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       # taz.de -- Todestag von Freddie Mercury: Der letzte Auftritt
       
       > Vor 19 Jahren starb Queen-Sänger Freddie Mercury an Aids. Die taz
       > veröffentlicht aus dem Nachlass der Popkritikerin Ingeborg Schober eine
       > Hommage an den Popstar.
       
   IMG Bild: Rockstar, Diva und der erste prominente HIV-Tote der Popmusik: Freddie Mercury bei einem Auftritt in London im Jahr 1986.
       
       Was die sachliche Radiostimme morgens um 6.00 verkündete, wusste ich
       bereits. Freddie Mercury war tot. Gestorben an Aids. Ich umklammerte die
       Manuskriptseiten, an denen ich die ganze Nacht gearbeitet hatte, wie schon
       so viele Nächte zuvor, als ob sie mir jemand entreißen wollte.
       
       Ich starrte auf den ungeordneten Stapel von beschriebenen Seiten, Notizen,
       Interviewkassetten, Fotos und Briefen, die um mich herum auf dem Bett, dem
       Schreibtisch und dem Fußboden verstreut lagen. Und begann, sie mechanisch
       und sinnlos zu ordnen. Ich wollte nicht an seinen Tod denken und hörte
       dennoch ununterbrochen das Echo der Meldung:
       
       "London - gestern, kurz vor Mitternacht, verstarb der international
       bekannte Rockstar Freddie Mercury an Aids. Der Sänger, der seit Jahren
       gegen die Krankheit kämpfte, bekannte sich erst kurz vor seinem Tod zu
       seinem Leiden. Mit Freddie verliert die Rockwelt einen ihrer großen Stars
       …"
       
       Vorsprechen in Kensington 
       
       Ich saß auf dem Bett und betrachtete ein Foto. Freddie vor 25 Jahren bei
       einem seiner ersten Konzerte: jung und wild, animalisch, viril und
       provokant, stolz und arrogant, voller Energie und Hunger auf Erfolg. Auf
       der Rückseite stand eine persönliche Widmung: "Niemand, der mich einmal
       live gesehen hat, wird mich je vergessen können. Auch du nicht. Love
       Freddie!" Wie recht du doch hattest, Freddie, obwohl ich damals bei dieser
       ersten Begegnung nach dem Münchner Konzert nur lachen konnte über diese
       anmaßende und größenwahnsinnige Prophezeiung.
       
       Vor drei Monaten war ich nach London gereist, hatte mein letztes Geld dafür
       zusammengekratzt. "Freddie ist schwer krank, aber er will nicht, dass die
       Leute es erfahren", hatte mir ein Freund erzählt.
       
       "Was willst du von mir?", fragte Freddie misstrauisch und abweisend, als
       ich nach unzähligen Telefonaten, Gesprächen und Briefen schließlich in
       seinem Haus im vornehmen Londoner Stadtteil Kensington vorsprechen durfte.
       "Dein Leben", erklärte ich beklommen und provozierend zugleich. "Das gehört
       mir schon lange nicht mehr", lachte er mich aus. "Doch den kleinen Rest,
       der mir geblieben ist, werde ich mit niemandem teilen. Scher dich zum
       Teufel!"
       
       Und damit stand ich wieder vor der Tür seiner Prachtvilla voller
       Kostbarkeiten, in der früher nachts fast ununterbrochen ausgelassenes Leben
       tobte und jetzt nur noch das Ticken der Todesuhr zu hören war. "Lieber
       Freddie", schrieb ich draußen auf den kalten, marmornen Treppen, "du hast
       mich missverstanden. Ich bin hierhergekommen. Um deine innersten Gedanken,
       deine persönlichen Erinnerungen, deine Ängste und all das aufzuzeichnen,
       was nur mit deinem Einverständnis möglich ist. Wenn wir es nicht gemeinsam
       machen, wird es irgendwann, sehr bald nach deinem Tod jemand machen, der
       sich nicht an die Wahrheit hält."
       
       Ich schrieb meine Telefonnummer dazu, schob den Brief unter dem schweren
       Portal durch und machte mich auf den Weg zurück nach Brixton, wo ich bei
       Freunden untergekommen war.
       
       Es vergingen zwei deprimierende Tage in der Wohngemeinschaft meiner
       schwulen und arbeitslosen Freunde, deren Überlebenszynismus kaum zu
       ertragen war. Dann hielt ein rauchgrauer Rolls-Royce vor unserer Haustür,
       und ein livrierter Chauffeur brachte den Brief: "Heute Abend um 18 Uhr."
       
       Immer, wenn ich kam - und manchmal blieb ich die ganze Nacht -, hatte sich
       Freddie sorgfältig geschminkt und in Schale geworfen. Lange Zeit spielte er
       mir die medienerprobte Superstarrolle vor, eine Diva, hinter der
       schützenden Maske des Profis versteckt. Manchmal lachten wir sehr viel,
       lästerten über die Musikbranche, machten uns über die damaligen Ideale und
       auch über die Idole lustig, über Mode und Frisuren. Doch all das täuschte
       nicht darüber hinweg, dass Freddie immer schwächer, es für ihn immer
       anstrengender wurde, die Fassade aufrechtzuerhalten. Doch das Thema Aids
       blieb ein Tabu.
       
