern wirkt
       sich das auf den Klosteralltag aus? 
       
       Schwitalla: Allein durch die Präsenz von Schwester Judith auf Tiktok haben
       wir es als zwingend notwendig gesehen, uns zu äußern. Vor ihrem Weggang gab
       es eine Phase, in der ich aus familiären Gründen nicht so präsent war –
       auch das ist sofort aufgefallen. Die Videos von Schwester Judiths Abschied
       haben außergewöhnlich hohe Klickzahlen, das muss man ganz ehrlich sagen.
       Das heißt, Skandal verkauft sich leider immer noch ausgesprochen gut und
       besser als andere Themen. Aber den Klosteralltag ändert es ehrlich gesagt
       wenig. Natürlich müssen innergemeinschaftliche Prozesse erst einmal
       angepasst werden, weil da jetzt auf einmal eine Person weniger da ist.
       
       taz: Haben Sie manchmal Sorge, dass Ihnen die Kontrolle entgleiten könnte? 
       
       Schwitalla: Für mich persönlich besteht diese Gefahr nicht wirklich.
       Einfach, weil wir eng mit der Stabsstelle für Öffentlichkeitsarbeit
       zusammenarbeiten und die auch, ich sag mal ganz salopp, 90 Prozent der
       Arbeit machen.
       
       taz: Wie kommt das Ganze bei den höheren Instanzen an? 
       
       Schwitalla: Wir sind ein eigenständiges Kloster, die nächstübergeordnete
       Instanz ist quasi meine Oberin hier im Haus. Und die steht voll und ganz
       dahinter und motiviert mich sogar, das Ganze möglichst intensiv
       voranzutreiben. Und auch die nächsthöhere Ordensebene findet total gut,
       dass wir das machen.
       
       taz: Gibt’s niemanden, der sagt: „Was soll der moderne Quatsch“? 
       
       Schwitalla: Es gibt natürlich einige Gläubige, die uns darauf ansprechen.
       Denen ist dann vielleicht auch das ein oder andere Video zu ausgelassen, zu
       kindisch oder zu trivial. Etwa bei besagtem „Pommes-oder-Mayo“-Video. Aber
       das ist eher der kleinere Teil. Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich kann
       in den Videos so sehr ich selber sein, dass mich das eher, wie sagt man,
       peripher interessiert.
       
       taz: Mein Lieblingskommentar aus einem Video mit Ihrer Oberin lautet:
       „Schwester, drop mal deine Skincare“. Haben Sie eine Antwort darauf? 
       
       Schwitalla: Ja! Weniger ist mehr, und Meditation wirkt dem Alterungsprozess
       entgegen. Da gibt es sogar Studien zu.
       
       27 Jul 2026
       
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