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       # taz.de -- Schlecht bezahlte Arbeit am Bau: „Die auszubeuten, ist einfacher“
       
       > Auf einer Baustelle in Hamburg sind vier Bauarbeiter gestorben. Häufig
       > fehlt am Bau der Arbeitsschutz, sagt eine Arbeitsrechtsexpertin.
       
   IMG Bild: Bauarbeiter nach dem tödlichen Unfall in der Hamburger Hafencity
       
       taz: Frau Thombansen, was haben Sie gedacht, als Sie von dem [1][Unfall auf
       der Baustelle in der Hafencity] erfahren haben? Mehrere Bauarbeiter – erst
       hieß es aus Bulgarien, dann vielleicht doch aus auch Albanien – sind
       gestorben, als ein Gerüst einstürzte. 
       
       Lena Thombansen: Ich hab mich nicht gewundert. Das hätten auch gut Kunden
       von uns sein können. Seit elf Jahren [2][beraten wir europäische
       Arbeitnehmende zum Thema Arbeitsrecht], und viele von denen kommen aus der
       Baubranche. Es gibt bei uns noch eine weitere Beratungsstelle, „Faire
       Integration“. Dort werden Drittstaatsangehörige und Geflüchtete beraten und
       da ist es genauso. Deswegen wissen wir schon seit langer Zeit, dass die
       Arbeitsbedingungen nicht immer gut sind und dass die Leute bei
       Subunternehmern oder Sub-Subunternehmern angestellt sind. Je tiefer in
       dieser Subunternehmerkette ein Bauarbeiter arbeitet, desto schlimmer sind
       in der Regel die Arbeitsbedingungen. Am Ende gibt es oft Firmen, die nur
       Soloselbständige beschäftigen.
       
       Wie sind so ungefähr die Gewichtsverhältnisse, wie viele in der Baubranche
       kommen aus dem EU-Ausland und wie viele von außerhalb Europas? 
       
       Das ist wirklich schwer zu sagen. Wir machen auch Aktionen, wir gehen mit
       der zuständigen Gewerkschaft, der IG BAU, auf Baustellen und verteilen
       Flyer mit Hinweisen, an wen Arbeitnehmende sich wenden können, wenn sie
       Fragen haben oder wenn sie Schwierigkeiten haben. Gerade erst vor ein paar
       Wochen waren wir in der Hafencity, und da war es so, dass wir eine sehr
       bunte Arbeitnehmerschaft gefunden haben, da waren Menschen aus der Ukraine,
       aus Bulgarien, sehr viele Polen, aber auch aus Afghanistan, aus Syrien, das
       ist also wirklich komplett gemischt. Auch Albaner, Griechen waren dabei,
       Ungarn.
       
       Und warum ist das so, dass sie mit [3][Ketten von Subunternehmern]
       arbeiten? Ist das billiger für die Bauherren? Wird da Lohndumping
       betrieben? 
       
       Es gibt natürlich einen tariflichen Mindestlohn, aber der wird auf
       verschiedene Arten und Weisen umgangen. Häufig sprechen wir mit Menschen,
       die erst mal sagen, dass sie ganz zufrieden sind, und wenn man nachfragt,
       sagen sie ja, wir verdienen 20 Euro die Stunde, und wenn man weiter
       nachfragt, kommt heraus: Sie sind Selbstständige, sie müssen ein Gewerbe
       anmelden, was dann im Umkehrschluss bedeutet, dass sie sich auch
       krankenversichern müssten, was sie dann häufig nicht tun, weil sie die
       Gewerbeanmeldung für einen Arbeitsvertrag halten. Oder es ihnen so gesagt
       wurde. Das heißt, sie sind erst mal so lange zufrieden, bis etwas passiert,
       bis sie einen Unfall haben oder krank werden, und dann gekündigt werden,
       oder sie kriegen gar keine richtige Kündigung, ihnen wird nur gesagt, du
       brauchst nicht wiederzukommen.
       
       Welche Arbeiten machen die auf den Baustellen? 
       
       Wir erleben, dass sie häufig für sehr einfache Arbeiten gewonnen werden,
       überspitzt gesagt: für dieses typische Stein auf Stein, wo keine Fachkräfte
       vonnöten sind. Da ist es natürlich einfacher, Arbeitnehmende zu finden, die
       angelernt oder ungelernt sind, die nicht unbedingt einen Berufsabschluss
       mitbringen und wenig Deutsch sprechen, deswegen kennen sie sich wiederum
       auch nicht so gut auf dem Arbeitsmarkt aus und wissen gar nicht, welche
       Rechte ihnen zustehen, was sie machen können und machen müssten. Und die
       auszubeuten, ist natürlich einfacher, das sehen wir in allen Branchen.
       
