URI: 
       # taz.de -- Jugendwort des Jahres 2026: Langenscheidt, leck Eier!
       
       > Langenscheidt kickt „Mehrzweckeier“ aus den Top 10 für das Jugendwort des
       > Jahres. Denkt der Verlag, Jugendsprache ist nicht politisch? Peinlich.
       
   IMG Bild: Mehrzweckeier: Auch zum Lecken
       
       „Mehrzweckeier“, spricht Susanne Daubner trocken und süffisant in die
       Kamera. Es ist die vielleicht am schönsten vorgetragene Kritik an
       Bundeskanzler Friedrich Merz und der Wehrpflichtreform, die das deutsche
       Fernsehen je vorgetragen hat. Halt! Stopp! Alles gar nicht passiert. Das
       hat Langenscheidt verhindert.
       
       Denn die „Mehrzweckeier“ haben es zwar ganz süper in die Top-10-Vorschläge
       für das Jugendwort des Jahres geschafft. Doch der Verlag hat sie wieder
       rausgeschmissen. „Da der Begriff auf eine Kampagne zurückgeht“, heißt es,
       „und gleichzeitig auf einer persönlichen Beleidigung beruht.“ Schade, dass
       der Verlag da crashout geht und sich offenbar nur mit angenehm harmloser
       Jugendkultur schmücken will. Oder ist das alles nur Ragebait, um auf den
       ohnehin peinlichen Wettbewerb aufmerksam zu machen?
       
       Seit 2008 kürt der Langenscheidt Verlag jährlich das [1][Jugendwort des
       Jahres]. Zuerst war da „Gammelfleischparty“, 2013 kam der „Babo“, zwei
       Jahre darauf der „Smombi“, bei dem man sich schon fragen kann: Hat das je
       ein*e Jugendliche*r unironisch gesagt, Digga? Oder war es doch eher eine
       Fantasie der Alten? Ganz schön cringe (2021) dieser Wettbewerb.
       
       Das Jugendwort findet Langenscheidt so: Jugendliche können Vorschläge
       einreichen. Susanne Daubner liest – so ist es inzwischen geliebte Tradition
       – für die „Tagesschau“ die Top 10 laut vor, und die Allgemeinheit kann
       online voten und den Sieger bestimmen. Nur eben bitte keinen aus einer
       Kampagne.
       
       ## Politische Eier
       
       Tatsächlich haben Menschen im Internet dazu aufgerufen, „Mehrzweckeier“
       beim Wettbewerb einzureichen. Sie haben Memes erstellt, also Jugendkultur
       genutzt, um auf ein Wort hinzuweisen, das satirisch jene Politik
       kritisiert, die insbesondere Jugendliche trifft, und darauf gehofft, dass
       Susanne Daubner es öffentlich ausspricht.
       
       Mit Jugendwörtern stellen Jugendliche ihre Realität dar, prägen sich selbst
       und das eigene Verständnis von der Wirklichkeit. Manche sind verschlüsselt,
       sodass Erwachsene sie nicht ohne Weiteres in ihrer Tragweite und
       Emotionalität verstehen. Viele entstammen Jugendkulturen oder werden von
       ihnen umgedeutet, gedreht, angeeignet. Sie können ein bestimmtes
       Lebensgefühl tragen („YOLO“, 2012) oder den eigenen Blick auf und
       empfundene Verortung in der Welt zeigen („lost“, 2019). Dabei sind sie oft
       im weiteren Sinne politisch. [2][„Mehrzweckeier“] ist es im engeren.
       
       Jugendliche selbst, ihre Jugendkulturen und auch ihre Wörter sind im
       Zeitgeschehen verankert. Zu diesem gehört auch die verpflichtende
       Musterung, die die aktuelle Bundesregierung beschlossen hat und die bei
       vielen Menschen die Angst vor dem Eiergriff hervorgerufen hat. Auf die
       bezog sich der Schüler, der bei einer [3][Anti-Wehrpflicht-Demo] im März
       „[4][Merz leck Eier]“ auf sein Plakat schrieb.
       
       Gute Käse! Peak! Doch die Polizei beschlagnahmte es, leitete Ermittlungen
       ein wegen des Anfangsverdachts der „üblen Nachrede und Verleumdung gegen
       Personen des politischen Lebens“.
       
       ## Wir haben versagt
       
       Ein Jugendlicher setzt sich also mit Politik auseinander, die ihn direkt
       betrifft, arbeitet damit satirisch, nutzt sein demokratisches Grundrecht,
       indem er auf eine Demo geht, und wird dann in seiner Meinungsäußerung
       blockiert. Dabei müssten wir Jugendliche lieben und unterstützen, wenn sie
       genau das tun. Schere, wir haben als Erwachsene versagt.
       
       Wer sich mit Jugendwörtern schmücken will und sei es nur, wie immer wieder
       von Kritiker*innen des Wettbewerbs gemunkelt, aus PR-Zwecken, der muss
       auch akzeptieren, dass sie nicht immer und jedem genehm sind. Ohne
       politische Jugendliche gäbe es etwa keinen HipHop und dadurch auch nicht
       das schöne „Swag“, das 2011 zum Jugendwort des Jahres ernannt wurde.
       
       Ob der Ursprung der „Mehrzweckeier“ nun eine Beleidigung ist? 67.
       Vielleicht wenn man es als Erniedrigung begreifen will, jemand anderem die
       Eier zu lecken.
       
       Ich persönlich würde mich sehr viel stärker angegriffen fühlen, wenn mich
       jemand als „Macker“ bezeichnet. Der Begriff hat es auch in die Top 10
       geschafft. Er wurde nicht nachträglich rausgeschmissen.
       
       28 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Jugendsprache/!6121649
   DIR [2] /Merz-leck-Eier-Banner-an-der-TU-Berlin/!6167434
   DIR [3] /Schulstreiks-gegen-Wehrpflicht/!6159772
   DIR [4] /Merz-leck-Eier-Banner-an-der-TU-Berlin/!6167434
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Johannes Drosdowski
       
       ## TAGS
       
   DIR Jugendwort des Jahres
   DIR Wehrpflicht
   DIR Jugendsprache
   DIR talkshow
   DIR Reden wir darüber
   DIR Mehrzweckeier
   DIR GNS
   DIR CDU/CSU
   DIR talkshow
   DIR Polizei Berlin
   DIR Jugendwort des Jahres
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Mit fast 92 Prozent: Union wählt Frei zum neuen Fraktionschef
       
       Die Unionsfraktion hat Thorsten Frei zum Nachfolger von Jens Spahn gewählt.
       Ob dadurch Ruhe einkehren wird, ist fraglich. Die Kritik an Kanzler Merz
       hält an.
       
   DIR Merz und Social Media: Vorsicht mit dem weichen Ei
       
       Social Media ist fies! Besonders gegen Friedrich Merz. Der klagt: „Kein
       Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“ Der alte Mann braucht
       Nachsicht.
       
   DIR „Merz leck Eier“-Banner an der TU Berlin: Doch nicht das Gelbe vom Ei?
       
       An der TU wird ein „Merz leck Eier“-Banner von der Polizei entfernt.
       Student*Innen sehen die Meinungsfreiheit und ihre Selbstverwaltung in
       Gefahr.
       
   DIR Jugendsprache: „Das crazy“ zum Jugendwort des Jahres gewählt
       
       „Das crazy“ ist das neue Jugendwort des Jahres. Knapp dahinter landete ein
       Slangwort für Selbstbefriedigung.