# taz.de -- Bürgermeisterwahlen in Manchester: Manchesters Vergessene
> Am 30. Juli wählt Greater Manchester einen neuen Bürgermeister. Der alte,
> Andy Burnham, ist jetzt britischer Premierminister. Hat Labour eine
> Chance?
IMG Bild: Kluft zwischen Arm und Reich, Bushaltestelle im Zentrum von Manchester
Dass es Bürgermeisterwahlen gibt, weiß die Frau mit den Katzen gar nicht.
Bekleidet mit einem Hidschab füttert die 37-Jährige die Haustiere in ihrem
Vorgarten und muss erst mal auf dem Telefon nachschauen. [1][Andy Burnham],
für den am 30. Juli ein Nachfolger als Bürgermeister von Greater Manchester
bestimmt wird, kennt sie auch nicht.
Der in den 1970er Jahren errichtete Sozialbaukomplex Eldon Street in Oldham
rangierte 2025 an 39. Stelle unter den sozial schwächsten Orten Englands:
enge Gänge zwischen rotem Backstein, ein Auto mit zerstörten Glasscheiben,
überall liegt Müll. „Der Ort hier ist eine Müllhalde“, sagt an der Haustür
gegenüber die 50 Jahre alte Becky. Auf der Terrasse vor ihrem Eingang
stehen ein alter Sessel und ein kaputtes Fernsehgerät. „Die Leute hier sind
von überall“, sagt sie dennoch, „es ist eine Gemeinschaft.“ Ihr Verhältnis
zur Politik fasst sie drastisch zusammen: „Wir sind das seit Jahren im
Schrank vergessene Spielzeug.“
Keine zehn Minuten entfernt steht das frisch sanierte Rathaus von Oldham im
modernisierten Stadtzentrum, die Anlage drumherum sorgfältig bepflanzt,
gleich daneben ein modernes Familienzentrum mit öffentlicher Bücherei. Das
Rathaus und die Anlagen wurden erst letztes Jahr renoviert, erzählt ein
Angestellter. Neu ist auch die Erweiterung des Einkaufszentrums The
Spindles, welches nun dem alten Stadtmarkt ein neues Dach über dem Kopf
gegeben hat. Erst im März dieses Jahres wurde es eröffnet.
Diese Projekte sind gemeindefinanziert. Zudem hat die Region Greater
Manchester unter dem bisherigen Bürgermeister Andy Burnham 70 Millionen
Pfund für ein Sportprojekt in Oldham bewilligt, wo auch paralympischer
Sport stattfinden soll, sowie 331 Wohnungen bauen lassen, 75 davon
Sozialwohnungen. Am Ende sollen 2.000 neue Wohnungen entstehen. Werden sie
einmal Menschen aus der vermüllten Eldon Street ein neues Zuhause geben?
Wer Greater Manchester in Zukunft regiert, könnte für solche Fragen
entscheidend sein. Bleibt Andy Burnhams Labour Party an der Macht und führt
sein Programm fort?
## „Es ist vorbei mit Labour“
Becky wird am 30. Juli nicht wählen gehen. „Ich habe aufgehört, wählen zu
gehen, seit das nur noch mit ID möglich ist“, erklärt sie. Neuerdings muss
man sich beim Wahlgang in Großbritannien ausweisen, aber es gibt in
Großbritannien keine Personalausweise – wer keinen Reisepass oder
Führerschein oder Ähnliches vorzeigen kann, hat ein Problem. Also wählt
Becky seit 2023 nicht mehr.
Wenn sie wählen würde, dann wahrscheinlich Labour, sagt sie. Was hält Becky
davon, dass Burnham jetzt Premierminister ist? – „Das ist gut, weil Andy
für uns ist.“ Damit greift sie den Wahlspruch Burnhams auf, als er im Juni
im Wahlkreis Makerfield außerhalb von Manchester fürs britische Parlament
kandidierte. „Burnham ist aus Manchester. Er versteht, wie wir hier leben“,
sagt sie. Hat sie Wünsche an die Politik? „Die Politik muss die
Gesellschaft gleicher machen“, sagt sie und erklärt, dass sie die Kluft
zwischen Arm und Reich meint.
Die Frau mit den Katzen wird auch nicht wählen gehen. Es ändere ja nichts,
sagt sie. Hat sie eine Lieblingspartei? „Also, meine Bekannten sagen, es
ist vorbei mit Labour, man wählt jetzt grün“, lautet ihre Antwort.
