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       # taz.de -- Militanter Islamismus in Berlin: Verstreut, aber gefährlich
       
       > Die militant islamistische Szene in Berlin gilt als versprengt.
       > IS-Propaganda ist aber weiter wirkmächtig und gefährlich, wie der
       > CSD-Anschlag zeigt.
       
   IMG Bild: Polizei am Ort des Anschlags auf den Berliner CSD
       
       Aus heutiger Sicht klingt es schmerzlich akkurat, was die Berliner
       Innenverwaltung im „Islamismus-Monitor“ schreibt, den sie vor wenigen
       Monaten [1][veröffentlicht hat]. Dort heißt es, der Islamische Staat (IS)
       und andere Akteure riefen seit Jahren über ihre Online-Kanäle zu
       sogenannten Low-Level-Attacks auf: „Diese Anschlagsform bezieht sich auf
       schwer zu schützende Versammlungen wie Volksfeste, Konzerte und
       Sportveranstaltungen, die mit leicht zu beschaffenden Tatmitteln wie
       Messern oder Fahrzeugen angegriffen werden sollen.“
       
       Der [2][Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD)] vom vergangenen
       Samstag mit einer Toten und 29 Verletzten passt genau in dieses Muster. Und
       zeigt: Die Gefahr war bekannt – aber es war auch klar, wie schwer es ist,
       solche Angriffe überall und zu jeder Zeit zu verhindern.
       
       Es ist auch nicht der erste Vorfall dieser Art in Berlin: Im Februar 2025
       etwa griff ein damals 19-jähriger Mann am Holocaust-Mahnmal einen Touristen
       mit einem Messer an [3][und verletzte ihn lebensgefährlich]. Im selben
       Monat wurde ein damals 18-Jähriger in Berlin festgenommen, der Kontakte zum
       IS pflegte und offenbar einen Bombenanschlag auf die israelische Botschaft
       plante.
       
       Zwar gab es in den vergangenen Jahren bundesweit vergleichbare Angriffe: in
       München, in Essen, in Bielefeld, in Solingen und Mannheim. Dass es jetzt
       aber zum dritten Mal in weniger als zwei Jahren einen Vorfall mit IS-Bezug
       gab, wirft die Frage auf, inwiefern es in Berlin eine schlagkräftige
       gewaltorientierte islamistische Szene gibt.
       
       ## Die Szene hat kaum noch zentrale Figuren
       
       Der Berliner Verfassungsschutz jedenfalls rechnete im vergangenen Jahr
       2.590 Personen in der Stadt dem islamistischen Spektrum zu. Rund die Hälfte
       sollen Anhänger*innen salafistischer Bestrebungen sein, davon wiederum
       gelten 350 Personen als gewaltorientiert – also etwa als IS-Anhänger. Die
       andere Hälfte verteilt sich auf weitere islamistische Akteure, etwa die
       Hamas und die Hisbollah, aber auch nicht-gewaltorientierte legalistische
       Strömungen, wie die Muslimbruderschaft.
       
       Eine „mittlere zweistellige Zahl“ an Personen stuft die Polizei in Berlin
       als sogenannte Gefährder ein. Ihnen trauen die Behörden also zu, dass sie
       „politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung“ begehen könnten
       – etwa Terrorismus. Auch der CSD-Attentäter Abdul B. [4][galt als
       Gefährder]. Daneben führt die Polizei eine mittlere zweistellige Zahl als
       „relevante Personen“ – das sind Akteure, die im islamistischen Spektrum die
       Rolle einer Führungsperson oder Unterstützers einnehmen oder Kontakte zu
       Gefährdern haben.
       
       Von einer stramm organisierten militant-islamistischen Szene kann in Berlin
       aber trotzdem nicht die Rede sein. Insbesondere das gewaltorientierte
       salafistische Spektrum gilt als zersplittert. Das liegt unter anderem an
       einer härteren Strafverfolgung nach dem Anschlag am Breitscheidplatz 2016,
       mehreren Verboten salafistischer Vereine sowie der Coronapandemie.
       
       „Von der Infrastruktur ist vieles weg“, betont auch Claudia Dantschke vom
       Verein Grüner Vogel, wo sie als Beraterin das islamistische und
       salafistische Spektrum seit Langem beobachtet. Etwa habe die Szene während
       der Pandemie wichtige Moscheen verloren. „Die Aktivitäten haben sich
       [5][deshalb ins Internet verlagert]“, sagt Dantschke.
       
       ## Salafismus mit KI-Unterstützung
       
       Als beispielhaft dafür gilt der Prediger Abul Baraa, der lange an einer
       Moschee in Berlin tätig war, inzwischen aber vor allem online aktiv ist.
       Abul Baraa habe 2025 „eine führende Rolle bei der Verbreitung der
       salafistischen Ideologie“ eingenommen, schreibt der Verfassungsschutz. Der
       Prediger sei in nahezu allen sozialen Medien präsent, entwickele sich
       beständig weiter und werde immer professioneller. Zudem nutze Abul Baraa
       systematisch künstliche Intelligenz.
       
       Für die Radikalisierung junger Menschen sei Online-Propaganda wie die von
       Baraa zentral, betont Dantschke. Im Netz herrsche zudem „IS-Nostalgie“, die
       das Kalifat und die salafistische Ideologie der Terrororganisation
       mythologisiere – trotz der militärischen Niederlagen.
       
       Eine schwierige persönliche Lebenssituation begünstige eine solche
       Radikalisierung zusätzlich, sagt die Beraterin. Das könne etwa eine
       Scheidung der Eltern sein. In solchen Fällen komme es auch vor, dass – wie
       im Fall des Tiergarten-Attentäters – ein schiitischer Jugendlicher
       IS-Anhänger werde, obwohl die Strömungen eigentlich verfeindet sind. „Das
       ist die größtmögliche Abgrenzung zur eigenen Familie“, erklärt Dantschke.
       Solche Fälle beobachte sie immer wieder, auch in kurdischen Familien.
       
       Und, ebenfalls ein Faktor laut Dantschke: Wer daran gehindert wurde, sich
       dem IS in Nordafrika oder dem Nahen Osten anzuschließen, sei oft besonders
       gefährlich. „Wenn die jungen Menschen ihren Träumen nicht nachlaufen
       können, schlägt das oft um in akute Gewaltbereitschaft“, sagt Datsche.
       Abdul B. [6][war an der Ausreise nach Mauretanien gehindert worden]. Auch
       vom Libanon aus war es ihm nicht gelungen, sich dem IS anzuschließen.
       
       27 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.berlin.de/sen/inneres/presse/pressemitteilungen/2026/pressemitteilung.1660265.php
   DIR [2] /Christopher-Street-Day/!t5034790
   DIR [3] /Antisemitischer-Messerangriff-in-Berlin/!6160074
   DIR [4] /Nach-CSD-Attentat/!6199464
   DIR [5] /Social-Media-Propaganda-bei-Jugendlichen/!6172158
   DIR [6] /Anschlag-auf-CSD-in-Berlin/!6199277
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Hanno Fleckenstein
       
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