# taz.de -- Nach dem CSD-Anschlag: Das falsche Versprechen von Sicherheit
> Konservative und Rechte wollen uns glauben machen, mit Fußfesseln und Co
> könne man Anschläge verhindern. Aber wir brauchen eine vernünftige
> Debatte.
IMG Bild: Soll in Zukunft Anschläge verhindern: algorithmische Videoüberwachung am Hamburger Hauptbahnhof
Der CSD-Anschlag war wie jeder Terrorakt auch ein gesellschaftlicher
Kontrollverlust: Das Zusammenleben, wie wir es kennen und für
selbstverständlich erachten, ist für einen Moment auf schreckliche Weise
unterbrochen. Das Vertrauen darin, sich ohne Angst, besonders als queere
Person in einer feiernden Menschenmenge zu bewegen, ist erschüttert.
Das Bedürfnis, dieses Vertrauen und diese Kontrolle wiederzuerlangen, ist
nach einem Terroranschlag groß. Deshalb beschäftigen wir uns fast schon
obsessiv mit der Frage, was falsch gemacht wurde und wer welchen Fehler
gemacht hat und wie man sie in Zukunft vermeiden kann. Wie hätte der
Anschlag auf den Berliner CSD verhindert werden können?
Es sind vor [1][allem die Rechten], die auf diese schwierige Frage schnelle
und einfache Antworten liefern. Noch Regierender Bürgermeister Kai Wegner
(CDU) etwa fordert Fußfesseln, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU)
Präventivhaft, sein Parteikollege Markus Söder schlägt einen vorsorglichen
Führerscheinentzug für Gefährder vor.
Besonders [2][KI-getriebene Überwachungstechnologien] werden von Wegner und
seinen Parteikolleg:innen als Heilsbringer angepriesen: Auf magische
Weise hätten die Algorithmen vorhergesagt, dass Abdul B. einen Anschlag
plant. Mit erweiterten Rechtsbefugnissen hätten die Behörden B. in
Präventivhaft gesteckt und Schlimmeres verhindert.
## Mehr Überwachung, weniger Sicherheit
Man muss kein Kriminalexperte sein, um zu ahnen, das solch ein Vorgehen
nicht für mehr Sicherheit sorgt. Wenn Menschen aufgrund eines
wahrscheinlichkeitsbasierten Algorithmus in den Knast geworfen werden,
trifft es vermutlich einige, [3][die tatsächlich einen Anschlag planen],
aber auch Unschuldige, meist Angehörige ohnehin schon diskriminierter
Minderheiten. Der Pauschalverdacht gehört zur grundlegenden Funktionsweise
algorithmischer Überwachung. Besser lässt sich der Hass auf Staat und
Mehrheitsgesellschaft nicht schüren.
Die bittere Wahrheit ist, hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben.
Einzeltäter wie Abdul B. brauchen nur ein Auto und ein Messer für ihre
grausigen Taten. Aufwendige Planungen, die Spuren hinterlassen, gibt es
nicht. Und der Pool an orientierungslosen und frustrierten jungen Männern,
die sich von extremistischen Ideologien aufstacheln lassen, wird in Zeiten
erodierenden sozialen Zusammenhalts und wachsender gesellschaftlicher
Spaltung immer größer.
Das bedeutet nicht, dass man nichts tun kann und sollte. Doch statt dem Ruf
nach immer mehr staatlicher Überwachung nachzugeben, sollten wir lernen,
mit Unsicherheiten zu leben. Veranstalter:innen und Polizei können
Sicherheitskonzepte überprüfen und optimieren, Sozialarbeit an Schulen kann
verstärkt werden, um auffällige Jugendliche schneller zu erreichen. Auch
mehr Geld für Aufklärungs- und Deradikalisierungprogramme sind sicherlich
hilfreich.
Doch auch diese Maßnahmen können höchstens das Risiko minimieren und sind
keine Garantie dafür, zukünftige Anschläge zu verhindern. Erst wenn wir das
anerkennen, können wir eine [4][vernünftige Debatte] über politische
Konsequenzen führen.
29 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Anschlag-auf-Berliner-CSD/!6199279
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## AUTOREN
DIR Jonas Wahmkow
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