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       # taz.de -- Syrien nach dem Sturz von Assad: Ende einer Ewigkeit
       
       > Vor einem Jahr wurde in Syrien das Assad-Regime gestürzt. Um das Land zu
       > einer Demokratie aufzubauen, ist nun auch die Zivilgesellschaft gefragt.
       
   IMG Bild: Menschen feiern den Jahrestag des Sturzes des Assad-Regimes auf dem Umayyad-Platz im Zentrum von Damaskus, am 8.12.2025
       
       Vor einem Jahr überschlugen sich die Ereignisse in Zentralsyrien. Quasi
       über Nacht fiel die jahrzehntelange Assad-Dynastie wie ein Kartenhaus in
       sich zusammen. Heute hält sich der Kriegsverbrecher Baschar al-Assad in
       Moskau auf, fern des Landes, das er und seine Familie in all diesen Jahren
       zugrunde gerichtet hatte. Trotz aller Ungewissheit, die die neue Ära unter
       dem sich an die Macht geputschten Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa und
       seiner HTS-Armee unweigerlich mit sich bringt, stand doch eines fest: Auch
       Ewigkeiten sind endlich!
       
       Vorbei ist das Aushorchen, Drangsalieren und Verschwindenlassen durch den
       syrischen Gemeindienst, vorbei die Checkpoints des Regimes, die stets mehr
       mit Willkür statt Rechtsstaatlichkeit agiert haben. Vorbei auch [1][das
       berüchtigte Foltergefängnis in Sednaya], dessen Türen aufgebrochen wurden
       und Tausende Inhaftierte endlich Jahre und teils Jahrzehnte der Dunkelheit
       hinter sich lassen konnten. Millionen Syrer:innen feierten in den
       Straßen und auf den Plätzen einen neuen Anfang.
       
       Möglich wurde so auch, dass wir als medico international erstmals unsere
       Partner:innen vom Syrian Center For Legal Studies and Research in
       Damaskus treffen konnten. Ganze zehn Jahre lang unterstützten wir sie da
       bereits, konnten aufgrund gemeinsamer strikter Sicherheitsvorkehrungen aber
       nur sehr eingeschränkt und über Dritte kommunizieren. Mit ihnen bewegte ich
       mich im Januar inmitten der kalten und nach Gewalt riechenden Wände von
       Sednaya. Die Anwält:innen hatten zuvor unzählige Akten, Dokumente und
       Notizen aus dem Gefängnis gerettet, um so den nun wichtigen Aufklärungs-
       und Wahrheitsfindungsprozess zu garantieren. Es waren emotionale Momente
       für mich, diesen emblematischen Ort des Assad-Regimes zu betreten.
       
       Seit 2011 engagiert sich medico international in Syrien – zunächst dort, wo
       der Aufstand gegen das Regime die staatlichen Strukturen verdrängt hatte
       und mit medizinischer Nothilfe für Menschen, die zwischen den Frontlinien
       überleben mussten. [2][Später kamen in Idlib inoffizielle Schulen hinzu],
       getragen von dem Anspruch, trotz Krieg und Repression den Kontakt zu
       unbewaffneten zivilgesellschaftlichen Initiativen nicht abreißen zu lassen.
       
       Dort, wo das Regime keinen Zugriff hatte, ließ sich tatsächlich etwas
       bewegen. In Idlib etwa gründeten feministische Aktivistinnen ein
       Frauenhaus, im Nordosten entstand mit dem Aufbau der kurdisch geprägten
       Selbstverwaltung der Kurdische Rote Halbmond, der zu einer zentralen
       Gesundheitsorganisation für die Selbstverwaltung heranwuchs.
       
       In Rojava, wie der syrische Nordosten auch genannt wird, mischte sich die
       Freude über den Sturz Assads von Beginn an mit [3][Sorgen über die neuen
       Machtverhältnisse und die Zukunft der Selbstverwaltung]. Schließlich wurden
       im Zuge des Vormarschs der Armee 100.000 Kurd:innen aus dem Kanton Afrin
       von türkeinahen Milizen gewaltvoll vertrieben. Bis heute leben viele von
       ihnen unter unwürdigen Bedingungen in Notunterkünften – verzweifelt über
       die fehlende Perspektive.
       
       Während sich in vielen Teilen Syriens zivilgesellschaftliche Netzwerke
       bildeten, um ein freies Syrien von unten aufzubauen, bestätigten sich
       parallel Befürchtungen vor dem Einfluss islamistischer Milizen. Die HTS hat
       ihr Umfeld nicht vollständig unter Kontrolle oder ist zu eng mit ihm
       verbündet. Die Massaker an den Alawit:innen in Latakia im März, die
       Übergriffe auf die drusische Bevölkerung in Suweida im Juli und weitere
       Gewalt in anderen Städten zeigen die Fragilität der Lage.
       
       Ein Jahr nach dem Sturz Assads steht Syrien vor immensen Herausforderungen.
       Die Übergangsregierung, belastet durch politische und wirtschaftliche
       Krisen, islamistischen Einfluss und eine fragmentierte Gesellschaft, zeigt
       bislang nur begrenzten Willen, eine echte Übergangsjustiz einzuleiten.
       Gewalt hält an, Täter bleiben überwiegend ungestraft, das Schicksal der
       Verschwundenen bleibt ungeklärt. International erfährt der einst auf einer
       Terrorliste stehende Ahmed al-Scharaa rege Anerkennung, allen voran von den
       autoritär regierten USA und weiteren westlichen Regierungen.
       
       Um die in den Gebieten der Selbstverwaltung in den letzten zwölf Jahren
       erkämpften Rechte nicht zu verlieren, stehen Vertreter:innen der
       Syrischen Demokratischen Kräfte von Beginn an in Verhandlungen mit der HTS.
       Es geht ihnen vor allem darum, Frauenrechte, kulturelle Rechte und eigene
       demokratische Institutionen zu sichern – als Teil eines inklusiven Syriens.
       
       Gleichzeitig braucht es Raum für jene Stimmen, die umfassende
       Autonomieprojekte der Minderheiten ablehnen und sich für ein geeintes
       Syrien aussprechen. Gegenseitige Anerkennung und Respekt sind hierbei
       entscheidend. Die Zivilgesellschaft spielt dabei eine Schlüsselrolle – jene
       Menschen, die sich in den letzten Monaten in Damaskus, Homs, Aleppo oder
       Idlib solidarisch mit den Betroffenen der Gewalt zeigten, Hilfe
       organisierten und sich für ein plurales Syrien einsetzen.
       
       Zum Jahrestag hält nun auch der langjährige medico-Partner Right Defense
       Initiative, eine kurdische Menschenrechtsorganisation aus Qamişlo, in
       Damaskus den Abschluss einer landesweiten Verständigung zwischen
       Stammesführern, arabischen Feministinnen, kurdischen NGOs, syrischen
       Institutionen und Regierungsvertreter:innen beider Seiten ab. Die
       Beharrlichkeit ihrer Hoffnung an einen gemeinsamen Versöhnungsprozess ist
       bewundernswert – und ist der Garant für die Gewährleistung eines neuen
       Syriens.
       
       9 Dec 2025
       
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   DIR Anita Starosta
       
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