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       # taz.de -- Berlin nach dem CSD-Anschlag: Warmlaufen für den Wahlkampf
       
       > Die Berliner Landespolitik streitet über die Lehren aus dem CSD-Anschlag.
       > CDU und AfD rufen nach härteren Gesetzen, die Justiz wehrt sich gegen
       > Einmischung.
       
   IMG Bild: Ungewohnt im Scheinwerferlicht: Innenausschuss diskutiert über CSD-Anschlag
       
       So viel Aufmerksamkeit gibt es selten für den Innenausschuss des Berliner
       Abgeordnetenhauses: Die Zuschauerplätze im Saal sind bis auf den letzten
       Platz besetzt und vor der Tür haben sich Kamerateams in Stellung gebracht –
       die Spitzenkandidat*innen von Grünen, Linken und AfD geben hier eilig
       Interviews, bevor die Sondersitzung des Gremiums startet.
       
       Das Treffen war mit Spannung erwartet worden – schließlich ist es die erste
       öffentliche Auseinandersetzung des Parlaments mit dem [1][Anschlag auf den
       Berliner Christopher Street Day (CSD)] am Samstagabend mit einer Toten und
       mehr als 30 Verletzten. Der politische Betrieb war gerade in einer kurzen
       Sommerpause, wollte Luft holen, bevor die heiße Phase vor der Wahl im
       September startet. Nun ist der Wahlkampf auf einmal in vollem Gange.
       
       Und so ist es nach einer Gedenkminute vor Sitzungsbeginn schnell vorbei mit
       der Einmütigkeit. Wer sich Aufklärung erhofft hatte, wird enttäuscht.
       Innensenatorin Iris Spranger (SPD) verspricht zwar, sie wolle den
       Tathergang „gründlich aufarbeiten und vollständige Transparenz herstellen“.
       Mehr als das, was seit Tagen über den Anschlag, den mutmaßlichen Attentäter
       und die Arbeit der Sicherheitsbehörden berichtet wird, gibt die
       SPD-Politikerin aber nicht preis – auch mit Verweis auf die laufenden
       Ermittlungen des Generalbundesanwalts.
       
       Werner Graf, Grünen-Fraktionsvorsitzender und Spitzenkandidat, ist das
       nicht genug. Er fordert einen Untersuchungsausschuss: „Die Antworten müssen
       auf den Tisch kommen.“ Und will von Polizei und Justiz wissen: „Warum
       wurden bestimmte Gesetze nicht angewandt – etwa die Präventivhaft?“
       
       ## SPD muss Koalitionspartner CDU bremsen
       
       Er liefert damit eine Steilvorlage für den CDU-Innenpolitiker Burkhard
       Dregger, der sich und die schwarz-rote Koalition für die Verschärfung des
       Polizeirechts lobt, die [2][im Dezember verabschiedet wurde]. Süffisant
       sagt er zu Grünen und Linken: „Ich stelle fest, dass die Kollegen nach den
       von uns eingeführten Maßnahmen fragen. Damit haben wir also ihr
       Einverständnis hergestellt, das ist schon mal gut.“ Für Dregger gibt es
       ohnehin nur eine Richtung: „Was können wir als Gesetzgeber Ihnen als
       Sicherheitsbehörden noch entgegenbringen?“
       
       Da muss sogar der Koalitionspartner SPD bremsen. Deren innenpolitischer
       Sprecher Martin Matz versucht, die Debatte herunterzukühlen: Die
       [3][zuletzt oft geforderte Fußfessel für Gefährder] stehe ja längst im
       Polizeigesetz. „Es hat mich irritiert, dass jetzt überall nach ihr gerufen
       wurde.“ Dabei sei er unsicher, ob die Maßnahme etwas bringe: „Bei
       häuslicher Gewalt ist der Auftrag klar: Der Gewalttäter soll ein bestimmtes
       Haus nicht betreten. Bei Gefährdern ist unklar, welche Orte sie nicht
       aufsuchen sollen.“
       
       Noch deutlichere Kritik kommt vom Linken-Abgeordneten Niklas Schrader:
       „Viele Vorschläge sind nicht neu, sondern werden jetzt aus irgendwelchen
       Schubladen hervorgekramt, weil die politischen Akteure Rückenwind
       verspüren.“ Es gebe längst ein „breites Instrumentarium“ im Polizei- wie im
       Strafrecht.
       
       ## Datenschutz? Egal
       
       Ein Einwand, der die CDU kaum interessieren dürfte. Deren Spitzenkandidat
       Stefan Evers und Justizsenatorin Felor Badenberg hatten bereits am
       Dienstagabend bei einem Ortstermin im Schöneberger Regenbogenkiez ein
       Dokument mit dem Titel „Freiheit statt Islamismus“ präsentiert. Neben
       bereits bekannten Vorschlägen – Stichwort Fußfessel – pochen die beiden
       darin auf mehr Befugnisse für Geheimdienste und KI-Überwachung von
       Gefährdern.
       
