# taz.de -- Protest gegen die AfD: „Wir haben kein Vertrauen in eine vermeintliche Brandmauer“
> Am Freitag startet die AfD ihren Wahlkampf für Marzahn-Hellersdorf.
> Antifas halten mit einem Konzert dagegen – und sagen auch SPD und CDU den
> Kampf an.
IMG Bild: Queerer Aktivismus steht in Marzahn-Hellersdorf ebenfalls unter Beschuss
taz: Frau Warkentin, Sie engagieren sich seit Jahren gegen Neonazis in
Marzahn-Hellersdorf. Welche Rolle spielen die Rechten im Bezirk?
Mika Warkentin: Die AfD hat hier bei den letzten Wahlen berlinweit die
größte Zustimmung erhalten, 31 Prozent bei den Zweitstimmen der letzten
Bundestagswahl. Gottfried Curio hat hier 2025 das einzige Direktmandat in
Berlin geholt, bei der letzten Abgeordnetenhauswahl kamen die zwei einzigen
AfD-Direktmandate ebenfalls von hier. Viele der [1][Jungnazis von Gruppen
wie der „Deutsche Jugend Voran“ und die Altnazis vom III. Weg treiben hier
ihr Unwesen]. Erst diese Woche gab es hier einen Brandanschlag auf eine
Geflüchtetenunterkunft. Was soll ich sagen? Die Lage ist beschissen.
taz: Am Freitag startet die AfD ihren Wahlkampf in Marzahn-Hellersdorf mit
einer Kundgebung am Forum Marzahn. Was plant denn die AfD?
Warkentin: AfD-Kundgebungen sind ja ziemlich langweilig. Das sind keine
Mitmachveranstaltungen für Bürger:innen – da gibt’s einen, der sagt was,
die anderen hören zu, und dann gehen sie wieder. Gefährlich ist, wie sie
auf der Bühne wieder ihre nationalistische Propaganda verbreiten werden, um
Steuersenkungen für Reiche durchzudrücken. Man sieht das auch gut im Umgang
der AfD mit dem Volksentscheid Deutsche Wohnen enteignen. Über 55 Prozent
haben im Bezirk dafür gestimmt, die AfD ist natürlich dagegen. Wir wollen
deutlich machen, dass die AfD keine tragfähigen Lösungen für die soziale
Ungleichheit hat, im Gegenteil.
taz: Auf dem Gegenprotest, den Sie mit anderen antifaschistischen
Initiativen aus dem Kiez organisieren, werden Sie auch deutliche Kritik an
der Kürzungspolitik üben. Warum?
Warketin: Unser Ziel ist es, die Lebensbedingungen von unseren
Nachbar:innen und uns zu verbessern. Man sieht ja die [2][aktuellen
Angriffe auf den Sozialstaat] durch die Regierungen im Bund und in Berlin:
Es geht nur noch um Aufrüstung und Sozialabbau. [3][Geflüchtete sollen nur
noch Brot, Wasser und Seife erhalten]. Wenn wir uns krankmelden, wird uns
unterstellt, wir seien faul. Armen wird der Dreck unter ihren Fingernägeln
nicht mehr gegönnt, damit der Ex-Blackrock-Aufsichtsratsvorsitzende
Friedrich Merz den Reichen Geschenke machen kann. Dagegen organisieren wir
uns im Kiez, gegen die Neonazis, aber auch gegen die bürgerliche Politik,
die das Leben für viele Menschen in Marzahn-Hellersdorf immer prekärer
macht.
taz: Bei aller Kritik an den Kürzungen – gegen die Rechtsextremen braucht
es breite Bündnisse bis in die bürgerliche Politik, oder nicht?
Warketin: Wir sind keine Freunde der aktuellen Regierung und haben auch
kein Vertrauen mehr in irgendeine vermeintliche Brandmauer. Dass die nicht
standhält, hat sich in den letzten Jahren mehr als deutlich gezeigt. Bei
unserer antifaschistischen Arbeit vor Ort ist auf die bürgerlichen Parteien
kein Verlass, stattdessen werden die Probleme weggewischt und wir als
Nestbeschmutzer:innen bezeichnet. [4][Sie kürzen bei unseren
Jugendklubs, queeren Projekten und Frauenhäusern] – und dann stellen sie
sich nach dem furchtbaren Anschlag auf den CSD hin und sagen, das sei ein
„Angriff auf unsere Werte“? Das ist ein Hohn in Anbetracht der Politik, die
sie umsetzen.
taz: Was haben Sie vor?
Warketin: Wir werden uns mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln der
AfD entgegenstellen. Vor allem wollen wir aber ein kulturelles und
politisches Gegenangebot schaffen: Auf unserer Kundgebung wird die Band
KAFVKA spielen, als Secret-Acts haben wir heute auch Auftritte von Lara
Hulo, Flaiz und miss audacity angekündigt. Der Plan ist, gemeinsam die AfD
an den Rand zu drängen. Es ist super wichtig, alternative Jugendkultur zu
stärken und zum Beispiel die Projekte der Kinder- und Jugendhilfe zu
verteidigen. Die stehen nämlich schon jetzt enorm unter Druck, auch dank
der Kürzungspolitik von CDU und SPD im Senat. Wenn die AfD hier in der
Bezirkspolitik an die Macht kommt, wird sie noch mehr Trägern die Gelder
streichen, die beispielsweise mit queeren und migrantischen Jugendlichen
arbeiten.
taz: Klappt es inzwischen besser, dass Innenstadt-Antifas die Außenbezirke
unterstützen?
Warkentin: Ich sag’s mal so: Vielen Berliner:innen täte es gut, mal 20
Minuten in die S-Bahn zu steigen, um die Menschen zu unterstützen, die
jeden Tag mit rechter Gewalt zu kämpfen haben. Natürlich gibt es
solidarische Gruppen, die uns unterstützen, aber viele Leute aus der
Innenstadt juckt es einfach nicht. Wir sind der komische Randbezirk, in den
man nicht will, manche haben auch Angst herzukommen. Aber gefährlich wird
es vor allem dann, wenn wir hier wieder mit 30 Leuten und einer Box gegen
die AfD stehen und nicht, wenn mal ein paar Hundert stabile Leute vor Ort
sind. So oder so: Wir sind das ganze Jahr hier, nicht nur bei einem großen
Konzert.
[5][Der Gegenprotest „für eine solidarische Nachbarschaft“] findet am
Freitag (31. Juli) um 17 Uhr vor dem S-Bahnhof Marzahn (Eastgate) statt. Es
gibt eine gemeinsame Anreise vom S-Bahnhof Ostkreuz (16.20 Uhr, Gleis 3).
30 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Nazidemo-in-Berlin/!6131500
DIR [2] /CDU-Angriffe-auf-den-Sozialstaat/!6150530
DIR [3] /Bett-Brot-Seife-Vorstoss/!6040914
DIR [4] /Jugendnetzwerk-Lambda/!6192551
DIR [5] https://stressfaktor.squat.net/node/328447
## AUTOREN
DIR Timm Kühn
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