       Welche Rechte sind das denn, die sie verpassen, geltend zu machen? 
       
       Wenn Sie einen Arbeitsvertrag haben, haben sie ein Anrecht auf
       Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Anrecht auf Urlaub oder Urlaubsgeld, sie
       haben Anrecht darauf, dass ihnen Überstunden ausbezahlt werden oder dass
       sie Überstunden abfeiern können, solche Sachen. Und das wird ihnen häufig
       unterschlagen. Wir erleben oft, dass Leuten gesagt wird, wenn sie krank
       werden, du brauchst gar nicht wiederzukommen, oder dass ihnen gesagt wird,
       heute brauchen wir dich nicht, komm morgen wieder, sodass sie gar nicht den
       Lohn kriegen, der ihnen zustehen würde. Wenn das alles mündlich passiert,
       wird es schwierig, das am Ende zu beweisen.
       
       Aus der [4][Fleischbranche wissen wir], dass die ausländischen Arbeiter oft
       unter abenteuerlichen Umständen untergebracht werden, in Baracken zu völlig
       überzogener Miete, für die ein großer Teil des Lohns draufgeht. Ist das auf
       dem Bau auch so? 
       
       Man kann das nicht pauschal sagen, aber das begegnet uns da auch, dass sie
       in irgendwelche Unterkünften wohnen, für die sie viel zu viel Geld
       bezahlen. Das ist nicht immer so, aber es kommt vor.
       
       Dieses Subunternehmertum öffnet natürlich die Türen für solche
       Ausbeutungsverhältnisse, sie karren die Leute ran und haben sie dann in der
       Hand. Hat es auch Auswirkungen auf die Arbeitssicherheit? Also die
       [5][Häufigkeit von Unfällen]? 
       
       Eigentlich ist es ja so, dass es gerade im Baugewerbe sehr strenge Vorgaben
       für den Arbeitsschutz gibt. Aber wer kein Deutsch spricht, muss natürlich
       auch Anweisungen zum Arbeitsschutz verstehen, und ich habe meine Zweifel,
       ob das so gut funktioniert, ob die Menschen, die die Sprache nicht können,
       auch wirklich alles verstehen, ob es immer eine Übersetzung gibt oder einen
       Vorarbeiter, der die entsprechende Sprache spricht. Das erleben wir schon
       auch häufig, auf großen Baustellen gibt es dann einen Teil, da sind dann
       zum Beispiel türkische Arbeitnehmer, und an der nächsten Ecke sind dann
       Rumänen, und die haben dann einen Vorarbeiter, der die Sprache spricht.
       Aber manchmal eben auch nicht.
       
       Wie es beim Unfall in der Hafencity war, wissen wir noch nicht, da wird ja
       noch ermittelt. 
       
       Ja, aber was mich daran richtig erschüttert hat: Da sind offenbar vier
       Menschen gestorben, einer ist schwer verletzt, und bei allen Informationen
       – zuerst waren es drei Bulgaren, dann doch keine Bulgaren, sondern Albaner
       – war es offenbar nicht möglich, die Identität der beiden anderen zu
       klären. Das finde ich wirklich erschütternd, dass in der ganzen Kette von
       Sub- und Sub-Subunternehmern offenbar nicht klar ist, wer da eigentlich
       gearbeitet hat und wer fehlt. Wie ist das möglich, dass nicht klar ist,
       welche beiden Arbeitnehmer da noch verunfallt sind? Man ist offenbar nicht
       in der Lage zu ermitteln, auf dem Gerüst waren die und die Personen
       eingesetzt, und die sind jetzt nicht mehr da. Das ist schrecklich.
       
       2 Nov 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Unfall-auf-Baustelle-in-Hamburg-Viertes-Todesopfer-geborgen,arbeitsunfall168.html
   DIR [2] https://hamburg.arbeitundleben.de/fairer-arbeitsmarkt/servicestelle-arbeitnehmerfreizuegigkeit/
   DIR [3] /Serbische-Arbeitnehmer-in-Backnang/!5966390
   DIR [4] /Missstaende-in-der-Fleischindustrie/!5681763
   DIR [5] /Arbeitsunfaelle-auf-Baustellen/!5843303
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Daniel Wiese
       
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