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       # taz.de -- Ist grüner Extraktivismus eine Lösung?: Ökosystem aus dem Gleichgewicht
       
       > Chiles Diktator Pinochet nahm den Indigenen ihr Land. Sie sollten Platz
       > machen für den Rohstoffabbau. Der dient jetzt der Energiewende im Norden.
       
   IMG Bild: Größte Kupfermine der Welt – Chuquicamata in der chilenischen Wüste von Atacama, 2004
       
       Santiago de Chile taz | Riesige Schaufeln haben sich über 1.000 Meter in
       mehr als 100 Jahren in die Tiefe gegraben und einen gigantischen Schlund
       mitten in der Wüste Atacama hinterlassen. Die Grube gehört zum Tagebau
       Chuquicamata, einer der größten Kupferminen der Welt. Sie befand sich lange
       im Besitz eines US-amerikanischen Bergbaukonzerns. 1971 verstaatlichte der
       sozialistische Präsident Salvador Allende den Kupferbergbau – es ist eine
       der wenigen Errungenschaften, die Diktator Augusto Pinochet
       aufrechterhielt. Bis heute befindet sich Chuquicamata im Besitz des
       staatlichen Bergbaukonzerns Codelco.
       
       Das Wort Chuquicamata hat seinen Ursprung in der Sprache der Indigenen
       Aymara, die heute in Chile, Peru und Bolivien leben. Sie wurden Opfer einer
       Kampagne der chilenización („Chilenisierung“) im 20. Jahrhundert, die
       während der Diktatur Pinochets ihren Höhepunkt erreichte. In den Schulen
       und beim Militärdienst sollte ihre kulturelle Identität ausgelöscht werden,
       um sie gewaltsam in die chilenische Nation einzugliedern.
       
       Dort, wo die Indigenen über Jahrtausende friedlich lebten, werden heute
       Rohstoffe abgebaut, um sie in die Welt zu exportieren. Der Bergbau ist der
       wichtigste Wirtschaftszweig Chiles, und er konzentriert sich in den
       Regionen im Norden des Landes: Tarapacá, Antofagasta, Atacama und Coquimbo.
       Chile ist der größte Kupferproduzent der Welt und Kupfer ist das wichtigste
       Exportgut des Landes.
       
       Die Nachfrage boomt. Laut deutschen Rohstoffagentur wird sich der globale
       Kupferbedarf bis 2035 verdoppeln. Das ist auch eine Folge der Energiewende:
       Die Elektrifizierung des Verkehrs, der Ausbau erneuerbarer Energien und des
       Ladenetzes für E-Autos sowie deren Batterien geht einher mit einem
       steigenden Kupferbedarf. Denn Kupfer leitet Strom und Wärme und ist deshalb
       ein zentraler Bestandteil von Kabeln.
       
       ## Schlüsselrohstoff Lithium
       
       Etwa die Hälfte des chilenischen Kupfers wird nach China exportiert. Chile
       exportiert lediglich den Rohstoff, in China wird das Metall
       weiterverarbeitet. Der chinesische Autokonzern BYD ist zum größten
       Elektroautohersteller der Welt aufgestiegen. Auch Deutschland importiert
       Kupfer aus Chile. Hauptabnehmer des Kupfers ist der Fahrzeugbau, gefolgt
       von der Bau- und der Elektronikindustrie. Der deutsche Kupferverband
       bezeichnet Kupfer als „Metall der Energiewende“.
       
       Chile verfügt über einen weiteren [1][Schlüsselrohstoff für die
       Energiewende: Lithium]. Die weltweit größten bekannten Lithiumreserven
       schlummern im Untergrund der Salar de Atacama, einer Salzwüste im Norden
       des Landes. Lithium befindet sich aufgelöst in Salzwasser unter der
       Wüstenerde und wird in riesige Becken gepumpt. Die Flüssigkeit verdunstet
       unter der glühenden Sonne und Lithium bleibt zurück.
       
