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       # taz.de -- Nach dem CSD-Anschlag: Blumenmeer am Brandenburger Tor
       
       > Auch drei Tage nach dem Anschlag trauern Menschen am Tatort und am
       > Brandenburger Tor. Viele sorgen sich zudem um die Auswirkungen auf die
       > Gesellschaft.
       
   IMG Bild: Zwischen den Blumen liegen Pappschilder und Zettel mit Botschaften. „Lasst uns füreinander laut sein“
       
       Blumen, Regenbogenfähnchen und Kerzen bedecken den Boden vor dem
       Brandenburger Tor. Sie formen ein riesiges Herz, am Dienstagabend ist es
       geschätzt acht mal acht Meter groß, und es wächst weiter, denn ständig
       kommen Menschen legen neue Blumen am Rand ab. Auf der anderen Seite des
       Tors hatten am Samstag Zehntausende beim CSD gefeiert, bis [1][kurz nach 22
       Uhr die Nachricht von der Attacke dem ein jähes Ende] bereitete. Der Platz,
       an dem die queere Community am [2][Tag nach dem Anschlag auf den Berliner
       CSD zu einem gemeinsamen Trauern] zusammengekommen war, ist inzwischen der
       zentrale Gedenkort in der Stadt geworden. Wer näher tritt, riecht den Duft
       der unzähligen Blumen.
       
       Zwischen den Blumen liegen Pappschilder und Zettel mit Botschaften. „Lasst
       uns füreinander laut sein“, steht auf einem, auf einem anderen „Trost,
       Liebe, Zusammenhalt“ und „Liebe ist niemals falsch“. Eine trans Frau, ganz
       in Schwarz gekleidet, umkreist das Blumenmeer mit einer Freundin, sie hält
       immer wieder inne, um die Botschaften zu lesen. „Ich habe mich erst heute
       stark genug gefühlt, um herzukommen“, sagt sie, und dass sie bewusst in
       ihrem CSD-Outfit gekommen sei, „um zu zeigen, dass man sich trotzdem nicht
       versteckt“. Bis etwa 18 Uhr seien sie und ihre Freund*innen am Samstag
       beim CSD und auch im Tiergarten gewesen. „Dort gehe ich nicht noch mal hin,
       ich bin froh, dass ich es hierher geschafft habe“, sagt sie.
       
       Drei Schüler*innen bleiben am Blumenmeer stehen und vertiefen sich still
       in die Botschaften. Sie seien gerade auf Klassenfahrt in Berlin und
       zufällig auf den Gedenkort gestoßen, sagen die 16-Jährigen. „Es ist
       schrecklich, dass solche Dinge immer noch passieren“, sagt eine von ihnen,
       Tränen glitzern in ihren Augen. „Wenn Angriffe auf Randgruppen passieren,
       dann wieder gegen eine Randgruppe zu hetzen, das finde ich unmöglich“, fügt
       sie hinzu.
       
       Zwei Männer treten Arm in Arm in den Kreis der Menschen am Blumenmeer. Sie
       verharren stumm, der eine streichelt unentwegt über Schulter und Arm des
       anderen. Sie sind bewusst hergekommen, doch auch viele Tourist*innen, die
       eher zufällig auf den Ort gestoßen sind, halten hier inne.
       
       „Wir waren am Samstag bei einem Sommerfest. Und als wir nachts nach Hause
       kamen, haben wir von dem Anschlag gehört“, erzählen zwei Mädchen. Sie sind
       Cousinen, die eine wohnt in Berlin, die andere ist zu Besuch. Es sei
       wichtig, dass es diesen Ort gebe und so viele Menschen da seien, finden die
       12-Jährigen. Ein anderes Mädchen hat den Ort zusammen mit ihrem Vater
       gezielt aufgesucht. Die kommen aus der Schweiz und waren zur Pride Week
       schon in Hamburg, die Tat hat sie erschüttert. „Es ist falsch, dass Leute
       sterben müssen, weil sie für das Richtige eingestanden sind“, sagt das
       Mädchen.
       
       „Schade, dass das hier thematisch so eng gefasst ist“, kommentiert eine
       Frau [3][die unzähligen Regenbogensymbole]. Sie ist mit ihrer Frau zum
       Brandenburger Tor gekommen. „Mir fehlt hier der Anschlag in Magdeburg, der
       in Solingen oder der auf das Bataclan und Charlie Hebdo in Paris. Hier
       wirkt es so, als ob [4][nur eine Gruppe betroffen ist, dabei ist das für
       alle ein Riesenproblem]“, sagt sie. Die Blumen, die sie dabei haben, wollen
       sie später am Tatort im Tiergarten ablegen. „Die sind für die polnische
       Frau, die sterben musste, und für ihre Familie, die das alles mitbekommen
       hat“, sagen sie.
       