Im Februar gewannen bei einer Nachwahl in der Labourhochburg Gorton and
Denton bei Manchester überraschend die Grünen, getragen von den vielen
muslimischen Wähler:innen, denen sich die Grüne Hannah Spencer als
propalästinensische Stimme verkaufte. „Labour hat die Treue der
muslimischen Wähler missbraucht“, sagt dazu im Stadtzentrum von Oldham der
44-jährige Rechtsanwaltsgehilfe Nahem. Auch er will nicht mehr Labour
wählen.
Ähnliches hört man viel in den sozial schwachen Gegenden. Vor dem
Lancashire Hill Sozialwohnbaukomplex in Stockport sitzen Phillipa Yates,
28, und ihre Bekannte, die nicht namentlich genannt werden will, vor einem
der 22-stöckigen Wohntürme. Sie sind Mütter, Yates hat fünf Kinder, ihre
Bekannte zwei, beide mit Lernstörungen. Sie wollen nicht wählen gehen.
„Labour hat hier nichts verändert“, sagt Yates. Und bei den Grünen wisse
man nicht, woran man sei.
„Die Wohnungen sind in sehr schlechtem Zustand“, erläutert Yates. „Wir
haben eine Mäuseplage und es gibt Schimmel. Unsere Kinder können nicht
draußen spielen, weil hier Drogensüchtige und Alkoholiker abhängen und
überall Scherben und Nadeln herumliegen.“ Auch Haftentlassene seien in der
Nachbarschaft untergebracht. Auf Beschwerden reagiere die Verwaltung nicht.
Yates’ Freundin erzählt, dass die Stadt auf der anderen Straßenseite
„erschwingliche Wohnungen“ bauen ließ, wie das im Amtsgebrauch heißt. Aber:
„Um dort wohnen zu können, musst du genug verdienen, um eine Hypothek
aufzunehmen zu können.“ Laut offizieller Definition darf eine
„erschwingliche Wohnung“ bis zu 80 Prozent des Marktpreises kosten, eine
Sozialwohnung um die 50 bis 60 Prozent. Lancashire Hill stelle deshalb eine
Falle für sie dar, auch wegen der Kinder. Yates will sich in Teilzeit zur
Hebamme ausbilden lassen – aber ihre Sozialhilfe reicht nicht für die Kita
für alle fünf Kinder, da es dafür eine Obergrenze gibt.
Laut einem Bericht der Großregion Manchester von November 2025 hat sich die
soziale Lage von Greater Manchester in Andy Burnhams Amtszeit – er übernahm
das Amt des Bürgermeisters im Jahr 2017 – verschlechtert. Die Region
rutschte demnach von Platz 6 der sozial schwächsten Regionen in England auf
Platz 4 ab. Offiziell liegt das an den Folgen der Covidpandemie. Aber
Burnham brüstet sich gern damit, er habe das besser bewältigt als andere,
und nennt Manchester als Vorbild dafür, was er mit Großbritannien plant.
Fragt man weiße Männer in Oldham oder Stockport auf der Straße, haben viele
nur ein Thema, und zwar eines, über das Burnham nicht spricht. „Es gibt zu
viele illegale Einwanderer“, sagt der 60-jährige Dave in Hyde, das zwischen
Stockport und Oldham liegt. „Dies ist ein christliches Land, kein
islamisches.“ Eine seiner Töchter starb vor Kurzem an Krebs, im Krankenhaus
hätte das Pflegepersonal kaum Englisch gesprochen. Seiner Meinung nach
decke der Antiislamaktivist Tommy Robinson, dem die rechtsextreme Partei
Restore Britain am nächsten steht, die Wahrheit auf.
## Restore-UK-Kandidat an zweiter Stelle
Bürgermeisterkandidat von Restore UK in Manchester ist Marlon West, ein
ehemaliger Krankenpfleger. Seine heute 20-jährige Tochter Scarlett West
flog im Alter von 14 von der Schule, geriet in Abhängigkeit von
pakistanischstämmigen Männern und wurde zur Prostitution gezwungen und
vergewaltigt, auch als sie sich schon in staatlicher Obhut befand und die
Verantwortlichen sie hätten schützen müssen.
Mittlerweile ist aktenkundig, dass in mehreren von Labour regierten
nordenglischen Industriestädten Behörden, Polizei und
Sozialarbeiter:innen bei diesen „Grooming Gangs“ jahrelang nicht
genau hinschauen wollten, um nicht als rassistisch zu gelten. Oder weil sie
glaubten, dass die jungen Opfer – weiße Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen
oder zerbrochenen Familien – selbst schuld seien.