       Chiles Präsident [2][Gabriel Boric] will in Allendes Fußstapfen treten und
       ein staatliches Lithiumunternehmen schaffen, damit der Lithiumboom mehr
       Einnahmen für den Staat schafft. Bisher haben zwei private Konzerne die
       Abbaulizenzen in der Atacama: der US-Konzern Albermarle und das chilenische
       Unternehmen SQM, dessen Hauptaktionär Pinochets Schwiegersohn ist. Die
       Lizenzen gelten noch für mindestens zehn Jahre, vorher könnte ein
       staatliches Unternehmen – wenn der Gesetzentwurf überhaupt vom Parlament
       angenommen wird – kein Lithium in der Wüste fördern.
       
       Auch das chinesische Unternehmen BYD hat Abbaulizenzen in Chile erworben
       und will außerdem eine Batteriefabrik bauen, die 2025 in Betrieb gehen
       soll. Bisher exportiert Chile Lithium als Rohstoff, produziert aber keine
       Batterien.
       
       ## Energiewende im Norden, Extraktivismus im Süden
       
       Unabhängig davon, ob der chilenische Staat oder ausländische Konzerne
       Lithium im Salar de Atacama fördern, wirkt sich der Abbau auf die Umwelt
       und die indigenen Gemeinden vor Ort aus. Zwar scheint die Wüste auf den
       ersten Blick wie ein Ort ohne Leben zu sein, aber sie beherbergt ein
       komplexes Ökosystem und ist das Zuhause der Indigenen Atacameños oder Likan
       Antai in ihrer eigenen Sprache. Ihre Vorfahren lebten bereits vor mehr als
       10.000 Jahren in den Oasen der Wüste Atacama und passten sich an die
       schwierigen Lebensbedingungen an.
       
       Der Lithiumabbau verschlingt die ohnehin knappen Wasserressourcen in der
       Wüste, das gefährdet die Lebensgrundlage der indigenen Gemeinden und bringt
       das Ökosystem aus dem Gleichgewicht. Der Präsident des Rats der Atacameños,
       Vladimir Reyes, kritisiert Boric dafür, dass er die indigenen Gemeinden
       nicht an der nationalen Lithiumstrategie der Regierung beteiligt und das
       Problem der Wasserknappheit nicht berücksichtigt.
       
       Die Klimakrise hat in den Industrieländern im Globalen Norden, die am
       meisten Treibhausgase verursachen, die Notwendigkeit einer Energiewende ins
       Zentrum der politischen Debatte gerückt. Im Globalen Süden kritisieren
       soziale Bewegungen und Indigene den grünen Extraktivismus in ihren Ländern:
       die Ausbeutung und Aneignung von Natur und Rohstoffen zum Zweck einer
       neoliberalen Energiewende, die Marktinstrumente und technologische
       Innovationen als Lösungen betrachtet.
       
       Auch wenn der Energiesektor auf erneuerbare Energien umstellt und Autos mit
       Verbrennungsmotoren durch E-Autos ersetzt werden – was zweifellos notwendig
       ist –, ändert das nichts an der hohen Nachfrage nach Energie, die die
       kapitalistische Produktions- und Konsumweise verursacht. Und dafür tragen
       die Länder des Globalen Nordens eine besondere Verantwortung – denn sie
       sind es, die am meisten davon profitieren.
       
       ## Die Nachfrage nach Rohstoffen steigt rasant
       
       Die sozialen und ökologischen Kosten ihrer Lebensweise hingegen tragen die
       Länder im Globalen Süden, zu denen Chile gehört. Denn solange der globale
       Energiebedarf nicht sinkt, steigt die Nachfrage nach Rohstoffen weiter. Und
       Rohstoffabbau wirkt sich immer negativ auf die Umwelt aus.
       
       Nur ein paar Beispiele: Kupferhütten verursachen Schwefeldioxid- und
       Arsenemissionen. Für jede Tonne Kupfer entstehen 2,2 Tonnen giftiger
       Abfälle. Diese werden in Chile in 757 Lagern aufbewahrt, mehrere davon in
       unmittelbarer Nähe von Dörfern, die unter den damit verbundenen
       Umweltrisiken leiden. Viele Menschen trinken mit Schwermetallen belastetes
       Wasser. Die Bergbauregion Antofagasta im Norden Chiles hat die höchste
       Lungenkrebssterberate im ganzen Land.
       
