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       # taz.de -- Film „Spider-Man: Brand New Day“: Das Zeug spritzt ihm unkontrolliert aus den Gelenken
       
       > Omnipotenz und Adoleszenz: Der Superheldenfilm „Spider-Man: Brand New
       > Day“ schickt seinen Protagonisten in die Selbsthilfegruppe.
       
   IMG Bild: Michelle „MJ“ Jones-Watson (Zendaya) und Spider-Man (Tom Holland)
       
       In der Welt der Superhelden spielt Psychologie eine große Rolle. Für den
       Hulk und sein Alter Ego Bruce Banner lässt sich eine Art dissoziativer
       Identitätsstörung ferndiagnostizieren; [1][Superman] und noch mehr seine
       ältere Cousine Supergirl sind nach der Zerstörung ihres Heimatplaneten
       Krypton inklusive sämtlicher Familienmitglieder mindestens traumatisiert.
       Batmans Abgründe bei der Gewaltanwendung wurden mehrfach thematisiert – das
       „Arkham Asylum“, langfristiger Aufenthaltsort von Psycho-Schurken wie dem
       [2][„Joker“] und seiner Verehrerin Harley Quinn, schien langsam auf ihn
       abzufärben.
       
       Bei Spider-Man steckt die psychologische Sollbruchstelle bereits im Namen:
       Peter Parker ist weniger Mann als eher ewiger Heranwachsender. Selbst wenn
       Schauspieler Tom Holland, der dem nachbarschaftlichsten aller
       Superheld:innen schon in sechs MCU-(„Marvel Cinematic
       Universe“-)Filmen, drei davon Solo-Abenteuer, seinen athletischen, aber
       arachnidatypisch kleinen Tänzerkörper zur Verfügung stellte, mittlerweile
       30 Jahre zählt und kürzlich Spider-Mans Film-Flamme MJ (Zendaya) gar in
       echt ehelichte: Spidey steckt in der Phase zwischen Fisch und Fleisch, in
       seinem Fall zwischen Spinne und menschlichem Twen fest.
       
       Für sämtliche Beteiligten des Sequels „Spider-Man: Brand New Day“,
       inszeniert vom Marvel-erfahrenen Regisseur Destin Daniel Cretton, ist das
       misslich. Denn dass Spider-Man das Wissen um seine im letzten Film
       aufgedeckte Peter-Parker-Identität aus dem Gedächtnis der Welt, und damit
       auch dem von MJ und Cliquenkumpel Ned (Jacon Batalon) gelöscht hatte,
       bedeutet neuerliche Einsamkeit für den schüchternen Parker, der zudem noch
       unter dem Verlust seiner Tante May leidet. Parker/Spidey tut, was man in
       einem solchen Fall tut, aber nicht tun sollte: Er pfeift auf die
       Work-Life-Balance und schüttet sich mit Arbeit zu. Fast im Alleingang, so
       frohlocken im furiosen Auftakt des Films die Zeitungen, habe Spider-Man die
       Kriminalitätsrate New Yorks minimiert.
       
       Doch natürlich gibt es neue knifflige Herausforderungen. Einerseits führt
       Spideys soziale Isolation zu Mutationen wie dem „organic webbing“, der
       Superheld leidet unter Spinnennetz-Pollution, weil ihm das Zeug plötzlich
       unkontrolliert aus den Gelenken spritzt; andererseits erhöht sich zwar
       seine Körperstärke, aber auch die Neurodivergenz: Spideys mutiertes Hirn
       wird von der urbanen Reizüberflutung lahmgelegt.
       
       Gleichzeitig taucht eine neue Gegenspielerin auf, deren Superkraft komplett
       auf der mentalen Ebene liegt – eine als Jean Gray enthüllte
       Supertelepathin, die allein mit ihrem Geist mühelos jeden Menschen
       innerhalb eines bestimmten Radius mental okkupieren und ihn damit zu ihrem
       Spielzeug machen kann. Gray (Sadie Sink) hat ein Hühnchen mit dem
       „Department of Damage Control“ zu rupfen, das sie für das Verschwinden
       ihrer Schwester verantwortlich macht. Dabei schreckt sie auch vor der
       Bedrohung des superheldenerfahrenen New York nicht zurück.
       
       ## Angst vor einer Hungersnot
       
       Der Name Jean Gray lässt bei Marvel-Afficionados die Ohren klingeln: Als
       Originalmitglied der Mutant:innen-Clique „X-Men“ ist sie eine der ältesten
       und interessantesten Held:innen. Die Drehbuchautoren Chris McKenna und Eric
       Sommers haben ihr Script zudem mit kleinen Nerd-Gags gespickt, die auch aus
       „The Big Bang Theory“ stammen könnten und eine liebevolle Verbindung
       zwischen MCU und Realität schaffen: Wenn der Ultrabösewicht Thanos doch so
       eine Heidenangst vor einer Hungersnot hat, will eine neunmalkluge
       Studierende vom als Dozenten arbeitenden Bruce Banner (Mark Ruffalo)
       wissen, wieso er dann mit seinem alles könnenden Infinity-Handschuh nicht
       einfach genug zu essen schaffe? Das gibt Banner zu denken.
       
       Und während Spidey, mehr oder weniger flankiert von MJ und Ned, dem
       Raue-Schale-weicher-Kern-Schläger „Punisher“ (Jon Bernthal), der ihre Gäste
       neuerdings im Badehaus empfangenden [3][Black Widow] (Florence Pugh) und
       dem sich mit hulktypischen Problemen abmühenden Banner, der Bedrohung
       habhaft zu werden versucht, wächst ein neues (Spinnen-)Netz um all die
       Figuren. Eines, das mehr mit Familie als mit Action zu tun hat: Zwar sind
       die Kämpfe ebenso rasant und schwindelig machend wie Spideys
       Schwing-Choreografien von Scyscraper zu Scyscraper, und zwischen
       K.-o.-Schlag und Gebäudeexplosionen passt nicht mal ein „Wow!“. Doch selten
       wurde in einem Marvel-Film gleichzeitig so viel Beziehungs- oder zumindest
       Selbsthilfegruppenarbeit geleistet.
       
       Wie um die angesprochenen psychologischen Aspekte zu unterstreichen, geht
       es um weinende Männer, um Einsamkeit, Verzweiflung und Verlust und darum,
       was dieser Schmerz mit der Psyche anstellt. Spideys Heilmittel – neben den
       vom hübsch anachronistisch hergerichteten New York und seinen
       Bewohner:innen gefeierten Spinnenkräften – sind dabei Freundschaft,
       Ehrlichkeit und Liebe. Ach, wäre New York doch nur in Wirklichkeit so. Denn
       anders als im realen Leben lässt sich mit einer verletzten Seele wie Jean
       Gray wenigstens reden.
       
       29 Jul 2026
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Jenni Zylka
       
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