# taz.de -- Der Himmel im Spätsommer: Was da oben leuchtet
> Perseiden, Planeten, Raumstationen: eine Anleitung für alle, die nachts
> nach oben schauen und wissen wollen, was sie da sehen.
IMG Bild: Der Sternschnuppenstrom der Perseiden entfaltet im August seine maximale Pracht
Die Sommertage werden merklich früher dunkel, bleiben aber warm genug, um
in den Nachthimmel zu schauen und zu träumen, ohne zu erfrieren. Schnappen
Sie sich also eine Picknickdecke, eine App mit Sternenkarte und jemanden,
mit dem Sie gern Arm in Arm oder Schulter an Schulter über die Welt, das
Universum und den ganzen Rest philosophieren möchten. Zeit zum
Sternegucken!
## Kosmische Spektakel
Wer Sternschnuppen durch die Nacht huschen sieht, darf sich etwas wünschen.
Oft muss man lange auf sie warten, aber im August kann man seinem Glück auf
die Sprünge helfen. Den Perseiden sei Dank. Dann regnen stündlich etwa 100
Meteore auf uns herab, weil unsere Erde die Umlaufbahn des Kometen
109P/Swift-Tuttle durchkreuzt. Dieser krümelt auf seiner Reise um die Sonne
achtlos herum und hinterlässt eine Spur aus Schutt. Geraten Staubkörner
davon in unsere Atmosphäre, verglühen sie durch die Reibung mit der Luft.
In diesem Jahr sind die Perseiden zwischen dem 9. und 13. August zu sehen.
Währenddessen, und zwar am Abend des 12. August, steht ein noch viel
selteneres kosmisches Schauspiel an: Über der Arktis, Grönland, Island und
Spanien ist eine totale Sonnenfinsternis zu sehen. In Deutschland wird die
Sonne dagegen nur zu 80 bis 90 Prozent vom Mond verdeckt. Das klingt nach
viel, doch richtig finster wird es nicht. Vielmehr verändert sich die Farbe
des Sonnenlichts zu einem kühlen Blau.
## Unsere Galaxie und ihre Nachbarin
Wenn die Sonne verschwunden ist und die Nacht möglichst dunkel, weil Sie
der Lichtverschmutzung der Zivilisation so weit wie möglich entkommen sind,
ist es an der Zeit, sich zu orientieren. Oder Zeit, um vor anderen Leuten
[1][mit Astronomiewissen anzugeben]. Beginnen wir mit der Milchstraße: Das
ist die Galaxie, auf deren äußerem Arm unser Sonnensystem kreist. Früher
zeigte sie sich als hell schimmerndes Band aus Abertausenden von Sternen,
das sich quer über den Himmel zog. Heute ist sie nur noch an sehr dunklen
Orten oder auf Fotos mit Langzeitbelichtung zu erkennen.
Alle Leuchtpunkte, die wir mit den eigenen Augen sehen können, gehören
ebenfalls zur Milchstraße. Eine Ausnahme ist die Andromeda-Galaxie, ein
länglicher Fleck aus Hunderten von Milliarden weiterer Sterne, die ab
Spätsommer und vor allem im Herbst gut am Osthimmel zu sehen ist. Mit einer
Entfernung von 2,5 Millionen Lichtjahren ist sie das mit bloßem Auge
sichtbarste und zugleich am weitesten entfernte Objekt am Nachthimmel.
## Die hellsten Sterne
Wenn sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, zeigen sich nach
und nach immer mehr Sterne am Firmament. Zu den hellsten Sternen gehört das
Sommerdreieck, das hoch im Süden steht. Dort befindet sich Wega im
Sternbild Leier. Links daneben befindet sich Deneb, der Kopf des Schwans,
der seine Flügel ausbreitet. Mit etwas weniger Fantasie sieht man einfach
ein Kreuz. Der untere Stern des Dreiecks ist Altair.
Über dem Dreieck erkennt man das Himmels-W: Kassiopeia. Daneben rollen der
Große Wagen und der Kleine Wagen mit dem Polarstern am Griff. Viele Leute
suchen vielleicht vergeblich das Sternbild Orion mit seinem Gürtel, dem
Orionnebel und seinem roten Stern Beteigeuze. Der treibt sich im Sommer
jedoch nachts auf der Südhalbkugel herum.
Im Sommer sehen wir Beteigeuze erst, wenn er [2][in einer Supernova
explodiert] und dann selbst tagsüber leuchtet. Die Helligkeitsschwankungen
des Sterns deuten darauf hin, dass die Supernova unmittelbar bevorsteht
oder bereits stattgefunden hat. Schließlich sehen wir heute das Licht, das
Beteigeuze vor 500 Jahren ausgesendet hat. „Unmittelbar“ hat in der
Astronomie etwas Spielraum.