       Während der Norden Chiles reich an metallischen Rohstoffen ist, verfügt der
       Süden über eine wichtige erneuerbare Energiequelle: Wind. In den Regionen
       Biobío und Araucanía, wo die indigenen Mapuche leben, sind in den
       vergangenen Jahren mehrere Windparks gebaut worden. Häufig befinden sie
       sich nur wenige Meter von den Wohnhäusern entfernt und die häufig
       ausländischen Unternehmen beteiligen die lokale Bevölkerung kaum an den
       Projekten. Hinzu kommt: Etwa ein Drittel des chilenischen Energieverbrauchs
       geht auf den Bergbau zurück.
       
       Eigentlich verpflichtet die Konvention 169 der Internationalen
       Arbeitsorganisation (ILO), die Chile unterschrieben hat, den Staat dazu,
       die indigenen Gemeinden zu konsultieren, wenn sie von Unternehmen oder
       Projekten betroffen sind. Insgesamt gibt es zehn offiziell anerkannte
       indigene Völker in Chile. Sie leiden besonders unter dem
       [3][Extraktivismus]. Denn sie leben genau an den Orten, an denen es
       besonders viele Rohstoffe und für den Menschen nutzbare Natureigenschaften
       gibt: Wind, Wasser, Metalle.
       
       ## Der Kampf der Indigenen
       
       Nachdem Allende den Indigenen, insbesondere den [4][Mapuche], einen Teil
       ihres ursprünglichen Landes zurückgegeben hatte, enteignete Pinochet es
       wieder. Er verschenkte es oder verkaufte es zu sehr niedrigen Preisen an
       Forstunternehmen. Die Verleugnung der Existenz der Indigenen war
       Bestandteil der Politik der Diktatur. „Es gibt keine Mapuche mehr, weil wir
       alle Chilenen sind“, sagte Pinochet 1979 in Villarica.
       
       Bis heute kämpfen die Mapuche für die Rückgabe ihres Landes, auf dem sich
       heute Forstplantagen und Windparks befinden. Das Unternehmen Arauco, eines
       der größten Forstunternehmen Chiles, baut seinen eigenen Windpark.
       
       Am südlichsten Zipfel von Chile, in Patagonien, soll bald mit Windenergie
       [5][grüner Wasserstoff produziert werden – auch als Beitrag für die
       deutsche Energiewende.] Porsche und Siemens Energy haben eine Pilotanlage
       für die Produktion von E-Fuels gebaut. Auch der Energiekonzern RWE baut
       einen Windpark in Patagonien für die Produktion von grünem Wasserstoff und
       grünem Ammoniak.
       
       ## Chile will grünes Kupfer exportieren
       
       Auch in Patagonien leben Indigene: Die Kawésqar und die Selk’nam. Ihre
       Lebensgrundlage ist das Meer: Viele leben vom Fischfang und der
       Landwirtschaft. Für die Produktion von grünem Wasserstoff wird Wasser
       benötigt. Das ist auch in Patagonien knapp, deshalb wollen die meisten
       Unternehmen Meerwasserentsalzungsanlagen einsetzen. Diese produzieren aber
       tonnenweise konzentrierte Salzlake als Abfall. Und den werden sie
       vermutlich zurück ins Meer schütten, was wiederum dem maritimen Ökosystem
       und letztendlich den Indigenen schaden wird.
       
       Grüner Wasserstoff soll in Chile außerdem dabei helfen, dass der
       Bergbausektor „klimaneutral“ wird. Er soll unter anderem als Kraftstoff in
       Lkws im Bergbau eingesetzt werden. Mehrere Bergbauunternehmen arbeiten
       dafür bereits an Pilotprojekten. So soll Chile in Zukunft beispielsweise
       „grünes“ Kupfer exportieren.
       
       Chuquicamata könnte alsbald „grün“ sein.
       
       12 Sep 2023
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Sophia Boddenberg
       
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