URI: 
       # taz.de -- Hamburger Reaktionen auf CSD-Attentat: Lieber mutig als traurig
       
       > Eine Woche nach dem Anschlag auf die CSD-Demo in Berlin soll es in
       > Hamburg die Parade geben. Die Veranstalter wollen sich nicht
       > einschüchtern lassen.
       
   IMG Bild: Wegen des Anschlags in Berlin: Fahne mit Trauerflor am Hamburger Rathaus
       
       Als der CSD in Berlin am Samstagabend [1][nach dem Attentat] vorzeitig
       geräumt wurde, da wurde in Hamburg noch gefeiert. Die Pride Night versprach
       als Auftakt der Pride Week Performances, Talks und Musik. Erst später im
       Laufe des Abends sickerte durch: irgendwas ist passiert in Berlin.
       
       Abgebrochen wurde erst einmal nichts, zu unklar und widersprüchlich
       schienen die Informationen noch, sagt CSD-Sprecher Manuel Opitz. Als das
       Ausmaß des Attentats klar wurde, sei der Abend gerade zu Ende gegangen.
       „Alle haben fassungslos auf Handys geschaut“, sagt Opitz.
       
       Unmittelbar nach dem Berliner CSD steht die Pride Week in Hamburg an, die
       genau eine Woche später ebenfalls in zwei Demos gipfelt. Mit dem Anschlag
       in Berlin haben sich nun die Vorzeichen geändert, alles wirkt schwerer. Die
       sexy queeren Menschen, die in gelöster Partystimmung und nicht ganz frei
       von Klischees vom gezeichneten Kampagnenposter grinsen, wirken nicht mehr
       ganz passend. Das Motto des diesjährigen Hamburger CSDs dafür ist aber
       treffend: „Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst!“
       
       Angst, das ist das erste, mit dem sich die Demoorganisator*innen
       gerade beschäftigen. Der Anschlag sei ein Schock gewesen. Man ist bemüht,
       erst einmal ein Sicherheitsgefühl zurückzubringen: „Dass wir die volle
       Unterstützung von der Polizei spüren, ist für uns als
       Organisator*innen total wichtig – und auch für die Menschen, die zu
       uns kommen“, sagt Opitz.
       
       ## Noch mehr Polizei
       
       Eine erhöhte Gefährdungslage hat die Polizei zunächst nicht festgestellt,
       mittlerweile wird von einer „abstrakt hohen Gefährdungslage“ für ganz
       Deutschland gesprochen. Noch mehr Polizist*innen werden für das Event
       zusammengezogen, um die Sicherheit zu erhöhen.
       
       Menschen, so Opitz, seien verunsichert, wie der CSD dieses Jahr stattfinden
       soll, ob er überhaupt stattfindet. Spoiler: ja, natürlich tut er das.
       „Gerade jetzt gehen wir auf die Straße“, sagt Opitz. „Es ist jetzt
       wichtiger denn je, sichtbar zu sein. Wir wollen uns nicht aufgrund von Hass
       und Gewalt in die Unsichtbarkeit drängen lassen.“
       
       Clubbetreiber und Teilnehmende der Demo am kommenden Wochenende wählen
       ähnliche Formulierungen. Das klingt alles ein bisschen nach
       Durchhalteparolen, wie man sie kennt nach solchen Anschlägen.
       
       Aber: Der Anschlag ist auch erst wenige Tage her. „Ehrlich gesagt, ich
       persönlich bin noch gar nicht zum Nachdenken gekommen“, sagt Opitz. „Es
       gibt so Vieles, das gerade auf uns einstürzt.“ Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen
       sind greifbar; andere Fragen sind schwierig. „Wir müssen gerade selber
       schauen, was wir überhaupt machen wollen in den nächsten Tagen. Wie verhält
       man sich eigentlich richtig? Was ist angemessen – und was nicht?“
       
       Einen ersten Aufschlag hat es schon gegeben: Wie auch in anderen Städten
       Deutschlands gab es schon am Sonntag ein spontanes Zusammenkommen zum
       Gedenken. Der Bürgermeister hat gesprochen, der Polizeipräsident, die
       Gleichstellungsbeauftragte und Menschen aus dem Orgateam. Eine
       Trauerrednerin aus der Community hat am Ende alle aufgefordert, sich bei
       Nachbar*innen unterzuhaken. Eine „ruhige, andächtige Stimmung“ sei das
       gewesen, sagt Opitz.
       
       Auch die Schura Hamburg war der Einladung gefolgt. Der Vorsitzende Fatih
       Yildiz gedachte der Toten, drückte Verletzten und Angehörigen sein
       Mitgefühl aus und wandte sich gegen den Versuch, Gewalt religiös zu
       begründen.
       