       Eine Aura des Toten 
       
       Bald hatte ich bei ihm einen festen Schlafplatz, einen Jugendstildiwan im
       Salon, der an sein Schlafzimmer grenzte, hatte gelernt, mit seinen
       Medikamenten umzugehen, den Arzt oder die Ambulanz zu rufen und dabei nicht
       nur äußere, sondern auch innere Ruhe zu bewahren. Ich hatte mich in
       Freddies Leben eingeschlichen. Endlich hatte ich die Geschichte meines
       Lebens, auf die ich so lange gewartet hatte. Freddies Vergangenheit war
       meine Zukunft, sein Tod mein Leben. Unser Schicksal war miteinander
       verknüpft. Sein Tod würde mein Erfolg sein, den ich kaum mehr erwarten
       konnte. Meine Gewissensbisse ertränkte ich in einer Mischung aus Champagner
       und journalistischem Ehrgeiz.
       
       "Woher weißt du das? Du bist doch nicht dabei gewesen!" "Doch. Du erinnerst
       dich bloß nicht an mich. Ich war von Anfang an mit dabei. Da ein Konzert,
       dort eine Tournee, hier ein Interview, dann wieder eine Party zur
       Verleihung einer Platinplatte. Du im Rampenlicht, ich irgendwo im Saal."
       Kurz darauf bekam er einen cholerischen Anfall und setzte mich vor die Tür.
       Tagelang hörte ich nichts mehr von Freddie. Er wollte in Ruhe sterben.
       
       Es war bereits weit nach Mitternacht, als einer seiner wenigen eingeweihten
       Freunde in unserem Haus in Brixton auftauchte. "Freddie will dich sehen -
       sofort!" Sein Anblick schockierte mich. Hatte ich mich davor bereits an
       seinen durch die Krankheit schwer gezeichneten Körper gewöhnt oder hatte
       sich sein Zustand so extrem verschlechtert? Zum ersten Mal sah ich die
       erschreckende Metamorphose eines Kraftbündels, das sich mittlerweile in ein
       fast transparentes Wesen verwandelt hatte. Eingefallen, zerbrechlich,
       lebend und doch mit einer Aura des Todes umgeben. Er saß in einem
       Rollstuhl. Und er trug kein Make-up. Die tief in die Augenhöhlen
       zurückgetretenen Augen, einstmals sprühend und gnadenlos prüfend, blickten
       mich matt und müde und ohne Regung an.
       
       "Komm her, Darling, ich muss dir was erzählen", meinte er zärtlich. Kaum
       saß ich neben ihm, da brüllte er mich an: "Du bist hinter meiner Seele her.
       Meinem Geld. Nichts, hörst du, nichts wirst du dafür bekommen, dass du auf
       meinem Bettvorleger auf die Sensation lauerst." Auf und ab, hin und her,
       aber ich war wieder im Spiel. Eines Morgens machte er er sich sehr früh
       zurecht, schrie mich an: "Wo ist der Anzug, den Bobby neulich gebracht hat?
       Warum ist die Make-up-Tante noch nicht da?" Freddie hatte beschlossen, ein
       Video zu einem Song des neuen Albums "Innuendo" zu drehen. Ich wollte es
       nicht glauben. Die Nacht zuvor war zweimal der Arzt gekommen.
       
       Freddie litt unter Atemnot, konnte nichts essen. Doch er beschämte mich
       durch seine ungebrochene Stärke und Disziplin. "Und du kommst mit! Die Show
       geht weiter. Das wolltest du doch, oder?" Als wir das Videostudio betraten,
       drückte ich ihm eine kleine Silberkette mit Kreuz in die Hand. Meine
       Großmutter hatte sie mir geschenkt, kurz bevor sie starb. "Freddie, sie
       soll dir alle Kraft der Welt geben." Er strafte mich nur mit einem
       verächtlichen Blick. Die Dreharbeiten für das Video hatten ihm die letzten
       Kräfte abverlangt. Es war Freddies letzter großer Auftritt. Und er
       investierte all das, was er eigentlich nicht mehr zur Verfügung hatte.
       
       Als wir spätnachts ins Haus zurückkehrten, bat er mich, das Kaminfeuer
       anzumachen. Er fror erbärmlich. "Das wars", sagte er, ohne mich anzusehen.
       Ich schlich mich auf den Zehenspitzen davon wie ein Dieb in der Nacht, denn
       ich schämte mich. Ich war zu einer billigen Klatschreporterin abgerutscht,
       die auf die übelsten Sensationen lauerte. Ich reiste ab.
       
       Am 23. November 1991, einen Tag vor seinem Tod, gab Freddie per
       Pressemitteilung bekannt, an der Immunschwäche Aids zu leiden. Ich saß
       immer noch auf meinem Bett und starrte auf die Manuskripte. Auf dem
       Fernsehschirm erschien nun ebenfalls die Todesnachricht von Freddie. Und
       dann zeigten sie sein letztes Video. Mit der allerletzten Kraft eines vom
       Tod Gezeichneten tanzte er makabre Pirouetten und grinste unverschämt in
       die Kamera. Um seinen Hals baumelte das silberne Kettchen mit dem Kreuz
       meiner Großmutter. Ich warf meine Aufzeichnungen in den Müll.
       
       24 Nov 2010
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ingeborg Schober
       
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