       Sechs Personen stehen eng beieinander, sie sind aus demselben Hockey-Team.
       „Wir waren zusammen beim CSD, es war ein so schöner Tag“, sagt eine von
       ihnen. Gegen 18 Uhr seien die meisten von ihnen zu Hause gewesen. „Aber die
       halbe Nacht haben wir miteinander geschrieben und geguckt, ob es allen
       physisch und emotional gut geht“, sagt sie. Ob sie auch noch zum Tatort im
       Tiergarten gehen, das würden sie noch überlegen.
       
       ## Schrecken der Tat noch zu spüren
       
       Auch dort im Tiergarten liegen Blumen, Kerzen und Regenbogensymbole an
       mehreren Bäumen entlang des Wegs, [5][über den der Attentäter mit dem
       weißen Transporter durch die feiernden Menschen] gerast war. Viele Menschen
       sind unterwegs, bleiben stehen und legen Blumen ab, einige weinen. Drei
       Polizeiwagen und ein paar Polizist*innen stehen am einen Ende des Wegs
       und ein Kleinbus von der DRLG, an den Fenstern hängen Zettel mit
       Telefonnummern, an die Betroffene sich wenden können. Menschen in lila
       Westen von der Notfallseelsorge und dem Berliner Krisendienst sind vor Ort.
       
       Während am Brandenburger Tor Trauer und Solidarität im Vordergrund stehen,
       ist im Tiergarten der Schrecken der Tat noch deutlich zu spüren. Auf dem
       Boden sind weiterhin die pinken und orangen Markierungen zu sehen, mit der
       die Polizei den Tathergang dokumentiert hat. An einem Baum, an dem der
       Täter mit dem Auto ein großes Stück Rinde weggerissen hatte, klebt nun eine
       dunkelgraue Folie und der Hinweis an Parkbesucher*innen, dass diese
       möglichst intakt bleiben sollte, damit der Baum darunter heilen kann.
       
       „Wir hatten viele längere Gespräche heute, der Bedarf ist groß“, sagt ein
       ehrenamtlicher Seelsorger von der DRLG. „Die Menschen kommen her, um ihre
       Anteilnahme zu zeigen. Viele fragen, was genau passiert ist und wo“, fasst
       er die Anliegen zusammen. „Einige erzählen uns, das sie Samstagnacht da
       waren und sprechen über das Gefühl, dass es auch sie hätte treffen können“,
       sagt er. „Und die meisten machen sich Sorgen, was die politischen
       Reaktionen auf die Tat sind, was der Anschlag mit der Gesellschaft macht.“
       
       Aus Betroffenheit sei er gekommen, sagt ein Mann. „Für mich war immer klar,
       dass Liebe bunt ist“, auch wenn er selbst Hetero sei. Auch er habe am
       Samstag beim CSD gefeiert und getanzt. „Man will darüber reden, aber man
       weiß nicht, was man sagen soll. Denn es ist eigentlich alles gesagt“, meint
       er.
       
       ## Solidarität in anderen Städten
       
       Eine junge Frau steht mit Sonnenbrille vor dem Blumenstreifen am
       Bellevue-Weg. „Mich nimmt es nach wie vor sehr mit“, sagt sie, am Montag
       habe sie sich daher bei der Arbeit auch krankgemeldet. „Die Trauerfeier am
       Brandenburger Tor hängt mir noch nach, es dauert, das alles zu
       verarbeiten“, sagt sie. Es sei wichtig, gerade in so einem Moment queere
       Strukturen zu stärken. „Ich hoffe auch, dass die Community noch stärker
       zusammenfindet in dieser Zeit“, sagt sie.
       
       Seit Sonntagabend kommen Menschen auch in vielen anderen Städten zusammen,
       um der Opfer des Anschlags zu gedenken und Solidarität zu zeigen. Für
       Mittwoch sind [6][Zusammenkünfte etwa in Herne, Rosenheim, Göttingen und
       Detmold] angekündigt. Hamburg steckt mitten in der Pride Week, [7][die
       Stadt bereitet sich auf zwei CSD-Demonstrationen am Wochenende] vor.
       
       Am Brandenburger Tor in Berlin sind die Blumen, die außen liegen, deutlich
       frischer als die im Inneren des großen Herzes. Doch auch die, die in der
       Mitte liegen, sind bisher nur angewelkt, das Gelb der Sonnenblumen und das
       Pink der Rosen ist noch nicht verblichen. Noch lässt sich die Zeit seit dem
       Anschlag in Stunden messen, [8][gerade mal drei Tage ist er her], obwohl
       die Zeit seit Samstagnacht sich für viele viel länger anfühlt.
       
       29 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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