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       # taz.de -- Vermeintliche Flyer von Wintershall Dea: „Abkehr vom Gasgeschäft“
       
       > Fake-Flyer mit Logos von Wintershall Dea suggerierten, der Konzern wolle
       > Gewinne aus dem Russland-Geschäft an die Bevölkerung abgeben. Was ist
       > dran?
       
   IMG Bild: Zeitgleich protestieren in Berlin die Deutsche Umwelthiilfe und die Organisation Urgewald, 25. Oktober
       
       Freiburg taz | Dick aufgetragen, aber kreativ: Eine Kasseler Initiative
       brachte am Dienstag eine vermeintliche Pressemitteilung des [1][Öl- und
       Gaskonzerns Wintershall Dea] in Umlauf. Danach sollte das Unternehmen
       beschlossen haben, seinen gesamten Halbjahresgewinn an die Einwohner der
       Stadt Kassel auszuschütten, damit diese „unbeschwert durch den Winter
       kommen“. Im Rahmen eines „bundesweit bislang einmaligen Pilotprojekts“ gebe
       es nun 7.500 Euro pro Kopf der Bevölkerung. Zuvor waren auch schon Flyer
       ähnlichen Inhalts in Kassel aufgetaucht.
       
       Die fiktive Pressemitteilung enthielt darüber hinaus eine umweltpolitische
       Botschaft: Wintershall Dea plane eine „strategische Neuausrichtung auf
       nachhaltige Fernwärme und Abkehr vom Gasgeschäft“. Alle Mitarbeiter würden
       umgeschult. Weltweit würden künftig „keine neuen Öl- und Gasprojekte mehr
       begonnen“. Es stehe zudem der „Rückbau der umstrittenen Fracking-Projekte
       in Argentinien“ an, und auch „die durch Ölunfälle im Eis gefährdete
       Arktis-Sparte“ solle „schrittweise abgewickelt“ werden.
       
       Wintershall Dea erklärte daraufhin, in der Stadt der weltweit bedeutendsten
       Ausstellung für zeitgenössische Kunst, der Documenta, seien zwar „Kunst und
       kreativer Protest zuhause“, mit den Fake-Flyern und der
       Fake-Pressemitteilung verletzten die bislang unbekannten Urheber allerdings
       Grenzen. Hätten sie doch unerlaubt das geschützte Unternehmenslogo genutzt,
       um falsche Informationen zu verbreiten: „Daher behalten wir uns rechtliche
       Schritte gegen die Verantwortlichen vor.“
       
       Mit der fingierten Mitteilung nichts zu tun haben wollen die
       Umweltorganisationen Urgewald und Deutsche Umwelthilfe (DUH), wie beide
       auf Nachfrage erklärten. Beide hatten zeitgleich mit der Guerilla-Aktion
       den Gaskonzern auf dem üblichen Weg – also mit eigenen Pressemitteilungen –
       aufgefordert, seine Russlandgeschäfte sofort zu beenden. Wintershall Dea
       trage „mit einem Großteil seiner Geschäfte zur Finanzierung von Putins
       Machtapparat bei“. Das Unternehmen habe in den ersten drei Quartalen dieses
       Jahres 320 Millionen Euro Steuern an den russischen Staat gezahlt.
       
       ## „Hinfällig gewordene Ausreden“
       
       Sonja Meister, Energie-Kampaignerin von Urgewald, legte dem Konzern nahe,
       er möge „alle diesjährigen Profite aus dem Russlandgeschäft für den
       Wiederaufbau der Ukraine zur Verfügung stellen“. Sascha Müller-Kraenner,
       Bundesgeschäftsführer der DUH, sagte, die „Ausreden“ des Unternehmens,
       seine Öl- und Gasgeschäfte in Russland dienten der Versorgung Europas,
       seien „mit der Zerstörung von drei Strängen der Nord Stream-Pipelines
       endgültig hinfällig geworden“. Es gehe „allein um blutige Profite für
       Wintershall Dea und das russische Staatsunternehmen Gazprom, mit dem
       Wintershall Dea gemeinsam produziert“.
       
       Der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Mario Mehren, verkündete am Dienstag
       für das dritte Quartal einen Nettogewinn von 851 Millionen Euro
       (Vorjahreszeitraum 234 Millionen). Er sagte, der russische Angriffskrieg
       gegen die Ukraine sei auch für sein Unternehmen ein Wendepunkt gewesen.
       Innerhalb weniger Tage nach Kriegsbeginn habe man sich gegen neue Projekte
       in Russland entschieden; es gebe keine Basis mehr für
       Wirtschaftsbeziehungen, weil das Land in jeder Hinsicht unberechenbar
       geworden sei.
       
       „Wir prüfen nun, ob das internationale Geschäft der Wintershall Dea
       rechtlich von unserem Russlandgeschäft getrennt werden kann“, so Mehren.
       Wintershall Dea gehört zu 72,7 Prozent dem Chemiekonzern BASF und zu 27,3
       Prozent der Investorengruppe Letter One [2][des russischen Milliardärs
       Michail Fridman, der auf der EU-Sanktionsliste steht].
       
       Unterdessen haben sich die Kasseler Urheber der angeblich von Wintershall
       stammenden Pressemitteilung noch nicht geoutet. Das dürfte sich am
       kommenden Samstag ergeben. Dann nämlich werden um 14 Uhr am Platz vor dem
       Kongress Palais, direkt neben der Firmenzentrale, vorgeblich die „Anträge
       für das Gasgeld ausgegeben“ – im Rahmen eines „Herbst-Events“.
       
       25 Oct 2022
       
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