Dieser Skandal hat Labours Ruf schwer beschädigt. Im März musste der
damalige Premierminister Keir Starmer eine weitere unabhängige Untersuchung
anordnen. In Greater Manchester wird diesbezüglich in über 700 Fällen
ermittelt. Für West ist die Sache einfach. „Meine Partei hat zwei
politische Ziele: Massendeportationen und die weitere Untersuchung des
Ausmaßes der Grooming Gangs“, sagt er auf einer Wahlveranstaltung in
Manchester.
Karen, eine 64-jährige einstige Store-Managerin, die gerade in der
Einkaufsstraße von Stockport Pause macht, widerspricht der pauschalen
Rhetorik gegen Einwanderer. Solange Leute rechtschaffen seien, sei es kein
Problem, sagt sie. „Dass so viele Einwanderer hier leben, ist primär unsere
eigene Schuld, nicht die Schuld jener, die von dem Recht Gebrauch machen,
hier zu arbeiten.“ Investitionen in Sozialhilfe, Schulen und
Jugendeinrichtungen für junge Menschen hält sie für viel wichtigere Themen
als Zuwanderung.
Karen ist die einzige Gesprächspartnerin der taz überhaupt, die definitiv
wählen gehen will und auch genau weiß, wen. Obwohl sie früher Labour wählte
und glaubt, dass Andy Burnham als Premierminister sein Bestes versuchen
werde, will sie jetzt den Grünen ihre Stimme gehen. Deren
Bürgermeisterkandidatin Geraldine Coggins wurde 1975 in Irlands Hauptstadt
Dublin geboren. Sie kam erst zum Studium nach Manchester. Heute ist sie
Akademikerin, Aktivistin und seit 2018 Kommunalrätin in Trafford, dem
wohlhabendsten Bezirk von Greater Manchester.
Bei den Grünen gehört Coggins zur alten Garde, für die Umwelt und
Klimapolitik im Mittelpunkt steht. Coggins will 20.000 echte
Sozialwohnungen bauen lassen, propagiert Bürger:innenräte, Mietobergrenzen
und mehr kooperative Initiativen. Sie kritisiert, dass Burnham sich beim
Wohnungsbau zu sehr auf Immobilienunternehmen verlassen habe, weswegen es
nicht genug Sozialwohnungen gebe. Aber sie betont vor allem die
Kilmapolitik. „Ich will, dass Manchester die grünste Stadt unseres Landes
wird.“
Busfahren soll für alle unter 22 Jahre kostenfrei sein. Als Premierminister
verspricht Burnham, den Preisdeckel für Busfahrten von 3 auf 2 Pfund zu
senken, und verweist auf seine Bilanz in Manchester – er hat den
privatisierten öffentlichen Nahverkehr rekommunalisiert. Kostenfreies
Busfahren für Senioren ist in Manchester erst mit 67 Jahren möglich, im
reicheren London schon mit 60. „Weil es teuer ist, kann ich mir es nur
einmal pro Woche leisten, ins Zentrum zu fahren“, sagt Karen aus Stockport.
Der verschönerte Busbahnhof nützt ihr da auch nichts. Die Frührenterin
erzählt, dass sie aufgrund der Lernstörungen ihres Sohnes ihre Arbeit
aufgeben musste, und jetzt, wo er erwachsen ist, wolle sie niemand mehr
einstellen. Deshalb hält sie viel von den Grünen, die ihrer Meinung nach
sozialer denken. Labour traue sie nicht so recht.
Bei einer Meinungsumfrage vor gut einer Woche kam die Grüne Coggings mit 17
Prozent allerdings nur auf den dritten Platz. Labour lag mit 36 Prozent für
ihre Kandidatin Bev Craig klar vorn, zweitplaziert mit 24 Prozent war die
Reform-UK-Kandidatin Sian Astley. Einst für TV-Sendungen über
Hauseinrichtungen und DIY bekannt, bekennt sich die Kandidatin der
rechtspopulistischen Partei von Nigel Farage offen als einstige
Labourwählerin und Nichtpolitikerin, die für Transparenz stehe und keinen
Hass gegen andere verspüre. Doch in den sozialen Medien schiebt sie nahezu
alle Probleme auf die illegale Einwanderung.
## Die Favoritin
Die Favoritin ist also Bev Craig, eine ultimative Labourinsiderin, seit
2021 Chefin der Kommunalbehörde von Manchester und Labourfraktionschefin im
Stadtrat. „Seite an Seite“ mit Burnham stehe sie, sagt sie. Sie ist auch
offen lesbisch, und bei einer Wahlveranstaltung und in einem Interview hat
sie über die Alkoholprobleme ihres Vaters gesprochen. Sie sei in die
Politik gegangen, erzählte sie dort, weil sie niemanden wie sich selber in
der Politik sehe.
