# taz.de -- Die Wahrheit: Theater immer auf die Zwölf
> Die beiden wichtigsten Geheimnisse der Schauspielkunst offenbaren sich
> selbst einem Novizen auf den Brettern, die die Langeweile bedeuten
> können.
Das Theater ist nicht unbedingt die naheliegendste Kunstform für jemanden,
der – wie ich – nicht aus dem Bildungsbürgertum stammt.
Die Theaterschaffenden meiner Generation kommen fast alle aus dem
kulturaffinen Milieu und haben in etwa folgende Theatersozialisation hinter
sich: Als Kind der jährliche Besuch eines schlampig dramatisierten
Weihnachtsmärchens, später dann mit dem Eltern-Abo Shakespeare, Brecht,
Handke, Botho Strauß; aus Begeisterung darüber Eintritt in den
Theater-Jugendklub des Stadttheaters oder in die Theater-AG der Schule und
schließlich, nach dem Abitur, ein Schauspiel-, Theaterwissenschafts- oder
Regiestudium.
Ich hingegen komme aus einer Sozialwohnungssiedlung und habe erst mit
siebzehn zum ersten Mal ein Stadttheater betreten. Vorher kannte ich die
Bühnenkunst nur aus dem Fernseher. Damals gab es allerdings noch keine
Hochkultur auf Arte oder 3sat, sondern im Ersten oder Dritten das Kölsche
Millowitsch- oder das Hamburger Ohnsorg-Theater. Und hin und wieder die
Aufzeichnung eines „emanzipatorischen“ Grips-Kinderstücks, wobei sich das
für mich nicht wirklich von den beiden anderen unterschied: abgefilmte
Bühne, Schauspielerinnen, die auf die Kacke hauten, und wenn das Publikum
lachte, hatten die Spieler gewonnen. Das gefiel mir.
Aus Langeweile und Geltungssucht wurde ich irgendwann Mitglied in unserem
Schultheater. Ich spielte, wie ich es von Willy Millowitsch, Heidi Kabel
und Henry Vahl gelernt hatte – laut, schnell und immer auf die Zwölf.
## Gekünstelte Sätze
Und dann gingen wir mit der Theater-AG ins Staatstheater Kassel. Um
richtigen Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen. Schiller: „Kabale und
Liebe“. Die Profidarsteller machten Dinge, die mich nachhaltig verstörten.
Vor allem Pausen. Manchmal so lange, dass man in der Zwischenzeit ohne zu
hetzen zwei bis drei Zigaretten hätte rauchen können. Einerseits sprachen
die Menschen auf der Bühne gekünstelte Sätze, taten andererseits aber so,
als fielen diese ihnen just in jenem Moment ein. Oder eben auch nicht
beziehungsweise erst nach langem intensivem Nachdenken.
Fatalerweise befanden sich nur Schüler im Zuschauerraum, größtenteils
zwangsverpflichtete Klassen. Es wurde gequasselt, kommentiert, gekichert,
manche reichten mitgebrachte Snacks herum … bis zu dem Moment, als das
Ensemble die Faxen dicke hatte und abbrach.
Eine Frau erschien auf der Bühne und sagte, so gehe das nicht. Wenn jetzt
nicht Ruhe im Zuschauerraum einkehre, würde die Vorstellung beendet. Dann
passierte etwas Faszinierendes: Die Schauspieler setzten am Anfang der
abgebrochenen Szene wieder an – und spielten alles exakt wie vor dem
Abbruch. Inklusive der gefühlt mehrstündigen Pausen.
An diesem Abend lernte ich zwei wichtige Dinge, von denen ich heute noch in
meiner Theaterarbeit zehre: Schauspiel ist Präzision, Reproduzierbarkeit,
Technik. Und: Selbst wenn man all dies beherrscht, kann man ein Publikum zu
Tode langweilen.
29 Jul 2026
## AUTOREN
DIR Hartmut El Kurdi
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