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       # taz.de -- Zwei Jahre russischer Angriffskrieg: Was, wenn Putin gewinnt?
       
       > Wenn Russland seine Kriegsziele erreicht, wäre die Ukraine Geschichte und
       > Freiheit nur noch ein Wort. Das zu verhindern ist im Interesse des
       > Westens.
       
   IMG Bild: Existenzielle Bedrohung durch den vielleicht gefährlichsten Diktator der Gegenwart: Wladimir Putin, hier beim Russland-Afrika Gipfel in St. Petersburg, Juli 2023
       
       Haben Sie sich jemals gefragt, wie unser Leben aussehen würde, wenn Putin
       den Krieg gegen die Ukraine gewinnt? Nicht das Leben der Ukrainer*innen,
       sondern das aller anderen? Im Fall der Ukrainer*innen wäre alles klar:
       Sie werden einfach aufhören zu existieren und diejenigen, die überleben,
       wird das russische Regime – ganz gleich, ob Putin selbst oder jemand
       anderes regiert – zu neuen richtigen Russen*innen machen.
       
       Zuvor aber würde Blut in Strömen über die ukrainische Schwarzerde fließen
       und in Parks und Wäldern würden Massengräber entstehen, in denen viele
       Ukrainer*innen verscharrt wären, die bis zum letzten Atemzug Widerstand
       gegen die Besatzer geleistet haben. Wie aber würde die Realität derer
       aussehen, die dies zugelassen haben, weil sie naiv glaubten, dass sie die
       Folgen dieser Katastrophe nicht treffen würden?
       
       Auch ihr Leben würde sich stark verändern – nicht zum Besseren. Es würde
       wahrscheinlich kein Massengrab im Berliner Tiergarten geben, doch [1][Morde
       wie der an Selimchan Changoschwili] wären wohl Routine. Wenn das heutige
       Russland seine Vorherrschaft in Europa durchsetzte, würden die
       Freiheitsrechte, die für die Europäer*innen seit Langem
       selbstverständlich sind, nur noch eine nostalgische Erinnerung sein.
       
       Denn [2][ein vorgestriges Patriarchat, traditionelle Familienwerte], Zensur
       von Sprache und Gedanken sowie Polizeigewalt würden die neue Realität
       darstellen. Doch eine derartige Entwicklung erscheint den meisten Menschen
       immer noch aberwitzig.
       
       ## Die Realität zu spät erkannt
       
       Viele Jahre lang haben auch die meisten Ukrainer*innen naiv geglaubt,
       dass ein Land wie Russland sie niemals angreifen würde, weil sie so viele
       Gemeinsamkeiten hätten. Doch die barbarischen Verbrechen der Russen –
       [3][Butscha ist nur eines der Beispiele] – zeigen, dass das Unmögliche
       möglich ist.
       
       Jahrzehntelang haben sich die Ukrainer*innen immer stärker in eine
       wirtschaftliche Abhängigkeit zu Russland begeben. Sie haben zugelassen,
       dass antiukrainische Gruppen im Land immer lauter wurden, ihr
       Informationsraum unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit manipuliert
       wurde und korrupte Politiker die eigene Armee ruinierten.
       
       ## Die Ukraine als Blaupause
       
       All das hat dazu geführt, dass Russland glaubte, die Ukraine sei geschwächt
       genug, um sie in drei Tagen zu erobern. Aber ist es nicht genau das, was
       das russische Regime heute in westlichen Ländern tut? Populist*innen, linke
       und rechte Extremist*innen unterstützen, Gesellschaften von innen
       heraus polarisieren, Propaganda und Desinformation verbreiten und
       wirtschaftliche Abhängigkeit von billigen Energielieferungen schaffen?
       
       „Das ist nicht unser Krieg“, ist an Hauswänden in Berlin zu lesen. Genau
       das ist das Ziel des autoritären russischen Regimes: Chaos und Misstrauen
       säen und die Illusion erzeugen, dass die westlichen Gesellschaften sich
       nicht einmischen und die Ukraine nicht finanziell unterstützen sollen. Denn
       das schade nur ihrem Wohlstand, und sie selbst hätten nichts davon.
       
       Die Realität ist jedoch, dass jede Investition in die Ukraine jetzt vor
       allem eine Investition in das eigene Wohlergehen ist. Die Ukrainer*innen
       verteidigen nicht nur sich selbst und die Demokratie, sondern auch
       diejenigen, die deren wahren Wert noch nicht erkannt oder bereits wieder
       vergessen haben.
       
       [4][Dabei braucht die Ukraine dringend Hilfe]. In diesem Krieg geht es um
       alle, die Freiheit schätzen, unabhängig von ihrer Herkunft und der Farbe
       ihres Passes. In einer Welt, die kurz davor steht, ins finsterste
       Mittelalter zurückzufallen, bleibt nur wenig Zeit, um im Paradigma „Unser –
       nicht unser“ zu denken.
       
       ## Demokratische Welt in Gefahr
       
       Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 schien die Zeit der Diktaturen
       vorbei und die der Demokratien angebrochen. Mehr als dreißig Jahre später
       sieht sich die demokratische Welt einer existenziellen Bedrohung durch den
       vielleicht gefährlichsten Diktator der Gegenwart gegenüber – Russlands
       Präsidenten Wladimir Putin.
       