## Die Planeten
Die tatsächlich hellsten Lichtpunkte am Himmel sind oft keine Sterne,
sondern die Planeten unseres Sonnensystems. Während Sterne funkeln, weil
ihr Licht als Punktquelle durch die Atmosphäre verzerrt wird, leuchten
Planeten gleichmäßiger. Die Planeten bewegen sich über Wochen hinweg
sichtbar vor dem Sternenhintergrund, während die Sterne ihre Position
zueinander praktisch nicht ändern.
Besonders gut zu sehen ist Venus, weil sie uns am nächsten ist. Abends
leuchtet sie als erstes Gestirn im Westen. Sie ist nie weit weg von der
Sonne, weshalb sie auch nur nach Sonnenuntergang oder kurz vor
Sonnenaufgang zu sehen ist. Fast so hell wie Venus ist Jupiter. Der
Gasplanet ist zwar weit weg, dafür aber riesig. Mit einem Fernglas kann man
sogar seine vier großen Monde erkennen. Mitte August ist Jupiter morgens im
Sternbild Krebs zu sehen. Auch Mars ist gut zu erkennen. Sein Licht ist
schwächer, aber markant rötlich.
## Menschengemachte Missverständnisse
Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Manchmal ist am Nachthimmel etwas
Komisches zu sehen. Es bewegt sich, aber es blinkt nicht. [3][Bestimmt ein
UFO!] Wahrscheinlich handelt es sich dabei um die Raumstationen ISS oder
Tiangong. Beide leuchten besonders hell und sind so schnell, dass sie in
drei Minuten den Horizont durchquert haben. Wie die Venus sind sie kurz
nach Sonnenuntergang oder kurz vor Sonnenaufgang sichtbar. Zu diesem
Zeitpunkt steht die Sonne aus Sicht der Raumstationen noch in rund 400
Kilometer Höhe über dem Horizont und beleuchtet sie, während es am Boden
bereits dunkel ist.
Was sonst noch leuchten könnte, sind Satelliten wie die von Starlink. Nach
dem Raketenstart sind sie oft wie eine fliegende Perlenkette aus mehreren
gleich hellen Punkten hintereinander am Himmel zu sehen. Nach einigen
Wochen bis Monaten verteilen sie sich auf ihre endgültigen Umlaufbahnen und
sind dann nur noch einzeln sichtbar.
## Zeit zum Träumen
Sie erkennen kein schimmerndes Band, kein einziges Sternbild und erst recht
keinen Planeten? Auch gut! Viel interessanter ist sowieso dieses unendliche
Nichts, das nur von ein paar Punkten unterbrochen wird und das wir weder
mit unseren Augen, noch mit unserem Verstand durchdringen können.
Unvorstellbar ist die Tatsache, dass am Firmament alles Vergangenheit ist.
Jedes Licht, das wir dort oben sehen, hat Hunderte oder Tausende Jahre
gebraucht, um die Erde zu erreichen. Ja, das Licht ist unvorstellbar
schnell. Doch der Raum, den es hinter sich lassen muss, ist noch viel
unvorstellbar größer. Sollte uns jemand da draußen sehen können, dann wäre
auch unser Licht lange unterwegs gewesen. Mit seinem Wolken durchdringenden
Superteleskop würde dieser Jemand sehen, wie wir Könige köpfen, Magierinnen
verbrennen oder in Höhlen wohnen. Kein Grund jedenfalls, uns einen Besuch
abstatten zu wollen.
Auch die absurde Vielfalt, die sich hinter den funkelnden Leuchtpunkten
verbirgt, ist unvorstellbar. Diese kleinen unscheinbaren Sterne sind
allesamt Sonnen. Seit einigen Jahren wissen wir: Im Durchschnitt wird jeder
Stern von einem Planeten umkreist. Viele Sonnen haben keine Planeten,
andere Sonnen heben den Schnitt mit mehreren.
Unter ihnen befinden sich riesige Gasplaneten, die ihre Sonne so eng
umkreisen, dass sie nur wenige Tage für einen Umlauf benötigen und
Temperaturen von mehreren Tausend Grad erreichen. Außerdem wurden
aufgeblähte „Puffplaneten“ entdeckt, die eine so geringe Dichte haben, dass
sie auf unseren Ozeanen schwimmen würden. Und einsame Planeten, die ohne
eine Sonne zu umkreisen einfach durchs All vagabundieren.
In all dieser Unvorstellbarkeit ist das Unwahrscheinliche gar nicht mehr so
unwahrscheinlich. Und plötzlich wiegen die ganzen Sorgen, die uns sonst so
viel Kummer auf dieser kleinen blauen Kugel bereiten, gar nicht mehr so
schwer.
29 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Philipp Brandstädter
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