# taz.de -- Die Wahrheit: Ankratzen mit Salatbar
> Scherben bringen Glück: Ein Gericht für Politiker und Amtsträger nach
> antikem Vorbild muss her.
IMG Bild: Athene wacht seit Jahrtausenden über jedes Scherbengericht Foto: dpa
Die politische Unordnung wächst mit jedem Tag, die Zahl der inkompetenten
Politiker ist Legion und mit jeder Wahl schwindet die Hoffnung, dass es
noch mal besser wird. Warum besinnt man sich nicht auf tradierte Mittel, um
Politiker dazu zu bringen, eine alles in allem enkeltaugliche Politik zu
machen? Im alten Athen gab es ein Gremium, vor dem sich jeder Amtsträger am
Ende seiner meist einjährigen Regierungszeit für sein Tun oder Nichtstun
rechtfertigen und sich einem Urteil beugen musste.
Das war eine gewichtige Instanz, da hat keiner an Tyrannei, Lüge oder
Idiotie gedacht, sondern lieber ein paar unauffällige Dinge auf den Weg
gebracht, wie beispielsweise eine neue Stadtmauer geplant und gebaut, ein
paar funktionierende Streitwagen angeschafft, eine Vermögensteuer
eingeführt oder ein Fest für alle gestiftet mit freiem Wein und „All you
can eat“-Salatbar. Dafür gab es dann die Note Drei plus, der Anführer wurde
entlastet und konnte sich wieder wie zuvor als Gemüsehändler oder Philosoph
beschäftigen und hatte total Influence.
Zu herrschen war damals eine mühselige Angelegenheit. Ein Wahlkampf und die
Erlangung von Popularität dauerten lange. Die Leute waren manchmal nicht zu
Hause, man musste öfter vorbeikommen. Flugpapyri wurden von Poeten
abgenommen und mit Versen überschrieben. Es sind kaum politische
Forderungen aus der Zeit um 500 v. Chr. erhalten geblieben, Slogans wie
„Nieder mit Sparta“, „Frieden mit den Persern“, „Niedrige Weinpreise“,
„Levante für alle“, „Prostatavorsorge ab 40“ oder Ähnliches. Stattdessen
viele Werke von Homer, Herodot oder Aischylos.
Im schlimmsten Fall blieb der Amtsinhaber blass. Sparta protzte wie eh und
je mit sich selbst, Perser waren nicht gern gesehen, kein Arzt konnte was
mit einer Prostata anfangen und das Fest zu Ehren des Anführers fand ohne
Salatbar statt und war langweilig. Womöglich hat sich der Herrschende, aus
Mangel an geistreicher Führung, ein 76 Meter hohes Monument zu seinen Ehren
bauen lassen – ein Vorgang, der des Öfteren geschah und jedes Mal wuchs das
Bauwerk, das vom Gremium nach Vergabe der Note Sechs abgerissen wurde.
## Latten am Zaun
Eine Weile lang kam eine andere Form des Urteils über öffentliche Personen
in Mode, der Ostrakismos, das sogenannte Scherbengericht. Es trafen sich
mindestens 6.000 Bürger Athens nahe der Akropolis auf einem Hügel, erfanden
bei der Gelegenheit den Parteitag und am Ende gab es eine Abstimmung, um
denjenigen abzustrafen, der sinnfrei einen Krieg angezettelt, ein Monument
in Auftrag gegeben, nicht mehr alle Latten am Zaun hatte oder
unkontrolliert Scheiße erzählte und alles und jeden beleidigte.
Zentrales Element des Ostrakismos waren Tonscherben. Diese lagen damals
massenhaft herum. Athen hatte die Demokratie erfunden, aber von einem
Amphoren-Mehrweg-Pfandsystem war man noch weit entfernt, auch wenn das
Problem quasi vor den Füßen lag. Jeder nahm eine Scherbe zur Hand und
ritzte den Namen eines unbeliebten Anführers rein. Manchmal schabten die
Leute auch noch beleidigende Äußerungen dazu, um den Grad ihrer Verärgerung
kundzutun.
Kratzten die Anwesenden alle den gleichen Namen, war die Sache klar und der
Anführer hundertprozentig unfähig, unbeliebt, vielleicht sogar irre. Bei
mehreren Namen zählte die einfache Mehrheit. Der Angekratzte musste Athen
für zehn Jahre verlassen. Er behielt seinen Besitz, seine Rechte und nach
der Zeit durfte er wiederkommen und es noch mal mit der Politik probieren.
## Kaff im Nirgendwo
Eine Verbannung war vermutlich damals die höchste Strafe. Athen war die
coolste Stadt der Welt, in der man nach 22 Uhr noch was zu trinken bekam.
Wer Bürger Athens war, hatte was erreicht. Plötzlich vor den Toren der
Stadt zu stehen, bedeutete, sich in irgendeinem popeligen Kaff irgendwo im
Nirgendwo niederlassen zu müssen, vielleicht als menschliche
Pferde-Aufsteighilfe bei den Persern oder in Sparta als Sparringspartner
für dreijährige Krieger-Aspiranten oder als lebendes Wandmosaik in
Karthago.
Wie ließe sich denn heutzutage ein solches Scherbengericht organisieren?
Ein Losverfahren, wie es auch schon die alten Athener praktizierten, wäre
nützlich. Man wählt also in Anlehnung an das klassische Verfahren 6.000
Bürger, karrt diese in eine Stadt und steckt sie in eine Turnhalle oder ein
Eventcenter bei Stulle und Tee vom Sponsor. Dann lässt man die infrage
kommenden Politiker, was eine ganze Menge sein werden, auftreten und sie in
60 Sekunden dauernden Vorträgen erklären, was sie alles Großartiges
geleistet haben.
Selbstkritische Eingeständnisse dürfte es vermutlich keine geben. Nach den
Erklärungsrunden folgt eine Schnellzusammenfassung, die von einer KI
zusammengeschustert wird, und die Teilnehmer erhalten Blatt und Papier und
vermerken einen Namen. Schreiben die 6.000 alle den gleichen Namen, ist die
Sache klar und der Politiker eindeutig unfähig, unbeliebt, vielleicht sogar
irre.
Bei mehreren Namen werden einfach die Plätze eins bis zehn für zehn Jahre
oder länger in einer nach objektiven Maßstäben schlimmen Gegend der Welt
exiliert. Je nach Schwere des politischen Scheiterns kann ein Entzug von
Vermögenswerten als Schadenersatz erwogen werden sowie ein Verbot jedweder
politischen Tätigkeit bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.
Es klingt zu schön, um wahr zu werden.
29 Jul 2026
## AUTOREN
DIR Robert Rescue
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