Craig verspricht kostenloses Busfahren für alle unter 18 und alle Menschen
mit Behinderung, außerdem 50.000 mehr Sozialwohnungen. Ihre
Wahlveranstaltungen schließt sie mit den Worten: „Weil das Leben für zu
viele weiterhin zu hart ist, will ich vorangehen und mit einer einfachen
Frage Bürgermeisterin sein: Verbessert die eine oder andere Entscheidung
das Leben?“
Aber wo verstecken sich die 36 Prozent, die angeblich Bev Craig und Labour
wählen wollen? Ein Aushängeschild für die Bilanz Andy Burnhams ist Ancoats,
ein ehemaliges Industriegebiet in der Innenstadt von Manchester. Es ist
eine Hochburg der Gentrifizierung: renovierte Altbauten, Straßencafés,
moderne Stahl- und Glaskonstruktionen. Zwar begann der Neuaufbau schon vor
der Ära Burnham, doch er befeuerte die Entwicklung durch Extragelder und
Flächenausweisungen. Hier müsste es vor Labouranhängern nur so wimmeln.
Chloe Light und Chells Robinson, beide 28 und auf dem Nachhauseweg von der
Arbeit, wollen grün wählen. Sie gestehen aber, dass sie weder von Geraldine
Coggings noch von Bev Craig je gehört haben und eigentlich alle Kandidaten
nicht kennen. Ihre Präferenz hat nichts mit Manchester zu tun. Sie wählen
die Grünen, „weil Burnham Israel unterstützt und bereit ist, Ölfelder zu
erschließen, und Trump nach Manchester eingeladen hat“, sagen sie.
Edward, ein 39-jähriger Chirurg im ärmellosen Muskelshirt, weiß noch nicht,
für wen er sich entscheiden wird. „Ich wünsche mir bessere
Dienstleistungen, aber beim Wohnungsbau stört mich, dass oft wenig über
gutes Design nachgedacht wird. Es werden außerdem zu viele Wohnungen für
sozial Schwache überall gebaut“, sagt er. Ihm ist auch die Gemeindesteuer
viel zu hoch.
Ein paar Häuserblocks weiter passt die Anita Street irgendwie nicht ganz in
diesen gentrifizierten Mix. Hier stehen alte Reihenhäuser, nahezu alles
Sozialwohnungen mit Hintergärten. Die ehemalige Maschinenschlosserin
Jessie, 76 Jahre jung, lebt seit 50 Jahren hier. „Früher war es schwer
hier“, erinnert sie sich, „es gab Drogensüchtge, und alles war
heruntergekommen, aber wir waren eine Gemeinschaft!“ Das sei vorbei. Ihre
Nachbarn heute kennt sie nicht. „Die pflegen keinen Kontakt mit uns, fahren
hier mit ihren schnellen Autos rein und leben abgeschottet. Und wenn es
Probleme in der Gegend gibt, kommt von denen keine Hilfe.“
Dann entschuldigt sie sich, dass sie sich jetzt wie eine alte Meckertante
anhöre, aber so sei es nun mal. Und was ist mit der Politik und den
Bürgermeisterwahlen? „Bei mir kam noch nie ein Politiker oder eine
Politikerin vorbei, um zu fragen, was wir denn bräuchten und was sie für
uns tun könnten. Bestenfalls lassen sie ihre Flugblätter da, das ist alles.
Wieso soll ich solchen Leuten meine Stimme geben?“
Schließlich, fast am Ende des Tages, stößt die taz doch noch auf eine
Labourwählerin in Ancoats. Die 34-Jahre alte Make-up-Künstlerin Eloise,
gerade auf dem Heimweg vom Fitnessstudio, kommt aber erst nach langem
Überlegen zu diesem Schluss, und sie kennt die Labourkandidatin auch nicht.
„Labour benahm sich unter Starmer schleimig und schwach und gab jedem
Begehren nach, anstatt mit positiver Stärke und Zuversicht zu regieren“,
sagt sie.
Eloise klagt über die hohen Mieten, die fast so schlimm seien wie in
London. Die Art, wie Burnham ohne demokratisches Verfahren Premierminister
wurde, findet sie auch nicht okay, obwohl es gut sei, dass jemand aus dem
Norden Englands jetzt in 10 Downing Street sitze. Dann analysiert sie
weiter: Die Grünen laufen den Woke-Slogans hinterher, die Tories bleiben
eine Partei für die Reichen, die Liberaldemokraten sind wischiwaschi,
Reform UK und Restore sind extrem rechts.
Da bleibt halt nur Labour übrig. Trotz allem.
30 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
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