       Demnach sollen mithilfe von künstlicher Intelligenz Positionsdaten aus
       Fußfesseln mit anderen Informationen zusammengeführt werden – etwa zu
       Großveranstaltungen. Lästige [4][Einschränkungen müssen weg], finden Evers
       und Badenberg: „Wo es hierzu noch Anpassungen der gesetzlichen Grundlagen
       benötigt, müssen diese schnell vorgenommen werden. Datenschutz darf nicht
       zum Täterschutz werden.“
       
       Neben solchen [5][strammen Law-and-Order-Vorschlägen] wollen die beiden es
       aber auch mit Soft Power probieren. Etwa soll „Verfassungspatriotismus“
       gegen Radikalisierung helfen, indem „ein positives Verhältnis zu unserem
       Land und unserem Grundgesetz vermittelt“ wird. In diesem Punkt seien neben
       Eltern, Familien und Schulen besonders „alle Formen der vom Land Berlin
       geförderten Jugendarbeit“ gefragt – also jene Einrichtungen, die seit
       mehreren Jahren unter dem Sparkurs der von Evers geführten Finanzverwaltung
       ächzen.
       
       Auch die AfD versucht seit Tagen, die Debatte für ihre Agenda zu nutzen.
       Deren Scharfmacher Thorsten Weiß spricht am Mittwoch bei der Präsentation
       eines eigenen 9-Punkte-Plans von einer „weltfremden Kuscheljustiz“,
       Spitzenkandidatin Kristin Brinker legt mit einem „erschreckenden Maß an
       Staatsversagen“ noch einen drauf.
       
       ## Justiz wehrt sich gegen Einflussnahme
       
       Gegen solche Angriffe wehrt sich die Berliner Justiz am Mittwoch vehement:
       Nach drei Tagen Schelte sahen sich die Präsidentin des Berliner
       Kammergerichts, Andrea Diekmann, und die Berliner Generalstaatsanwältin
       Margarete Koppers offenbar genötigt, in einem ungewöhnlichen Statement das
       Wort zu ergreifen.
       
       Darin weisen sie Kritik am Umgang der Berliner Justiz mit dem späteren
       mutmaßlichen Attentäter vehement zurück. Es werde „reflexhaft nach
       vermeintlich Verantwortlichen gesucht“, die Kritik sei jedoch „vielfach
       pauschal oder von wenig Faktenkenntnis geprägt“. Das gefährde die
       Unabhängigkeit der Justiz, so Koppers und Diekmann.
       
       Auch im Innenausschuss sind Vertreter*innen von Polizei, Justiz und
       Verfassungsschutz bemüht, Zweifel an der eigenen Arbeit auszuräumen. Stefan
       Redlich, Vizechef des Landeskriminalamts, nennt umfangreiche Details zur
       Überwachung des mutmaßlichen späteren Attentäters, stellt aber zugleich
       klar: „Observation ist nicht geeignet, um jemanden an einer Tat zu
       hindern.“ In diesem Fall habe man aber noch viel mehr unternommen, etwa
       Gefährderansprachen durchgeführt und den Reisepass eingezogen.
       
       Auch Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel betont, ihre Behörde habe den
       Mann nicht aus dem Blick gelassen. Gleichzeitig habe die Behörde „nichts,
       aber auch gar nichts“ in den Händen gehabt, um den späteren Täter
       einzusperren oder eine Fußfessel zu beantragen.
       
       Was den Tod des Attentäters angeht, ist die Polizei allerdings weniger
       auskunftsfreudig. Denn es ist weiterhin unklar, warum der Mann beim Zugriff
       tödlich verletzt wurde, obwohl er von Dutzenden Beamt*innen umstellt
       war. Dazu heißt es am Mittwoch nur, er sei auf engem Raum mit einem Messer
       in der Hand auf die Einsatzkräfte „zugeeilt“, da bleibe wenig Spielraum.
       Alles Weitere müsse die Mordkommission ermitteln.
       
       29 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Christopher-Street-Day/!t5034790
   DIR [2] /Berliner-Abgeordnetenhaus/!6124349
   DIR [3] /Diskussion-nach-CSD-Anschlag-in-Berlin/!6199730
   DIR [4] /Datenschutz-und-Informationsfreiheit/!6189945
   DIR [5] /Politische-Debatte-nach-dem-CSD-Anschlag/!6200063
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Hanno Fleckenstein
       
       ## TAGS
       
   DIR Christopher Street Day
   DIR Schwerpunkt Islamistischer Terror
   DIR Schwarz-rote Koalition in Berlin 
   DIR Innensenatorin Iris Spranger
   DIR Schwerpunkt Wahlen in Berlin
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   DIR Anschlag
       
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