       „Wer Menschen angreift, begeht ein schweres Unrecht. Und wer sich dabei auf
       den Islam beruft, missbraucht unsere Religion“, sagte Yildiz. Als
       islamische Religionsgemeinschaft übernehme die Schura Verantwortung. Für
       Hass, Gewalt und extremistische Ideologien dürfe es in den muslimischen
       Gemeinden keinen Platz geben. Der Anschlag treffe die gesamte Gesellschaft.
       
       „Uns war [2][wichtig, dass die Schura vor Ort war]“, sagt Opitz. „Muslime
       und Musliminnen sind auch eine Bevölkerungsgruppe, die gerade viel Hass und
       Hetze abbekommt.“
       
       Wie sich der Anschlag auf die Pride Week und den CSD auswirken wird, weiß
       er noch nicht. „Ich gehe schon davon aus, dass er anders wird als sonst.
       Denn natürlich schwingt bei uns allen der Anschlag in Berlin mit. Das läuft
       im Kopf mit und wir tragen das im Herzen.“ Auch die einzelnen Teilnehmenden
       der Demo haben noch keine konkreten Pläne. Auf Schweigemarsch statt
       Partydemo scheint es aber nicht hinauszulaufen.
       
       In den vergangenen Jahren waren rund eine Viertelmillion Menschen auf den
       Straßen – wer mitläuft und wer als Zuschauer*in dabei ist, ist kaum
       auseinander zu rechnen. „Wir hören von vielen, ‚jetzt müssen wir auf die
       Straße gehen‘ – nicht nur von queeren Leuten, sondern auch im übrigen
       Bekanntenkreis“, sagt Opitz.
       
       Das macht Mut und ist auch nötig: „Es gab [3][im letzten Jahr mehr als 100
       Angriffe auf CSDs]“, hält Opitz fest. „Jede Demo muss damit rechnen, dass
       es zu Angriffen und Straftaten kommt.“ Immerhin sei die Hamburger
       Veranstaltung leichter zu sichern als die in Berlin, weil es sich um ein
       kompaktes Straßenfest handele.
       
       Es gehört zu den [4][Forderungen der Organisator*Innen dieses Jahr],
       dass der Aktionsplan „Queer Leben“ auf Bundesebene wieder aufgesetzt wird.
       Die Ampelregierung hatte dort unter anderem Maßnahmen zum Schutz queerer
       Menschen vor Gewalt entwickelt. Die schwarz-rote Koalition hatte den
       Aktionsplan für beendet erklärt, ohne, so die Kritik, die Maßnahmen richtig
       ausgewertet zu haben.
       
       Vom Hamburger Senat fordert der Verein „gezielte Maßnahmen gegen
       Hasskriminalität und deren Finanzierung“. Zwar gab es auch in Hamburg einen
       landeseigenen Aktionsplan von 2023 zur Bekämpfung von Homo-, Bi*- und
       Trans*feindlichkeit, doch dessen Maßnahmen müssten nun auch umgesetzt
       werden.
       
       28 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /CSD-Anschlag-Der-mutmassliche-Taeter-ist-tot-die-Debatten-gehen-los/!6199453
   DIR [2] /Christopher-Street-Day-in-Berlin/!6199391
   DIR [3] /Anschlag-auf-dem-CSD/!6199331
   DIR [4] https://www.hamburg-pride.de/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Lotta Drügemöller
       
       ## TAGS
       
   DIR Christopher Street Day
   DIR Hamburg
   DIR Schwerpunkt LGBTQIA
   DIR Soziale Bewegungen
   DIR Queer
   DIR Attentat
   DIR Reden wir darüber
   DIR Social-Auswahl
   DIR Islamismus
   DIR Christopher Street Day
   DIR Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Mutmaßlicher CSD-Attentäter: Radikalisierung mit Ansage
       
       Abdul B. ist in Berlin geboren und aufgewachsen – und wollte für den IS
       kämpfen. Was über den Radikalisierungsweg des CSD-Attentäters bekannt ist.
       
   DIR Militanter Islamismus in Berlin: Verstreut, aber gefährlich
       
       Die militant islamistische Szene in Berlin gilt als versprengt.
       IS-Propaganda ist aber weiter wirkmächtig und gefährlich, wie der
       CSD-Anschlag zeigt.
       
   DIR Islamistischer Anschlag auf den CSD: Auf einem Auge blind
       
       Der Feind stehe rechts, war immer das Mantra von queeren Funktionären. Die
       andere, konkrete Gefahr wollte man lange nicht wahrhaben.