       Nach zwei Jahren brutaler Invasion in der Ukraine ist das autoritäre
       Russland so stark wie eh und je, während die liberalen Demokratien
       schwächer werden. Die Geschwindigkeit, mit der alles auf einen Abgrund
       zusteuert, müsste selbst die Tapfersten erschrecken. Obwohl inzwischen
       Dutzende ukrainische Städte durch russische Bomben zerstört und
       [5][Tausende Menschen in ihren Häusern getötet wurden], haben viele immer
       noch nicht verstanden, wie real die russische Bedrohung ist.
       
       Die zivilisierte Welt kann nicht gegen einen Diktator verlieren – dieses
       Axiom sollte allen Zweiflern klar sein. Die Ukraine zahlt jetzt den
       höchsten Preis für ihre Freiheit, sie zahlt mit dem Leben ihrer Kinder,
       Frauen und Männer. Denn die Ukrainer*innen haben begriffen, was
       passiert, wenn man jemanden wie Putin gewinnen lässt. Die russische
       Besatzung bedeutet für sie Massenverhaftungen, [6][verschleppte und
       russifizierte Kinder], das Verbot der ukrainischen Sprache und Kultur. Das
       Ergebnis ist die Vernichtung der Ukraine als Land und der Ukrainer*innen
       als Nation.
       
       ## Exempel für Autokraten
       
       Wenn Russland in der Ukraine gewinnt, wird sich die Spirale der Gewalt in
       der ganzen Welt weiterdrehen. Putin wird mit seinem Sieg ein Exempel für
       andere Autokraten statuieren. Die liberalen Demokratien werden endgültig
       diskreditiert und die Maxime „Wer die meiste Macht hat, hat das Recht“ wird
       zur neuen Norm.
       
       Auf dem Schlachtfeld in der Ukraine werden neue Regeln für die Weltordnung
       aufgestellt, die alten haben am Morgen des 24. Februar 2022 aufgehört zu
       funktionieren. Dies geschah zum Teil, weil man es zuließ. Aber es bleibt
       noch etwas Zeit, um die totale Katastrophe zu verhindern.
       
       Die Unterstützung der Ukraine ist heute keine Frage der Wohltätigkeit. Es
       geht nicht darum, die Gewalt durch Waffenlieferungen zu verstärken, sondern
       sie so schnell wie möglich zu beenden. Denn paradoxerweise können Waffen
       Leben retten.
       
       ## Russlands Militärkraft schwächen
       
       Unzählige Menschenleben wurden bereits durch deutsche Gepard-Panzer oder
       amerikanische Patriots gerettet, die russische Drohnen und Raketen vom
       ukrainischen Himmel geholt haben. [7][Bei den Taurus-Raketen] und den
       F-16-Kampfflugzeugen geht es nicht um Eskalation, sondern um die
       Reduzierung der militärischen Fähigkeiten Russlands. Wer diese Hilfe
       verzögert oder infrage stellt, erhöht die Zahl der täglich getöteten
       Ukrainer*innen und rückt den Krieg näher an die eigenen Grenzen.
       
       Putin zu stoppen ist im Interesse aller, es ist eine Investition in das
       Leben künftiger Generationen. Denn andere Autokratien nehmen sich ein
       Beispiel an Putin und spotten über die Unentschlossenheit des Westens.
       Autokratien sind nicht nur stärker geworden, sie lernen auch schnell
       voneinander und bilden Allianzen, die manchmal viel effektiver sind als
       demokratische Koalitionen. Die freie Welt darf weder an ihren Werten
       zweifeln noch ihre Zukunft aufs Spiel setzen. Eine Welt, die von
       Autokratien beherrscht wird, wäre für alle, außer den Autokraten selbst,
       unerträglich.
       
       ## Wladimir Putin überwinden
       
       Jetzt ist der entscheidende Moment, in dem wir aufhören müssen, Angst zu
       haben. Der einzige Weg, Putin zu stoppen, ist, ihn zu überwinden. Und das
       können wir nur gemeinsam. Alle anderen Kompromisse verschaffen nur eine
       Atempause vor einem neuen Angriff.
       
       Wenn der Westen beschließt, die Ukraine an Putin auszuliefern, weil er
       glaubt, damit eine globale Katastrophe verhindern zu können, dann ist das
       eine Illusion. Die Beschwichtigung des Aggressors ist nur vorübergehend.
       Wenn er verdaut hat, was er bekam, und wieder zu Kräften gekommen ist, wird
       er wieder zuschnappen, mit größerer Kraft und größerem Appetit.
       
       Das ist die Geschichte, die die Europäer*innen zu vergessen beginnen –
       eine nur allzu gefährliche Tendenz. Diejenigen, die heute von Verhandlungen
       mit dem Tyrannen sprechen, werden morgen ihre Söhne an die Front schicken.
       
       Die Autorin war Stipendiatin der [8][taz Panter Stiftung]
       
       22 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Politischer-Mord-in-Berlin-Tiergarten/!5716096
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   DIR [6] /Kinderverschleppung-nach-Russland/!5945739
   DIR [7] /Waffenlieferungen-an-die-Ukraine/!5990543
   DIR [8] /Panter-Stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Anastasia Magasowa
       
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